30 Jahre Selbstbestimmt - #inklusion | Interview Jennifer Sonntag: "Fernsehen und Nichtsehen widersprechen sich nicht"

Jennifer Sonntag ist eine schillernde und vielseitige Persönlichkeit. Die engagierte Streiterin für die Belange von behinderten Menschen entwickelt kreative Projekte, ist Autorin, Beraterin und Journalistin. Seit dreizehn Jahren präsentiert sie verschiedene Formate der Sendung "Selbstbestimmt". Im Interview erzählt die Hallenserin, wie sie zum MDR kam, wie es sich anfühlt, nahezu die einzige blinde Moderatorin Deutschlands zu sein und von Drehpannen, die nur Blinden passieren können.

Jennifer, du bist eigentlich studierte Sozialpädagogin, stehst aber schon seit 2008 für die Sendung „Selbstbestimmt“ vor der Kamera. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem MDR?

Die Sendung hat mich gefunden. Also einige meiner Chefs haben mir damals das Fernsehteam ins Büro geschickt. Ursprünglich wollte "Selbstbestimmt" eine Doku über Rehabilitanden in der Einrichtung machen, in der ich damals als Sozialpädagogin tätig war. Und als wir zusammen im Büro saßen, hatte das Team wohl Gefallen an meinem selbstbestimmten Look gefunden. Ich war ja schon immer ein auffallend szeniger Mensch und habe auch nach außen gelebt, dass ich selbstbestimmt bin. Wir haben einen Pilot gedreht und dann ging die Sendung an den Start.

Von 2008 bis 2021 – das ist eine lange Zeit. Da gab es bestimmt besonders schöne Momente?

Es gab auf jeden Fall lustige Momente. Anfangs sind wir ja noch durch ganz Deutschland gefahren und haben die prominenten Gäste auch in ihren Wohnungen besucht. Da bin ich mal zwischendurch auf eine Behindertentoilette irgendwo an der Raststätte gegangen. Da habe ich mich blind durchgetastet und aus Versehen die Dusche aktiviert. Das war der Horror, weil ich dachte: 'Jetzt komme ich hier vollgeduscht zurück ins Auto und weiter geht's nach Köln. Das kann auch nur einer Blinden passieren'.

Ich durfte mit meinen Maskenbildnerinnen besprechen: Wie werde ich geschminkt? Ich konnte das Ergebnis aber nie selber sehen.

Ich habe auch keine blinde Kollegin, mit der ich mich austauschen kann. Seit dreizehn Jahren wünsche ich mir, dass ich einfach mal eine andere blinde Moderatorin fragen kann: Wie machst du denn das

Gab gab es auch schwierige Situationen?

Dass es etwas schwieriges gab, kann ich gar nicht sagen. Außer dass ich immer mit meinen Augen kämpfen musste. In den Interviews mit den Prominenten musste ich zum Beispiel aufpassen, dass mir die Augen nicht wegrutschen, der Blick nicht abdriftet. Dass ich mit meinen anderen Sinnen versuche, Mimik und Gestik vom Gegenüber aufzufangen. Manchmal haben die auch ganz verzweifelt zu meinem Kamerateam geschaut, weil sie von mir keine optische Rückmeldung erhalten konnten. Das war manchmal schwierig, aber auch nicht schlimm.

Fernsehmacherin ohne Augenlicht

Wie hat es sich am Anfang angefühlt, als blinde Frau im Fernsehen zu moderieren?

Das war aufregend und auch eine Kontroverse, weil ich gerade mein Augenlicht verloren hatte und mich ausgerechnet mit etwas befasst habe, das ich gar nicht sehen konnte. Ich habe dann immer gesagt: Fernsehen und Nichtsehen widersprechen sich nicht. Deshalb durfte ich mir auch meine Looks selbstbestimmt aussuchen. Ich durfte mit meinen Maskenbildnerinnen besprechen: Wie werde ich geschminkt? Wie soll meine Frisur sein? Ich konnte das Ergebnis aber nie selber sehen.

Für mich hat sich geändert, dass Menschen mit Behinderung selbstwirksamer werden. Dass wir aus dieser 'über euch, ohne euch-Kultur' herauskommen.

Mit Anfang 20 bist du allmählich erblindet. Was war für dich damals in deinem neuen Alltag am schwersten?

Ich hatte damals unheimlich mit mir selbst zu kämpfen. Ich habe mir Vorbilder gewünscht. Ich habe mir tolle, coole Menschen gewünscht, die mir zeigen: Es gibt ein kreatives, intensives Leben auch mit Behinderung oder sogar mit Kombinationen an Behinderung. Und alles, was da noch kommt im Leben: Die ganzen Barrieren, die ganzen Hürden. Davon hatte ich noch gar nichts geahnt zum Glück. Das kam erst im Laufe der Behinderung.

