Interview "Depressionen sind gut behandelbar!"

Sorgt Corona für einen Schub bei den seelischen Erkrankungen? Wie erkennt man eine Depression und was kann einem da raushelfen? Auf diese und andere Fragen antwortet Professor Ulrich Hegerl als Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Seit über 30 Jahren setzt sich der international anerkannte Experte für die Erforschung und Aufklärung von Depression sowie die Suizidprävention ein.

Professor Ulrich Hegerl
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MDR Selbstbestimmt: Depressionen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen unserer Zeit. Rund fünf Millionen Menschen in Deutschland sind davon betroffen. Wie wirkt sich die Corona-Pandemie mit den Begleiterscheinungen aus?

Prof. Dr. Ulrich Hegerl: Für viele ist es ein großer Stress. Die Menschen haben Ängste, erleben das Ganze als bedrückend, etwa dass die Menschen einem mit einer Maske gegenüber sitzen. Wenn man Kinder hat, vielleicht auch berufstätig im Homeoffice ist, kommt man sehr raschan seine Grenzen.

Aber ganz besonders problematisch ist es für Menschen, die eine depressive Erkrankung haben. Zum Beispiel ist es so, dass sie sich – das hat eine Befragung, die wir gemacht haben, ergeben – besonders häufig ins Bett zurück ziehen. Sie gehen früher ins Bett und bleiben länger liegen. Und das hat eine negative Auswirkung auf den Krankheitsverlauf. Erstaunlicherweise ist ja Schlafentzug eine Behandlungsform der Depression, lange schlafen führt nicht dazu, dass die Depression abklingt und die Erschöpfung abnimmt, im Gegenteil.

In der Depression zuhause bleiben zu müssen, bedeutet noch größere Schwierigkeiten, den Tag zu strukturieren. Man ist an nichts interessiert und permanent erschöpft. Es bleibt sehr viel Zeit zum Grübeln über Negatives und so arbeitet man sich noch tiefer rein in die Depression.

Werden zur Zeit mehr Depressionen diagnostiziert?

Die Sorge, dass wir jetzt eine Epidemie an Depressionen oder Angststörungen kriegen wegen Corona bzw. wegen der Maßnahmen, das sehe ich nicht ganz so dramatisch. Was aber dramatisch ist, sind die Auswirkungen auf diejenigen, die bereits Depressionen haben.

Depressionen sind ziemlich eigenständige Erkrankungen, die weniger abhängen von äußeren Belastungsfaktoren, als man denken könnte. Das zu verstehen, ist aber wichtig im Hinblick auf die Behandlung etwa auch durch Antidepressiva und im Hinblick auf die eigenen Entscheidungen.

Wenn man eine Veranlagung hat, dann rutscht man in eine Depression, auch wenn es einem rund herum gut geht. Wenn man keine Veranlagung hat, dann rutscht man in der Regel auch nicht rein in die Depression, selbst in schwierigen Zeiten wie Corona. Diese Veranlagung kann vererbt sein, häufig sind ja auch Angehörige, die Eltern und die Geschwister erkrankt. Diese Veranlagung kann aber auch erworben sein, durch dramatische Erfahrungen in der Kindheit, beispielsweise Missbrauchserfahrungen in frühen Lebensphasen.

Wenn ich das Pech habe und rutsche in die Depression rein, dann rückt Negatives, Probleme auf der Arbeit oder in der Partnerschaft, wie vergrößert ins Zentrum. Diese Probleme sind aber nicht unbedingt die eigentliche Ursache. Solch ein Missverständnis führt aber zu falscher Behandlung oder Fehlentscheidungen, etwa zu kündigen oder sich zu trennen - und die Depression trotzdem nicht loszuwerden.

Professor Ulrich Hegerl Stiftung Deutsche Depressionshilfe

Können Sie ein paar generelle Tipps geben, wie man durch diese verrückte Zeit kommt?

Das eine ist, dass man den Schlaf-Wach-Rhythmus beibehält, dass man eben nicht früher ins Bett geht oder länger liegen bleibt, sich hinlegt, sondern dass man aktiv bleibt. Bewegung und Sport sind wichtig in der Depressionsbehandlung.

Soziale Kontakte kann man regelrecht pflegen, wenn man möchte, zum Beispiel, indem man sein persönliches Telefonbuch nimmt, mal durchgeht und sich fragt, mit wem habe ich schon lange nicht mehr gesprochen?

Man sollte einen Wochenplan machen, einen detaillierten. Man kann sich vornehmen, Dinge, die man schon immer machen wollte, mal anzupacken. Ein dickeres Buch oder mal eine Wagner-Oper durchhören oder irgendein Hobby anfangen.

Man kann wie in jeder Krise, wenn man die Kraft und Zeit dafür hat, auch eine Chance sehen. Das Wichtigste bei einer Depression ist aber die konsequente Behandlung mit Antidepressiva und / oder Psychotherapie, vor allem der sogenannten kognitiven Verhaltenstherapie.

Traurig und antriebslos sind wir natürlich alle mal. Aber bei welchen Anzeichen sollte man sich professionelle Hilfe holen?

