Eine wahre Wende-Wunder-Geschichte Ende der DDR: Aufbruch in eine neue Zeit für kognitiv behinderte Menschen

Carola Hiersemann und Edith Stelzer kennen sich aus jahrzehntelanger gemeinsamer Verbandsarbeit. Sie haben beide Kinder und jeweils eines davon hat eine kognitive Behinderung. Die beiden Kinder sind heute 42 Jahre alt und leben so lange wie es eben geht bei ihren Eltern. Tagsüber gehen sie in eine Werkstatt. Wobei das, was sie dort leisten, ganz unterschiedlich ist, so wie ihre Persönlichkeiten. Carola Hiersemann und Edith Stelzer erinnern sich an die Anfänge der "Lebenshilfe" zur Wendezeit in Leipzig.

Carola Hiersemann und Edith Stelzer
Carola Hiersemann und Edith Stelzer heute Bildrechte: MDR/Elisabeth Enders

November 1989. Für die Leipzigerin Carola Hiersemann öffnet sich mit den Montagsdemonstrationen der Horizont:

Ich habe sofort überlegt, wie man diese Stimmung der Veränderung für unsere Kinder nutzen könnte, um mehr Selbstbestimmung für sie zu erreichen.

Carola Hiersemann

Derartige Eigeninitiative, das Vernetzen in Selbsthilfegruppen war zu DDR-Zeiten nicht gewollt. Nun setzt sie mit Gleichgesinnten einen kleinen Text in die Lokalzeitung, fünf Zeilen, die zu einem ersten öffentlichen Treffen für Eltern geistig behinderter Kinder einladen.

Das erste Treffen: "Es kamen 300 Eltern"

Immer noch ist sie fasziniert von der Wirkung: "Es kamen 300 Eltern. Damit hatten wir nicht gerechnet." Dicht gedrängt in dem viel zu kleinen Raum beginnt etwas Neues:

Bei diesem ersten Treffen haben wir unsere Forderungen an die Stadt Leipzig formuliert und die erste und wichtigste war: Beschulung jedes Kindes von Anfang an.

Carola Hiersemann

Das DDR-Bildungssystem sah zwar eine Hilfsschule vor, die aber relativ viele Kinder als bildungsunfähig aussortierte, wie sie erklärt. Das bedeutete, dass sie in eine Tagesstätte gingen, in der lediglich Lebenspraktisches vermittelt wurde, aber keine Versuche mehr unternommen wurden, den Kindern grundlegende Fähigkeiten in den Kulturtechniken beizubringen. "Es hat durchaus dort auch Personal gegeben, das mehr gewollt hätte, aber der Plan sah das eben nicht vor."

Carola Hiersemann hatte sich sonderpädagogisches Fachmaterial aus der BRD besorgt und kümmerte sich um die Förderung ihrer Tochter zu Hause. Bei einer engagierten Psychologin fanden schon vor 1989 abends Elternkreise statt. Sie stellte ihre Räume zur Verfügung. "Ansonsten bekam man ja nicht die Therapie oder den Psychologen, den man wollte, sondern das, was die Ärzte einem empfahlen."

"Den Kindern bestmögliche Perspektiven geben"

Kurz nach dem ersten Treffen im November gibt es ein zweites im Dezember 1989. Wieder ist die Resonanz riesig: Über 1.000 Menschen kommen. Der Behindertenverband Leipzig e.V. gründet sich daraufhin im April 1990. "Doch dort war uns schnell klar, dass wir für unsere Kinder etwas Eigenes schaffen mussten. Sie können ja nicht für sich selbst eintreten, so wie das Menschen mit körperlichen Einschränkungen können", erklärt Carola Hiersemann.

12. Mai 1990. Nach wochenlanger Vorbereitung gründet sich die "Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung" in Leipzig. Das Leitbild sieht so aus: elternbestimmt und unabhängig agieren, den Menschen mit kognitiver Behinderung im Blick haben, nicht einfach über die Kinder entscheiden, sondern ihnen bestmögliche Perspektiven geben. Zur Gründung überreicht das Leipziger Gewandhausorchester eine Spende über 30.000 DM. Das Geld soll zur Einrichtung einer Tagesstätte verwendet werden.  25 Stunden in der Woche arbeitet Carola Hiersemann nun ehrenamtlich als Vorsitzende für den Verein, zusammen mit ihren Vorstandskollegen. Sie bauen eine neue Struktur auf, gleichzeitig bricht die alte weg. Gelder und Spenden müssen eingeworben werden, Räume gefunden, Behörden überzeugt; es ist eine enorme Aufbauarbeit, die ohne die engagierten Eltern im Verein nicht zu leisten ist.

120 lokale Lebenshilfe-Vereine entstehen im Osten

Kurz zuvor hat sich der Dachverband Lebenshilfe DDR gegründet. In den kommenden Wochen entstehen in der DDR 120 lokale Lebenshilfe-Vereine. Viele bekommen von Anfang an Unterstützung aus der BRD. Mit der Wiedervereinigung fusionieren die Dachverbände.

