Selbstbestimmt Inklusion auf der Tanzbühne: Die Forward Dance Company aus Leipzig

Das ist einmalig in Sachsen: Im LOFFT – DAS THEATER in Leipzig gibt es eine internationale, professionell arbeitende „mixed-abled“ Company für zeitgenössischen Tanz, in der auch Menschen mit Behinderung integriert sind. Für Sachsen und seine Kunstszene ist die Profi-Company ein wichtiger Schritt in Richtung Inklusion und Diversität.

tanzende Menschen
Lisa Zocher während der Premiere von "JOY" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Premiere für die Forward Dance Company am LOFFT in Leipzig: Sechs Tänzerinnen und Tänzer mit und ohne Beeinträchtigung stehen im Stück "JOY" gleichberechtigt im Rampenlicht. In der Tanz-Szene nennt man das “mixed abled”, also “unterschiedlich fähig”. Das Ensemble ist international besetzt und in dieser Art einmalig in Sachsen. Mit dabei ist auch die Leipzigerin Lisa Zocher. Sie sitzt wegen einer Spastischen Tetraparese seit ihrer Kindheit im Rollstuhl und ist außerdem sehbehindert. 

Tanzen bedeutet für mich erstmal ganz allgemein eine große Freiheit, auch meinen Körper anders zu erleben. Und es ist auch für mich einfach eine andere Form, mit meiner Behinderung umzugehen.

Lisa Zocher

Beeinträchtigung ist Teil des Projekts

Anfänglich hat die 23-Jährige noch Berührungsängste. Doch das änderte sich schnell. Das tägliche Training tut ihrem Körper gut und lindert nicht nur ihre Schmerzen: Lisa lernt auch durch den Tanz, ihren Körper besser zu verstehen.

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Lisa Zocher beim Training Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dieses Gefühl zu haben, dass meine Beeinträchtigung mit dazugehört und es darum geht, dass ich eben nicht so tanze, wie alle anderen. Und dass das zusammenkommt in diesem Projekt. Das ist eigentlich der Punkt, auf den ich mich immer wieder fokussiere. Und sage: das gehört dazu, das muss so sein.

Lisa Zocher

Choreograf Nir de Volff wählt die Crew für seine Projekte immer gezielt aus. Man müsse viel Energie und Kraft haben, aber auch einen starken Charakter, erklärt er. Der gebürtige Israeli holt auch Lisa Zocher in die Company.

Ein Mann im Interview.
Choreograf Nir de Volff Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sie ist sehr stark für sich. Sie hat viel Energie und ich liebe es. Sie war da einfach offen und sie wollte es einfach tanzen.

Choreograf Nir de Volff

Tanzen als Beruf

Lisa Zocher tanzt und schauspielert schon lange auf Amateurniveau. Menschen mit Beeinträchtigung sind noch größtenteils von deutschen Tanzschulen und Bühnen ausgeschlossen. Doch auch sie sollen das Tanzen zum Beruf machen können.

Das findet auch LOFFT-Geschäftsführerin Anne-Cathrin Lessel: "Für uns war es ausschlaggebend, wirklich zu sagen, wir wollen es aus der Hobby- und Freizeit Schiene und vor allem aus dem sozialtherapeutischen Kontext herausholen. Denn auch freie Kunst für Menschen mit Einschränkungen ist professionelle Arbeits-Kunst.“

So hat Lisa den Sprung vom Amateur zum Tanz-Profi geschafft und verdient damit auch Geld. Ursprünglich absolvierte sie eine Büro-Ausbildung - jetzt trainiert sie acht Stunden täglich.

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Professionelles Arbeiten: Acht Stunden Training am Tag Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es klingt sehr pathetisch: Für mich ist es ein bisschen wie ein Traum, der wahr geworden ist, weil ich das auf jeden Fall intensiver machen wollte. Ich würde mir wünschen, dass dies weiter gefördert wird und dadurch auch normal wird in der Kunstszene.

Lisa Zocher

Trotz Corona hat die Forward Dance Company zwei Produktionen auf den Weg gebracht. Besonders schwierig war, dass sich die Tänzer und Tänzerinnen zu Beginn nicht berühren durften. Das aktuelle Stück “JOY” vermittelt nun die Freude darüber, endlich wieder entspannter zu leben.

Schillernd und bunt war die Premiere von "JOY". Die Macher zeigen auf beeindruckende Weise zeitgenössischen Tanz in all seinen Facetten, gepaart mit schauspielerischen Elementen. Nach Monaten des Verzichts endlich wieder Auftritte vor Publikum.

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Die Para-Speerwerferin Francés Herrmann. 30 min
Die Para-Speerwerferin Francés Herrmann. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt - Das Magazin | 11. Juli 2021 | 08:00 Uhr