Kolumne "Mit anderen Augen" Jennifer Sonntag: Behinderung und Depression

Depressionen betreffen auch Menschen mit Behinderung, doch für sie ist es oft noch schwerer, Hilfe zu finden. Jennifer Sonntag wünscht sich, dass Behinderung plus Depression kein Tabuthema mehr ist, dass offener darüber gesprochen wird. Über ihre persönlichen Erfahrungen berichtet sie in ihrer Kolumne "Mit anderen Augen".

Ich möchte heute über Behinderung plus Depression sprechen, denn beides kann auch gekoppelt vorkommen und leider wird es viel zu selten zusammen diskutiert.

Die Behinderung muss nicht die Ursache für eine Depression sein. Der Auslöser für meine Depression war damals eine dauerhaft unfaire Situation am Arbeitsplatz, und ich habe das sehr spät erkannt, als die Depression schon sehr weit fortgeschritten war.

Ich fühlte mich wie lebendig begraben, wie im Erdreich verschwunden. Ich hatte keine Energie mehr, keine Freude. Ich war einfach in dieser Kälte gefangen, in dieser Todesangst, in dieser Dunkelheit. Und ich habe auch gedacht, das würde nie wieder aufhören.

Der Medizinische Dienst hat mir mehrere Tageskliniken empfohlen und ich habe die dann alle abtelefoniert und habe von allen Kliniken Absagen bekommen aufgrund meiner Blindheit.

Die Inklusionsbotschafterin Jennifer Sonntag
Wenn das innere Licht wieder angeht... Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das war damals für mich extrem schlimm, weil es mir mit der Depression schon wahnsinnig schlecht ging, ich überhaupt kein Selbstwertgefühl mehr hatte und auch keinen Lebensmut. Und bei jeder Absage ging es mir nochmal wesentlich schlechter.

Und die Not war am Ende so groß, dass es fast schiefgegangen wäre. Darüber zu sprechen, das fällt mir heute noch schwer.

Meine Rettung war eine psychiatrische Intensivstation, also etwas, wovor man eigentlich große Angst hat, weil man das so klischee-mäßig aus dem Fernsehen kennt, die geschützte Station. Aber das war letztlich meine Rettung. Da war ein Arzt, der gesagt hat: 'Frau Sonntag, bitte kommen Sie zu uns.‘ Weil er wusste, wie es um mich steht.

Das innere Licht ging für mich wieder an, ich habe auch wieder Lebensmut gefasst und konnte dann im Laufe der Zeit auch viel über Depressionen lernen. Ich habe angefangen zu schreiben, auch ein Buch geschrieben, mich an Publikationen beteiligt, mich als Inklusionsbotschafterin zu dem Thema engagiert. Das hat mir Kraft gegeben.

Ich wünsche mir, dass Behinderung plus Depression kein Tabuthema mehr ist.

Jennifer Sonntag

Wir müssen über dieses Thema reden. Denn auch behinderte Menschen, die sehr stark sind, sehr engagiert, sehr souverän, können durchaus von einer Depression betroffen sein. Und hier muss es natürlich auch im Hilfesystem Angebote geben für Betroffene.

Preis für MDR Selbstbestimmt

Menschen stehen nebeneinander und freuen sich mit Video
Inklusionspreis "Brückenschlag" für MDR Selbstbestimmt: Foto v.l.n.r. Bastian Schmiedel (Kaufmännischer Geschäftsführer BBW-Leipzig-Gruppe), Gina-Elisa Sebastian-Yolcu (Vorsitzende der Teilnehmendenvertretung), Jana Lindner (Produzentin Selbstbestimmt), Anette Reiß (MDR), Prof. Dr. Karola Wille (MDR-Intendantin), Tobias Schmidt (Hauptgeschäftsführer BBW-Leipzig-Gruppe) Bildrechte: BBW-Leipzig-Gruppe

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt - Das Magazin | 09. Oktober 2022 | 08:00 Uhr

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