Wenn ich alles hoffnungslos sehe, zu Schuldgefühlen neige, wenn ich starke Tagesschwankungen habe. Oft ist es so, dass die Depression nach dem Schlaf stärker ausgeprägt ist als davor. Dann ist es so, dass die betroffenen Menschen angeben, keine Gefühle mehr wahrnehmen zu können. Sie fühlen sich innerlich wie versteinert oder eingefroren. Sie fühlen sich erschöpft, aber ohne schlafen zu können. Es ist eine Erschöpfung bei innerer Daueranspannung.

Und wenn man jetzt selber merkt, bei mir verändert sich alles: Ich bin komplett hoffnungslos, es stellen sich finstere Gedanken ein, dann ist es allerhöchste Zeit, zum Arzt zu gehen. Erstmal zum Hausarzt oder zu einem Facharzt, also einem Psychiater, der mit Medikamenten und Psychotherapie behandeln kann oder zu einem psychologischen Psychotherapeuten. Es ist wichtig zu wissen, dass Depression gut behandelbar ist. Man kann den allermeisten Menschen helfen, mit Antidepressiva und / oder Psychotherapie.

Aber wie sieht es denn zurzeit mit dieser medizinischen Versorgung aus?

Es gibt große Versorgungsengpässe. Es ist einiges verbessert worden, was die Psychotherapie angeht. Man kann so ein Erstgespräch meist relativ rasch bekommen. Aber bis die richtige Psychotherapie losgeht, vergeht oft sehr viel Zeit. Das Gleiche gilt - und das ist eigentlich noch gravierender - für Menschen, die eine Pharmakotherapie benötigen würden. Da Wochen ins Land gehen zu lassen, ist komplett inakzeptabel. Wir bräuchten mehr Psychiater.

Auch eine leichte Depression ist eine schwere Erkrankung.

Tipps, um besser durch die Corona-Zeit zu kommen

  • Regelmäßiger Tagesablauf: Auch im Homeoffice sollte der Tagesablauf beibehalten werden. Das heißt, zur gewohnten Zeit aufstehen und schlafen gehen, regelmäßig essen. Zeit für Arbeit, Haushalt, Familie, aber auch Freizeit planen.
  • Soziale Kontakte pflegen: Telefonieren Sie mit Freunden oder Verwandten oder verabreden Sie sich mit ihnen zum Videochat.
  • Aktiv bleiben: Raus gehen, an der frischen Luft spazieren oder Sport treiben – das geht auch alleine. Bewegung hilft gegen depressive Stimmung!
  • Genießen: Überlegen, was gute Laune bringt und machen. Endlich mal den Wälzer lesen, Musik hören, spielen, baden, kochen und gesund essen, einen guten Film schauen, Yoga und Meditieren per Online-Kurs ausprobieren.
  • Schlaf: Auch wenn es sich zunächst gut anfühlt, sich ins Bett zurückzuziehen, macht eher noch depressiver. Zu gewohnten Zeiten, schlafen zu gehen und aufzustehen, ist ein Mittel dagegen.

Hier finden Sie Hilfe

Wenn Sie Hilfe brauchen: Der erste Ansprechpartner ist meistens der Hausarzt, der Sie nach einer körperlichen Abklärung zu einem niedergelassenen Psychiater oder psychologischen oder ärztlichen Psychotherapeuten überweist.

Auch eine Selbsthilfegruppe, die meistens auch per Telefon erreichbar sind, kann unterstützen. Es ist kein Zeichen von Schwäche, Angst und Sorgen zu zeigen und Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Deutschlandweit

  • Wenn Sie in einer belastenden Lebenssituation sind und dringend Hilfe benötigen, kontaktieren Sie bitte die Telefonseelsorge:
  • Tel.: 0800 / 11 10 111, Tel.: 0800 / 11 10 222, Rund um die Uhr – kostenfrei, www.telefonseelsorge.de; telefonseelsorge@diakonie.de
  • Hilfe bei einer Suchterkrankung bekommen Sie rund um die Uhr bei der Sucht- und Drogenhotline (kostenpflichtig): Telefon: 01806 313031
  • Das Info-Telefon der Deutschen Depressionshilfe bietet Informationen und Hilfe zu Depressionen: 0800 33 44 533 (kostenfrei, Mo, Di, Do: 13 bis 17 Uhr; Mi, Fr: 08:30 bis 12:30 Uhr)
  • Kinder- und Jugendtelefon, Tel. 0800 / 11 10 333, Mo - Sa 14:00 - 20:00 Uhr – kostenfrei, www.nummergegenkummer.de
  • Terminservicestelle der KASSENÄRZTLICHEN Vereinigung (KV) Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen  ist unter der Rufnummer 116 117 erreichbar

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Ratgeber: Depression

Frau mit Hund mit Audio
Bevor Teresa Enke wusste, was Depression wirklich bedeutet, hat sie fest daran geglaubt, dass sie und Robert es mit Liebe schaffen würden. Bis der berühmte Torwart sich vor zehn Jahren das Leben nahm. Wenn die Partner, die Eltern oder Geschwister depressiv werden, gerät auch das eigene Leben aus den Fugen. Bildrechte: MDR/WDR/Bildersturm Filmproduktion GmbH

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt - Das Magazin | 14. Februar 2021 | 08:00 Uhr