In der Mediathek ansehen "Wenn wir alle gleich wären, wäre es total langweilig" – Live-Talk zum Thema Inklusion

"Selbstbestimmt" macht sich seit 30 Jahren für Inklusion und Teilhabe stark. Aus Anlass des Jubiläums hatte der MDR am 9. April namhafte Gäste zum Live-Talk eingeladen. Die ehemalige Bahnradsportlerin Kristina Vogel; Prof. Dr. Thomas Kahlisch, Direktor Deutsches Zentrum für barrierefreies Lesen (dzb lesen); Martin Fromme, Moderator "Selbstbestimmt“; Anette Reiß, Redakteurin der Sendung; sowie MDR-Intendantin Karola Wille diskutierten zusammen mit dem Publikum eine Stunde zum Thema "Wie inklusiv, solidarisch und barrierefrei leben wir?"

"Ich habe festgestellt, dass es in der Gesellschaft ein bisschen schwieriger ist, wenn man 'anders' ist. Aber ich sage immer: Wenn wir alle gleich wären, wäre es total langweilig“, sagte die zweifache Bahnrad-Olympiasiegerin Kristina Vogel, die seit einem Trainingsunfall im Jahr 2018 querschnittsgelähmt ist. Sie geht mit ihrem Leben im Rollstuhl offen um und ist in den sozialen Medien aktiv. Dort habe sie auch schon verletzende Kommentare bekommen.

Kristina Vogel im Live-Talk vom Selbstbestimmt-Jubiläum
Kristina Vogel Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ich habe dann ein lustiges Antwortvideo gemacht und bin auf diese Kommentare eingegangen. In diesen schnelllebigen Zeiten fällt es uns manchmal schwer, uns gegenseitig zuzuhören.

Kristina Vogel

Als Rundfunkanstalt für alle da

Die Wichtigkeit von Inklusion, Vielfalt und Barrierefreiheit für den MDR und das hohe Gut gesellschaftlichen Zusammenhaltes unterstrich auch MDR-Intendantin Karola Wille während der Livediskussion.

MDR-Intendantin Karola Wille im Live-Talk vom Selbstbestimmt-Jubiläum
MDR-Intendantin Karola Wille Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wir sind als öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt für alle da. Das heißt, die Interessen aller Bevölkerungsgruppen zu berücksichtigen und die Vielfalt unserer Gesellschaft auch im Programm abzubilden. Und natürlich muss auch der Zugang zu unseren vielfältigen Programmen ermöglicht werden.

MDR-Intendantin Karola Wille

Dies sei ihr sowohl als Intendantin, aber auch als Bürgerin der Bundesrepublik "ein total wichtiges Anliegen. Die Themen Respekt  und Wertschätzung beschäftigen uns sehr in der Gesellschaft, gerade jetzt, wo so viel Hass im Internet präsent ist. Wir als MDR wollen ein Stück weit zum Zusammenhalt in der Gesellschaft beitragen.“

Für mehr Barrierefreiheit

"Selbstbestimmung ist für mich meine eigene Entscheidung, was ich tue und wie ich es tue, ohne dass mich dabei etwas behindert“, erklärte Thomas Kahlisch. Der Direktor des Deutschen Zentrums für barrierefreies Lesen (dzb lesen) erblindete im Alter von 14 Jahren. Die Barrierefreiheit in Deutschland könnte aus seiner Sicht besser sein:

Thomas Kahlisch im Live-Talk vom Selbstbestimmt-Jubiläum
Thomas Kahlisch Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nehmen wir mal die aktuelle Pandemiesituation: Wenn Apps entwickelt werden, die für mich nicht benutzbar sind, dann ärgert mich das. Wenn die Digitalisierung nicht zum Vorteil für alle wird, sondern Leute ausgeschlossen werden.

Thomas Kahlisch

Für entspannteren Umgang mit dem Thema Behinderung

Dass man die eigene Behinderung auch humoristisch verarbeiten kann, beweist Martin Fromme seit Jahren. Der Comedian und Moderator der Sendung "Selbstbestimmt" kam ohne linken Unterarm zur Welt und bezeichnet sich selbstironisch als "einarmigen Banditen". Er stehe dafür, "dass man mit der Thematik Behinderung ein bisschen lockerer und entspannter umgeht". Der Humor ist meiner Ansicht nach das adäquate Mittel, um Brücken einzureißen und locker durch die Hose zu atmen.“ Ein Tabu für Behindertenwitze gab es für ihn nie.

Es gibt eigentlich keine negativen Reaktionen. Und wenn, dann sind es Nichtbehinderte, die sagen: Sowas darf man nicht machen. Und dann schüttel ich mit dem Kopf und sage: Sicher darf ich das machen. Wir machen ja auch Witze über Ostfriesen, Blondinen und jedwede Minderheiten. Warum soll Behinderung dabei ausgespart werden? Das wäre nicht inklusiv.

Martin Fromme

Auf die Frage einer Zuschauerin, ob die Diskussion über Inklusion und Barrierefreiheit manchmal zu ernsthaft geführt werde und ob man überhaupt über behinderte Menschen lachen dürfe, hatte Fromme eine klare Antwort: "Man kann sich über die Unzulänglichkeiten von Behinderten amüsieren und muss das auch. Das entspannt einen."

Erste Sendung mit der Thematik "Menschen mit Behinderung"

Für Anette Reiß aus der "Selbstbestimmt“-Redaktion gilt es dabei aber einige Dinge zu beachten: "Es gibt Unterschiede zwischen dem Bühnenprogramm von Martin Fromme und "Selbstbestimmt“.

Anette Reiß im Live-Talk vom Selbstbestimmt-Jubiläum
Anette Reiß Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Natürlich sind auch wir bemüht, möglichst mit Leichtigkeit alle Menschen mitzunehmen. Aber es gibt ja auch viele schwerwiegende Probleme für Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft, die man nicht so einfach mit einem Federstrich dahin erzählen kann.

Anette Reiß

In jeder der 635 neu produzierten Sendungen habe man sich in dieser Balance bewegen müssen. Als 1991 die erste Ausgabe von "Selbstbestimmt" ausgestrahlt wurde, sei das ein Durchbruch gewesen: "Zum ersten Mal hat man sich in einer eigenen Sendung mit der Thematik "Menschen mit Behinderung" beschäftigt – mit einem Moderator im Rollstuhl. Viele Themen von damals haben wir auch heute noch auf dem Schirm.“

Barrierefreiheit ist mittlerweile zu einem strategischen Ziel des MDR geworden. Inzwischen sind 90 Prozent des MDR-Fernsehens untertitelt, für über vier Stunden Fernsehprogramm täglich gibt es Hörfassungen. Hinzu kommen 32.000 Sendeminuten in Gebärdensprache pro Jahr. Außerdem wurde eine inklusive Audio-App entwickelt. „Ich freue mich, was in den letzten Jahren alles entstanden ist und dass das Thema "Selbstbestimmt“ bei uns Programm ist“, bilanzierte Intendantin Wille.

Aufgrund der Infektionslage waren alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer räumlich getrennt und wurden per Video zugeschaltet.

30 Jahre Selbstbestimmt: Das Magazin für Inklusion und Teilhabe im MDR

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt - Das Magazin | 11. April 2021 | 08:00 Uhr