Kolumne "Mit anderen Augen" Jennifer Sonntag kritisiert Barrieren in der medizinischen Versorgung

Wer krank ist, sucht schnelle Hilfe. Für Menschen mit Behinderung ist nicht selten der Besuch einer nicht-barrierefreien Praxis oder Klinik eine zusätzliche Belastung. Inklusionsbotschafterin Jennifer Sonntag musste erfahren, dass auch Therapieangebote nicht (immer) inklusiv gedacht sind. In ihrer Kolumne "Mit anderen Augen" kritisiert sie Barrieren im medizinischen Versorgungssystem.

Ein Thema, das mich umtreibt, ist die fehlende Barrierefreiheit in Kliniken und Arztpraxen. Leider hat das aktuelle Barrierefreiheitsstärkungsgesetz auch da nicht viel Neues für uns Menschen mit Behinderung gebracht.

Langer Flur
Müsste Barrierefreiheit in der medizinischen Versorgung nicht selbstverständlich sein? Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Barrieren in der medizinischen Versorgung können ganz verschieden aussehen. Es gibt bauliche Barrieren, das heißt, man kommt in eine Arztpraxis oder Klinik überhaupt nicht rein. Das bedeutet, wir haben Stufen, aber keine Aufzüge und Orientierungssysteme, wir haben Informationsbarrieren. Es gibt viele Materialien, die für Blinde nicht lesbar sind, oder in leichter Sprache nicht zur Verfügung stehen.

"Für blinde Menschen haben wir kein Therapieprogramm"

Ich habe vor einigen Jahren eine zusätzliche Einschränkung hinzubekommen, nämlich einen sehr starken Tinnitus. Ich habe sehr viele Kliniken durchtelefoniert und im Prinzip schon bei der Anmeldung die Ablehnung bekommen.

Es hieß: 'Für blinde Menschen haben wir kein Therapieprogramm. Sie können sich nicht orientieren, also nicht die einzelnen Therapiestationen aufsuchen, Sie können die Materialien nicht lesen.' Das war für mich ein riesengroßer Schock. Denn ich habe 20 Jahre lang in einem helfenden Beruf gearbeitet.

Frau mit Blindenstock auf einer Treppe
Menschen mit Behinderung kämpfen auch noch beim Arztbesuch mit Barrieren. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Natürlich ist man als Patient extrem geschwächt. Wenn man eine Therapie sucht, ist man ja krank und kann sich nicht erst an ein Ministerium wenden, man hat dazu nicht die Energie. Das gilt auch für die Angehörigen, die nicht sofort einen Anwalt einschalten und alle Instanzen abklappern können. Denn eigentlich ist man ja erst mal verzweifelt und braucht eine helfende Hand.

Für mich ist die Geschichte letztlich so ausgegangen, dass ich eine sehr gute Einzeltherapeutin gefunden habe. Eine Tinnitustherapeutin, die mir beigebracht hat, wie ich mit dem Tinnitus leben kann.

Hand auf Handlauf
Inklusion von Anfang an und in allem gesellschaftlichen Bereichen mitdenken, das fordern Menschen mit Behinderung. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ich finde es problematisch, dass Menschen mit Behinderung immer eine Bringepflicht haben. Während nicht-blinde Patientinnen und Patienten ein Krankenhaus ganz normal nutzen können, müssen Menschen mit Behinderung sogar um Krankenhausplätze, und den Besuch einer Arztpraxis kämpfen. Das möchte ich nicht.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt | 13. Juni 2021 | 08:00 Uhr