30 Jahre MDR Selbstbestimmt - #inklusion | Interview Kristina Vogel: "Ich lebe selbstbestimmt, nur eben im Rollstuhl"

Kristina Vogel zählt zu den weltweit erfolgreichsten Bahnradsportlerinnen. Anlässlich des 30-jährigen Jubiläums von MDR Selbstbestimmt unterstützt sie die Sendung nun als prominente Patin. Im Interview erzählt sie, wie viel Kontakt sie vor ihrem Unfall zu Menschen mit Behinderung hatte - und wieso Inklusion im Sport einfach sowieso dazugehört.

Frau Vogel, warum unterstützen Sie die Sendung "Selbstbestimmt"?

Ich glaube, dass man immer vor Dingen Angst hat, die man nicht kennt. Und wenn ich "normale" Menschen frage, ob sie behinderte Menschen kennen, dann höre ich ganz oft "Nein". Ich erlebe ja selber im Alltag, dass da immer ein bisschen Berührungsangst mitspielt. Von daher möchte ich einfach die Hemmschwelle nehmen und zeigen, dass ich ein ganz normaler Mensch bin und selbstbestimmt lebe. Dass ich nur im Rollstuhl sitze und nichts anderes. Jeder hat sein Päckchen zu tragen - bei mir sieht man es nur mehr als bei anderen.

Wenn ich unterwegs bin, fragt oft jemand meine Begleitperson, wie es mir geht oder was ich möchte. Und das ist schon komisch - weil ich 30 Jahre, mündig und fit bin. Ich kann selber beantworten, wie es mir geht.

30 Jahre "Selbstbestimmt" bedeuten auch 30 Jahre Entwicklung zu einer inklusiven Gesellschaft. Was denken Sie: Wie sichtbar waren Menschen mit Behinderung damals?

Kristina Vogel im Rollstuhl und in langem weißen Kleid und mit glätzendem Haareif bei der bei der Gala "SportlerIn des Jahres" 2018
Eine, die Mut macht und inspiriert: 2018 wurde Kristina Vogel Zweitplatzierte in der Kategorie "Sportlerin des Jahres". Bildrechte: imago/Sven Simon

Ich erinnere mich daran, dass ich mal eine Frau kennengelernt habe, die mir erzählt hat, dass es für sie damals als Rollstuhlfahrerin verboten war, sich zu schminken. Dass sie durchs Dorf gefahren ist und jemand gesagt hat: 'Warum schminkst du dich? Du sitzt doch im Rollstuhl'. Und wenn man auf jetzt schaut: Ich fahre mit Highheels rum, ich schminke mich, ich bin bunt und laut. Das ist schon alltäglicher geworden. Wir haben schon einen Prozess erlebt, aber es ist noch lange harte Arbeit. Denn wir sind beiweitem noch nicht dort, wo wir sein sollten.

Wo stehen wir heute in Deutschland beim Thema Inklusion?

Ich glaube, wir machen schon vieles richtig. Natürlich gibt es Länder, in denen es besser und in denen es schlechter geht. Wir haben es ja schon gesetzlich verankert. Im Grundgesetz steht, dass niemand wegen seiner Behinderung diskriminiert werden kann. Trotzdem müssen wir noch viel dafür tun. Wenn ich mit Menschen unterwegs bin, ist es ganz oft so, dass jemand meine Begleitperson fragt, wie es mir geht oder was ich möchte. Und das ist schon komisch - weil ich 30 Jahre, mündig und fit bin. Also ich kann auch selber beantworten, wie es mir geht. Aber ich denke, dass viele einfach Angst haben, etwas falsch zu machen. Und ich glaube, wenn Inklusion wirklich stattfinden würde, dann hätten wir das gar nicht.

Kristina Vogel hat viel Edelmetall geholt. Hier zeigt sie zusammen mit Miriam Welte (l) am 02.08.2012 ihre Goldmedaillen für den Teamsprint der Frauen bei den olympischen Sommerspielen in London.
Kristina Vogel hat viel Edelmetall geholt. Hier zeigt sie zusammen mit Miriam Welte (l) am 02.08.2012 ihre Goldmedaillen für den Teamsprint der Frauen bei den olympischen Sommerspielen in London. Bildrechte: imago/Camera 4

