Selbstbestimmt - Die Reportage | 20.10.2019 Eltern in der Krise - Leben mit einem behinderten Kind

Paare, die ein behindertes Kind bekommen, stehen vor großen Herausforderungen. Sie müssen mit dem Schock, der Trauer und der Angst um ihr Kind umgehen. Sie müssen es schaffen, ihren Alltag rund um die Pflege und die medizinische Versorgung ihres Kindes zu organisieren. Wie bleibt man als Paar dabei nicht auf der Strecke? Und wie lassen sich Krisen überwinden?

Eine vierköpfige Famile, ein Junge sitzt im Rollstuhl 29 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Selbstbestimmt So 20.10.2019 08:00Uhr 28:59 min

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Zwei Paare mit je zwei Kindern, das hört sich normal an. Doch sowohl bei Julia und ihrem Mann Danielo, als auch bei Bettina und Falco sieht der Alltag etwas anders aus. Denn beide Paare haben ein behindertes Kind. Und beide Paare geraten in eine tiefe Krise. Die Wege daraus sind unterschiedlich.

Wenn die Nerven blank liegen

"Wir haben uns zerfleischt!" So beschreiben Julia und ihr Mann Danielo die Zeit nach der Geburt ihres Sohnes Arvid. Er erleidet vor vier Jahren bei der Geburt einen Sauerstoffmangel und muss wiederbelebt werden. Sein Gehirn nimmt Schaden, und Arvid bleibt motorisch stark eingeschränkt. Das Leben des Paares steht auf dem Kopf. Vorher waren sie ein harmonisches Paar, jetzt streiten sie sich wegen Nichtigkeiten. Ihre Nerven liegen blank.

Wir waren überfordert mit allem. Wir hatten keinen, der uns geholfen hat. Wir standen komplett mit allem alleine da. Das war vom Stressfaktor einfach zuviel. Die Psyche hat da nicht mitgespielt. Statt uns gegenseitig Mut zuzusprechen, haben wir uns aufgefressen.

Danielo
Ein Mann und eine Frau sitzn auf einem Sofa
Julia und Danielo reden viel miteinander und haben sich Hilfe geholt. Bildrechte: MDR/Kirsten Kofahl

Danielo und Julia haben gelernt, über schmerzhafte Gefühle zu sprechen. Sie haben erfahren, dass sie nicht alles alleine hinbekommen müssen. Eine Mitarbeiterin der Lebenshilfe nimmt ihnen nun regelmäßig Arvid für ein paar Stunden ab. Dann haben die Eltern Zeit für sich und ihre jüngere Tochter, und auch Arvid genießt es.

Ich merke, wenn ich nicht mal was für mich tue, werde ich nicht lange für mein Kind da sein können. Und ich muss und will lange für mein Kind sorgen. Und ich möchte gesund dabei sein.

Julia

Heute leben sie wieder ein glückliches Miteinander, haben ein weiteres Kind bekommen und sogar im letzten Jahr geheiratet.

Wenn keine Zeit mehr für die Beziehung bleibt

Bettina und Falco erfahren schon in der Schwangerschaft, dass ihr Kind einen Gendefekt hat. Die Hoffnung, dass dieser keine schwerwiegenden Beeinträchtigungen mit sich bringt, erfüllt sich nicht. Rosa ist mehrfach behindert. Bettina fühlt sich mit den täglichen Aufgaben oft allein gelassen und überlastet. Falco ist beruflich viel unterwegs.

Noch bestreitet die Familie den Alltag gemeinsam...
Noch bestreitet die Familie den Alltag gemeinsam. Bildrechte: MDR/Kirsten Kofahl

Das Paar streitet sich viel. Zeit, um die Beziehung zu pflegen, gibt es im Alltag kaum. Noch lebt die Familie zusammen, aber Bettina hat sich vor wenigen Wochen von Falco getrennt. Er hingegen hat trotz der Schwierigkeiten geglaubt, dass die Familie zusammen einen neuen Weg einschlagen kann.

Wir haben nicht geschafft, auch mal zu sagen: 'Das war anstrengend.' Oder: 'Wir müssen jetzt nichts mehr machen. Aber wir sind ja für uns da.' - Das ist schade, dass sich das ausgeschlichen hat... Irgendwo ist die Liebe auf der Strecke geblieben. Weil Liebe würde schon vieles möglich machen.

Falco

Ich weiß nicht, ob Liebe über alles hinweg rettet, wenn der Alltag immer dazwischen schlägt... Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder irgendeine Beziehung haben werde. Dafür habe ich ja gar keinen Platz. Und darum geht es gerade auch nicht.

Bettina

Dann wird die Trennung konkret. Sie teilen ihre Wohnung in zwei eigenständige Einheiten auf. Falco und Bettina hoffen, dass die Kinder ihre Trennung einfacher verkraften, wenn sie noch nah beieinander wohnen.

Eltern in der Krise Szenen aus dem Alltag

Ein Frau schiebt einen Jungen in einem Rollstuhl
Bettina spaziert mit ihrer Tochter Rosa, die aufgrund eines Gendefekts im Rollstuhl sitzt. Bildrechte: MDR/Kirsten Kofahl
Ein Frau schiebt einen Jungen in einem Rollstuhl
Bettina spaziert mit ihrer Tochter Rosa, die aufgrund eines Gendefekts im Rollstuhl sitzt. Bildrechte: MDR/Kirsten Kofahl
Ein Mann und eine Frau stehen in einem Flur
Bettina und Falco haben sich getrennt, aber noch leben sie zusammen in einer Wohnung. Bildrechte: MDR/Kirsten Kofahl
Noch bestreitet die Familie den Alltag gemeinsam...
Noch bestreitet die Familie den Alltag gemeinsam. Bildrechte: MDR/Kirsten Kofahl
Bettina mit ihrer mehrfach schwerbehinderten Tochter Rosa
Bettina managt den Alltag in der Familie. Bildrechte: MDR/Kirsten Kofahl
Ein Mann und zwei Kinder sehen auf ein Tablet
Falco, hier mit seinen Töchtern Rosa und Greta, ist beruflich viel unterwegs. Bildrechte: MDR/Kirsten Kofahl
Eine Frau und zwei Kinder liegen in einem Bett und lesen in einem Buch
Bald hat auch Mama Feierabend: Bettina bringt ihre beiden Töchter Rosa und Greta ins Bett. Bildrechte: MDR/Kirsten Kofahl
Bettina und Falco blicken zurück auf die turbulente Zeit nach Rosas Geburt
Bettina und Falco blicken zurück auf die turbulente Zeit nach Rosas Geburt.  Bildrechte: MDR/Kirsten Kofahl
Eine Frau und ein Junge lachen
Arvid lacht gern, das tut den Eltern gut. Bildrechte: MDR/Kirsten Kofahl
Ein Mann und eine Frau sitzn auf einem Sofa
Julia und Danielo arbeiten an ihrer Kommunikation. Bildrechte: MDR/Kirsten Kofahl
Ein Mann und eine Frau neben ihren Kindern; ein Junge sitzt im Rollstuhl
Julia und Danielo und ihre Kinder blicken hoffnungsvoll in die Zukunft. Bildrechte: MDR/Kirsten Kofahl
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Zuletzt aktualisiert: 22. Oktober 2019, 09:50 Uhr