Edith Stelzer ist 1990 auf einer Bildungsreise. Sie schaut sich gemeinsam mit anderen Eltern zwei Schulen in der BRD an, die geistig behinderte Kinder fördern. Elterngruppen, gemeinsame Freizeitaktivitäten, aber auch Arbeitseinsätze gehören in diese Zeit. Dass der Austausch untereinander endlich möglich ist, gibt ihr Kraft und Optimismus.

"Bildung für alle von Anfang an"

1991. In der Coppistraße 7, der früheren "Tagesstätte für bildungsunfähige Kinder", beziehen im Dachgeschoss zunächst zwei Freiwillige, die später ABM-Kräfte werden, die Geschäftsstelle der Lebenshilfe Leipzig e.V.. Im Haus wird eine erste provisorische Werkstatt eingerichtet. Mit dem Beitritt der DDR zur BRD ist jedes Kind schulpflichtig. In der Leipziger Richterstraße entsteht die erste Förderschule. Die Kinder und Jugendlichen, die bis dahin die Tagesstätte für "bildungsunfähige" Kinder besucht hatten, ziehen dorthin um. Die Lebenshilfe berät viel bei Aufbau und Pädagogik und die Kinder der Familien Hiersemann und Stelzer gehen nun auf diese Schule.

April 1992. Die Lebenshilfe eröffnet ihre Frühförderstätte für Kinder mit kognitiven Einschränkungen. Es ist der erste Schritt zur ersehnten und so lange verwehrten "Bildung für alle von Anfang an". Trotz der ersten Erfolge bleibt die ständige Sorge ums Geld. Die Lebenshilfe nutzt jede Chance, Spenden einzuwerben.

Eltern als Werkstattbetreiber

Mit der Auflösung der DDR-Betriebe fallen dort als erstes die geschützten Betriebsabteilungen weg, in denen Menschen mit Behinderung gearbeitet hatten. Auch die vielen einfachen Hilfsjobs, denen die Absolventen der Hilfsschulen nachgehen konnten, brechen weg. Arbeit muss her. Die Eltern der Lebenshilfe werden zu Werkstattbetreibern: "Die geschützten Abteilungen des Zoos und der Universität Leipzig haben wir komplett übernommen", erinnert sich Carola Hiersemann.

"Enthospitalisierung": Trägerschaft für zwei Heime

Oktober 1992. Ganz wichtig ist es den Engagierten in dieser Zeit auch, die "Enthospitalisierung" voran zu bringen. In zwei Großeinrichtungen in Altscherbitz und Dösen leben je etwa 1.000 geistig behinderte Menschen unter unwürdigen Bedingungen. "Satt und sauber" war das Motto der vergangenen Jahrzehnte, das hieß unter anderem, dass es keinerlei Privatsphäre gab. Die Lebenshilfe stellt im Oktober den Antrag, die Trägerschaft für zwei neue Heime zu übernehmen, die eine kleine Struktur mit Privatsphäre, Selbstbestimmung und fördernder Betreuung bieten werden.

So vergehen die 1990er-Jahre mit dem kontinuierlichem Aufbau neuer Strukturen, die die Bedürfnisse geistig behinderter Menschen in den Mittelpunkt stellen sollen. Eine Elterngruppe baut einen Verein auf, der heute eine Werkstatt, drei Wohnheime, einen Kindergarten und eine Frühförderstätte betreibt. Eine wahre Wende-Wunder-Geschichte. 1997 wird das MDR-Sinfonieorchester Pate der Lebenshilfe und spielt regelmäßig Benefizkonzerte, die Musikerinnen und Musiker spielen auch in den Einrichtungen.

Carola Hiersemann wird 2000 die zweite Behindertenbeauftragte der Stadt Leipzig und bleibt dies bis zu ihrem Ruhestand 2020. Heute sind sie und Edith Stelzer "rüstige Rentnerinnen". Sie sorgen weiter für ihre Kinder und machen sich Gedanken um die Zukunft der Inklusion, auch wenn die jungen Familien heute "einen ganz anderen Start" haben, so Edith Stelzer.

Inklusion als Lebensaufgabe

Ihnen geht es heute darum, auch gute Modelle für die großen "Kinder" zu finden. Familie Stelzers Sohn ist Teil einer Gruppe, die in einer Wohngemeinschaft zusammenleben will. Bei der Konzeptvergabe der Stadt Leipzig hoffen sie auf ein Grundstück, das mit Hilfe eines Trägers behindertengerecht bebaut und gestaltet werden kann. Wo Familie Hiersemanns Tochter einmal leben kann, wenn ihre Eltern sich nicht mehr kümmern können, ist noch unklar: "Die bei ihren Eltern lebenden Erwachsenen werden nicht gesehen", stellt Carola Hiersemann fest.

Inklusion ist für ihre kognitiv eingeschränkten, erwachsenen Kinder nicht einfach zu leisten. Sie brauchen ausdauernde Begleitung, die auf ihre individuellen Bedürfnisse eingeht. Eine Lebensaufgabe, die sie irgendwann abgeben können müssen.

 

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt | 11. April 2021 | 08:00 Uhr