Steckbrief Kristina Vogel wird 1990 im heutigen Kirgistan geboren. Aufgewachsen in Erfurt entdeckt sie mit zehn Jahren ihre Leidenschaft für den Radsport. In ihrer sportlichen Karriere bricht Kristina Vogel etliche Rekorde - wird zweifache Olympiasiegerin und erlangt elf Weltmeistertitel. 2018 stürzt Vogel beim Training im Cottbuser Radstadion nach der Kollision mit einem niederländischen Fahrer. Sie zieht sich einen Trümmerbruch des Brustbeins sowie eine schwere Wirbelsäulenverletzung zu und ist seither querschnittgelähmt. Heute arbeitet Kristina Vogel unter anderem wieder in ihrem Beruf als Bundespolizistin und sitzt im Erfurter Stadtrat. Durch ihre positive Energie und ihren Kampfgeist gilt sie für viele Menschen - ob mit oder ohne Behinderung - als Vorbild und Inspirationsquelle. Im Frühjahr 2021 veröffentlicht Kristina Vogel ihre Biographie "Immer noch ich. Nur anders".

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Was soll sich möglichst rasch in Sachen Inklusion ändern?

Wenn ich mir was wünschen dürfte, dann wäre es so ein bisschen "Weltfrieden". Dass ein jeder die gleichen Chancen hat wie jeder andere auch. Dass es egal ist, ob man eine Behinderung hat oder nicht. Dass ich einfach eingestellt, ausgewählt werde, vielleicht auch angeflirtet werde, weil ich ich bin. Und nicht, weil ich die Frau im Rollstuhl bin.

Jeder hat mal einen Moment, in dem alles richtig, richtig nervt und das unterscheidet mich überhaupt nicht von allen anderen. Nur dass mein Thema vielleicht ein anderes ist.

Bevor Sie den Unfall hatten: Wie viel Kontakt hatten Sie als Sportlerin zu Menschen mit Behinderung? Haben Sie sich mit "ihren Themen" beschäftigt?

Kristina Vogel reibt sich ein Auge
Ihren Weg zurück ins Leben nach dem schweren Unfall 2018 verfolgten viele Menschen. Sechs Monate nach dem Sturz gab Kristina Vogel eine Pressekonferenz im Unfallkrankenhaus Berlin-Marzahn. Bildrechte: dpa

Ich hatte als Leistungssportlerin vorher schon viel Kontakt zu Menschen mit Behinderung. Also ich habe viele paralympische Sportler kennengelernt. Aber noch nicht so viele, die im Rollstuhl sitzen. Ich erinnere mich an eine Situation mit Kirsten Bruhn, einer paralympischen Schwimmerin. Wir hatten damals ein Event und waren mit einem Doppeldeckerbus unterwegs. Auf einmal stand Kirsten Bruhn aus dem Rollstuhl auf und lief die Treppen hoch. Ich dachte nur: Hä? Wie geht denn das? Und dann habe ich mir von ihr erklären lassen, dass sie inkomplett gelähmt ist. Das heißt, sie hat noch ein bisschen Restfunktion und kann auf gut Glück ein, zwei Schritte machen. Ich war da so unaufgeklärt, aber es war auch nicht schlimm. Ich habe sie einfach offen gefragt, sie hat es mir erklärt und das war super. Ich finde, dass Sport die Welt verändern kann. Weil es im Sport meistens kein arm oder reich gibt, kein weiß oder schwarz. Da ist es egal, ob mit oder ohne Behinderung. Da herrscht eine ganz inklusive Weltanschauung: Wir sind alle da und kicken halt ein paar Bälle.

Sie wirken beim Umgang mit Ihrer Behinderung sehr stark und kämpferisch. Woher nehmen Sie diese Kraft?

Kristina Vogel lächelnd
"Think pink" ist Kristina Vogels Lebensmotto! Bildrechte: imago images / Eibner

Ich habe immer das Gefühl, dass Menschen denken, ich spiele das nur. Aber nein, auch ich habe manchmal einen schweren Moment. Wo es mich wirklich nervt, dass ein Fahrstuhl kaputt ist. Wo ich was vom Boden aufheben möchte oder es in die Couch gerutscht ist und ich denke: Muss ich jetzt wirklich erst aus dem Rollstuhl rausrutschen und das aufheben? Aber jeder hat ja diese schwarzen Momente. Jeder hat mal einen Moment, in dem es richtig, richtig nervt und das unterscheidet mich überhaupt nicht von allen anderen. Nur, dass mein Thema vielleicht ein anderes ist. Ich liebe das Leben. Ich will es einfach meistern. Ich will nehmen, was kommt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (l, CDU) sitzt während des Tages der offenen Tür der Bundesregierung auf der Bühne neben Kristina Vogel, ehemalige deutsche Bahnradsportlerin.
Während des Tages der offenen Tür der Bundesregierung im August 2019 sitzt Kristina Vogel neben Bundeskanzlerin Angela Merkel. Bildrechte: dpa

Zu Gast in der MDR-Talkshow Riverboat

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