Die Neue Norm Über die realen Barrieren des Alltags

Seit vielen Jahren kämpft der bekennende Aktivist Raul Krauthausen für Inklusion und Barrierefreiheit. Nun bereichert und verstärkt er das Team von MDR-Selbstbestimmt. In seiner Kolumne "Die Neue Norm" spricht er diesmal über den Abbau von ganz realen Barrieren.

Ich engagiere mich schon seit vielen Jahren für das Thema Inklusion und Barrierefreiheit und höre immer wieder den gleichen Satz, nämlich, dass wir die Barrieren in den Köpfen senken müssen, damit wir endlich zu einer inklusiveren und barrierefreieren Gesellschaft kommen. Und ich hab mich dann gefragt, müssen wir wirklich die Barrieren in den Köpfen senken? Ist das wirklich das größte Problem, das wir in Deutschland haben?

Zur Person

Raul Krauthausen
Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Raul Aguayo-Krauthausen wird 1980 in Lima, Peru geboren. In Berlin studiert er an der Universität der Künste Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation sowie Design Thinking in Potsdam. Schon in jungen Jahren verknüpft er seine Kommunikations- und Medienkompetenz mit Projekten für Barrierefreiheit und Teilhabe.

Er arbeitet für den Berliner Radiosender Fritz, für eine Web-TV-Firma und ist ausgebildeter Telefonseelsorger. 2004 gründet Krauthausen gemeinsam mit seinem Cousin den gemeinnützigen Verein "Sozialhelden" - ein Netzwerk ehrenamtlich engagierter Menschen, die sich für soziale Gerechtigkeit einsetzen. Durch die Sozialhelden wurde beispielsweise das Internetportal Leidmedien ins Leben gerufen, das Journalistinnen und Journalisten für die Berichterstattung über Behinderung sensibilisiert.

2013 wird Raul Krauthausen mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Ein Jahr später veröffentlicht er seine Biographie "Dachdecker wollte ich eh nicht werden – Das Leben aus der Rollstuhlperspektive". 2018 erhält er für seine vielfältigen Digitalprojekte den Grimme Online Award Spezial. Krauthausen hat Osteogenesis imperfecta (umgangssprachlich "Glasknochen"), ist kleinwüchsig, auf einen Rollstuhl angewiesen und lebt in Berlin.

Und was bedeutet es eigentlich, wenn wir sagen, wir müssen die Barrieren in den Köpfen senken? Was ist denn die Konsequenz? Im besten Fall druckt dann eine Organisation eine Broschüre, oder macht einen Werbespot und erzählt der nichtbehinderten Mehrheitsgesellschaft, dass behinderte Menschen auch Menschen sind. Ganz ehrlich? Für mich ist das eine Binsenweisheit. Darum geht es nicht.

Vielmehr sollte es darum gehen, dass wir als Gesellschaft der Frage nachgehen, warum behinderte Menschen in unserer Mehrheitsgesellschaft so wenig auftauchen.

Und es liegt nicht an dem mangelnden Bewusstsein der Nichtbehinderten, sondern es liegt meiner Meinung nach an den real existierenden Barrieren. Bürokratische Barrieren, physische Barrieren, fehlende Aufzüge, zu viele Treppen, keine Untertitel im Fernsehen oder keine barrierefreien Unterrichtsmaterialien. Es geht nicht um Aufklärung, es geht um Rechte.

Wir müssen ganz real Gesetze schaffen, wie zum Beispiel die Privatwirtschaft verpflichten, barrierefrei zu werden. Und momentan gibt es in Deutschland beispielsweise kein Gesetz, dass die Privatwirtschaft dazu verpflichtet. Und würden wir das mal angehen, mit der gleichen Ernsthaftigkeit, den finanziellen Ressourcen, wie wir Werbespots und Broschüren drucken, dann wäre unsere Gesellschaft wesentlich weiter, was die Teilhabe und Sichtbarkeit von behinderten Menschen in unserer Gesellschaft angeht.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt - Das Magazin | 09. Mai 2021 | 08:00 Uhr