Protagonistin Jeanette K. schaut Fotos an
Bildrechte: MDR/Isabel Álvarez

SELBSTBESTIMMT - Die Reportage | 01.09.2019 | In der Mediathek ansehen Alles gelöscht - Die Frau ohne Erinnerung

Jeanette K. fehlt die Erinnerung und damit ihre Identität. Aber liegt in dem Fluch der Amnesie vielleicht auch ein Segen, in der Krise eine Chance? Ganz frei von Erinnerungen das neue Leben gestalten und das tun, was man wirklich möchte?

Protagonistin Jeanette K. schaut Fotos an
Bildrechte: MDR/Isabel Álvarez

Es passiert im Juni 2012: Zwei Tage nach ihrem 50. Geburtstag bricht Jeanette K. zu ihrem Job als Klinikreferentin auf und dann passiert es:

Ich weiß noch, ich war bei einer OP-Schwester und als ich diesen Besuch beendet habe, bin ich vor der Augenklinik Berlin-Marzahn ohnmächtig geworden und bin dann wach geworden in der Unfallklinik. Ich wusste weder wer ich bin, wie ich heiße, wo ich wohne, wie meine familiäre Situation ist, ich wusste gar nichts.

Jeanette K.

Alles vergessen

Als sie im Krankenhaus erwacht, ist nichts mehr wie zuvor. Sie hat alles vergessen, was bisher in ihrem Leben geschehen ist. Alles gelöscht. Selbst ihr Sohn ist für sie ein Fremder.

Am ersten Tag dann, in der neurologischen Klinik, da kam dann auch mein damaliger Lebensgefährte und hat meinen Sohn mitgebracht. Und ich weiß noch, die kamen zur Tür rein und ich habe nur gedacht, ach, das ist aber ein netter junger Mann, ich dachte, das ist ein Pfleger oder irgendwie. Ich habe den gar nicht erkannt.

Jeanette K.

Ihren eigenen Namen erfährt sie von den Ärzten. Bald steht die Diagnose fest: Amnesie. Eine rastlose Suche nach der Vergangenheit beginnt. Bekannte, Freunde, Familie - alle Menschen, die um sie sind, muss sie neu kennenlernen.

Sozialer Abstieg

Jeanette K. lerntQuelle: nah-dran  Rechte: Mitteldeutscher Rundfunk  Bitte nur sendungsbezogen verwenden.
Alles muss Jeanette K. neu erlernen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nicht nur ihre eigene Lebensgeschichte hat sie vergessen, auch viele Fakten. Sie weiß nichts von der DDR, in der sie fast dreißig Jahre lebte. Ihre Englischkenntnisse sind nur noch bruchstückhaft vorhanden. Für ihren Beruf als Klinikreferentin fehlt ihr jegliches Wissen. Doch das Leben geht weiter. Sie muss den Alltag bewältigen. Ihr Arbeitgeber kündigt, die Krankengeldzahlung endet. Sie landet in Hartz IV und ist auf Lebensmittelspenden von der Berliner Tafel angewiesen.

Ihre Freundin Katharina beschreibt ihre erste Begegnung mit Jeanette so:

Ich hatte das Gefühl, sie hat ja fünf massive Probleme jetzt. Jeder, der eins davon hätte, würde schon zusammenbrechen und daran verzweifeln können: Keine Freunde mehr, keine Familie mehr, keine Vergangenheit mehr, keine Arbeit mehr, kein Geld, kein Zuhause. Das ist ja das volle Paket, das kann einer ja gar nicht aushalten.

Katharina

Chance in der Krise?

Jeanette K. fehlt die Erinnerung und damit ihre Identität. Aber liegt in der Krise nicht auch eine Chance? Ganz frei von Erinnerungen das Leben neu gestalten und das tun, was man wirklich möchte? Der Film begleitet Jeanette K. auf der Suche nach sich selbst.

Zuletzt aktualisiert: 04. September 2019, 18:05 Uhr