Selbstbestimmt - Das Magazin | 14.03.2021 | In der Mediathek Der Kampf um medizinische Hilfsmittel

Viele Menschen mit Behinderung sind auf spezielle medizinische Hilfsmittel angewiesen. Doch aufwendige Genehmigungsverfahren durch die Krankenkassen verkomplizieren ihren Alltag zusätzlich. Deswegen wurde eine Petition gegen die Blockade bei der Versorgung von Menschen mit Behinderung gestartet.

Leni ist sieben Jahre alt. Doch selbst essen kann sie nicht, sie wird über eine Magensonde mit speziell angefertigter Sondennahrung ernährt.

Sie wohnt zusammen mit ihrer kleinen Schwester Nova und ihren Eltern in Erfurt. Durch Sauerstoffmangel bei der Geburt erlitt sie Hirnschäden. Sie kann weder sprechen noch laufen und braucht ständige Betreuung. Für Spaziergänge mit ihrer Familie ist Leni auf einen Reha-Buggy angewiesen. Doch bald ist der zu klein.

Die Lösung wäre ein Rollstuhl, der vom Arzt bereits verordnet wurde. Doch die Krankenkasse will die Kosten nicht übernehmen. Die Begründung: Leni ist in den letzten zweieinhalb Jahren schon mit dem Reha-Buggy und einem Therapiestuhl versorgt worden. Doch der eine wird zu klein, der andere ist nicht für draußen geeignet. Die Eltern gehen in Widerspruch.

Es ist immer wieder niederschmetternd. Ich weiß einfach, dass das so eine Mühle ist, aus der ich nicht rauskomme und ich muss immer wieder kämpfen und mich immer wieder hinsetzen und die paar Stunden Freizeit opfern.

Tina Golle

Vernetzung funktioniert

Aufwändige Genehmigungsverfahren wie bei Familie Golle sind offenbar keine Seltenheit. Deshalb vernetzen sich betroffene Eltern im Internet. So lernte Tina Golle auch die Lechleuthners aus Bayern kennen.

ein kleiner Junge in einem Rollstuhl
Corbinian aus Pfaffenhofen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch deren vierjähriger Sohn Corbinian ist auf Hilfsmittel angewiesen. Im bayerischen Pfaffenhofen lebt er mit Eltern und Geschwistern. Er kann nicht sprechen und nicht laufen, leidet außerdem an einer schweren Epilepsie. Als seine Eltern einen Antrag auf einen speziellen Autositz für Corbinian stellen, beginnt ein Kampf.

Den braucht er, denn er kann ja seinen Kopf nicht halten, er hat keine Rumpfkontrolle, er braucht Stütze. Der entsprechende Gutachter vom MDK (Medizinischer Dienst der Krankenkassen), hat dann im Gutachten geäußert, das ist gar nicht notwendig, wir fahren eh nur zu Ärzten, andere Fahrten machen wir mit ihm ja nicht.

Vater Thomas Lechleuthner

Durch eine Einzelfallentscheidung vergangenes Jahr konnten sie erreichen, den Sitz doch zu bekommen. Das grundsätzliche Problem aber bleibt.

Wir wollen einfach, dass dieses systematische Infrage stellen ärztlich verordneter Therapien durch die Krankenkasse ein Ende hat.

Thomas Lechleuthner

Der Anfang ist gemacht

Familie Lechleuthner startete im Herbst 2020 eine Petition, die bereits über 40.000 Menschen unterschrieben haben. Sogar im Bundestag wurde das Ganze thematisiert. Bisher allerdings ohne konkrete Ergebnisse.

Bildschirm
Vernetzung übers Internet: Petition gestartet Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch Familie Golle aus Erfurt hat die Petition unterschrieben. Sie hofft, dass sich die Genehmigungsverfahren vereinfachen, denn auch sie mussten in der Vergangenheit lange um ein Hilfsmittel für Leni kämpfen. Vor sechs Jahren beantragten sie einen zweiten Therapiestuhl für den Kindergarten – aber die vollständige finanzielle Erstattung dauerte eineinhalb Jahre. Die Sorge ist groß, dass sich das wiederholen könnte.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt - Das Magazin | 14. März 2021 | 08:00 Uhr