Die Moderatorin Jennifer Sonntag sitzt auf einem Stuhl und schaut in die Kamera. Sie trägt lange, schwarze Haare und rote Ohrringe. Dazu einen schwarzen Pullover.
Ästhetik, Sinnlichkeit und Erotik spielen eine große Rolle für Jennifer Sonntag. In ihrem Buch "Der Geschmack von Lippenrot" möchte sie blinde Frauen zu mehr Selbstbewusstsein im Umgang mit ihrer Weiblichkeit animieren und gibt Styling- und Schminktipps. Bildrechte: Mia Media

Steckbrief Jennifer Sonntag wird 1979 in Halle/Saale geboren, wo sie bis heute mit ihrem Partner lebt. Mit Anfang 20 beginnt sie, aufgrund einer Augenkrankheit schlechter zu sehen, bis sie vollständig erblindet. Ihren Plan, Streetworkerin zu werden, muss Jennifer verwerfen. Sie studiert Sozialpädagogik und arbeitet bis 2017 als Diplomsozialpädagogin. Heute ist Jennifer Sonntag freie Journalistin, vor allem für die Nachrichtenplattform zur Behindertenpolitik - Kobinet. Sie schreibt Bücher und bietet Workshops an, ist in den sozialen Medien aktiv und mischt bei vielen verschiedenen kreativen Projekten mit. Außerdem setzt sie sich als Inklusionsbotschafterin der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland e.V. ILS für die Belange von sehbehinderten und blinden Menschen ein. Für die MDR-Sendung "Selbstbestimmt" moderierte sie bereits verschiedene Formate - darunter das Talkformat "SonntagsFragen", für das sie mehr als 80 prominente Gäste traf.

Als blinde Frau bist du nahezu die einzige Moderatorin mit Behinderung in Deutschland. Macht Dich das stolz? Oder wütend?

Mich ärgert das eher. Wenn ich Vorträge für Studierende gehalten habe, dann habe ich immer gefragt: Wie viele Moderierende mit Behinderung fallen Ihnen denn ein im deutschen Fernsehen? Da waren keine Bilder im Kopf. Ich habe auch keine blinde Kollegin, mit der ich mich austauschen kann. Seit dreizehn Jahren wünsche ich mir, dass ich einfach mal eine andere blinde Moderatorin fragen kann: Wie machst du denn das mit den Kamerateams? Wo sind deine Grenzen? Wie findest du da Lösungen? Da gibt es ganz wenig bis nichts.

Jeder zehnte Bundesbürger hat eine Behinderung. Das ist kein Thema, was man von außen betrachten kann.

30 Jahre "Selbstbestimmt" sind auch 30 Jahre Inklusion. Wie hat sich unsere Gesellschaft in diesen Jahren geändert, was das Thema Inklusion betrifft?

Für mich hat sich geändert, dass Menschen mit Behinderung selbstwirksamer werden. Dass wir aus dieser "über euch, ohne euch-Kultur' herauskommen. Dass wir einfach mit zum großen Ganzen gehören dürfen und nicht immer diese Sätze hören: 'Ihr müsst euch integrieren. Die anderen brauchen euch nicht, ihr braucht die anderen.' Ich glaube, es findet ein ganz starker Wandel statt. Wir können uns emanzipieren von alten Begriffen. Es ist noch nicht überall angekommen, aber es gibt ganz starke, tolle Menschen mit Behinderung, die Gesicht zeigen und die Behindertenbewegung aufmischen.

Es nützt nichts, wenn man brüllt und bellt. Das machen schon sehr viele Menschen.

Leidenschaftliche Aktivistin der Behindertenbewegung

Als Inklusionsbotschafterin bist du immer eine Streiterin mit Herzblut – immer klar, aber empathisch, nie verärgert fordernd. Wie gelingt dir diese versöhnliche Ruhe angesichts vieler Ungerechtigkeiten und Hürden?

Einerseits ist es so, dass ich aufgrund meiner Behinderung lernen musste, dass Schreien und Treten nicht helfen wird. Also wenn man die Diagnose "Blindheit" erhält, kann man machen, was man will: Man wird erblinden. Das heißt aber nicht, dass man sich damit einverstanden erklärt, auch alles andere zu ertragen, was im Leben ungerecht läuft. Und deswegen ist das auch so ein Trugschluss. Also wenn ich sehr besonnen wirke, ist das eine Wesensart. Ich bin aber auch oft sehr verzweifelt und froh, dass ich wütend werden kann. Es nützt nur nichts, wenn man brüllt und bellt. Das machen schon sehr viele Menschen.

Was wünschst du "Selbstbestimmt" zum 30-Jährigen?

Ich wünsche der Sendung, dass sie weiter so trendorientiert bleibt. Dass sie sich anschaut, was Menschen mit Behinderung in ihren Medien publizieren. Dass sie nah dran bleibt an unserem Puls. Dass die Sendungsmacher sehen: Was bewegt uns? Was wollen wir in den Medien sehen? Und vor allem wünsche ich mir, dass Menschen ohne Behinderung sehen, dass sie gar nicht so weit weg vom Thema sind. Jeder zehnte Bundesbürger hat eine Behinderung. Das ist kein Thema, was man von außen betrachten kann.

Ich wünsche mir sehr, dass Menschen mit Behinderungen irgendwann einmal nicht mehr nur selbstbestimmt, sondern auch selbstverständlich sind, auch in unserer Medienlandschaft.

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