Mit anderen Augen Jennifer Sonntag über die Macht der Sprache

Jennifer Sonntag macht sich in ihrer Kolumne diesmal Gedanken darüber, welche Wirkung Sprache hat und plädiert für eine reflektierte Verwendung. Sie rät dazu, sich mal in die Andere(n) hineinzuversetzen, über die gesprochen wird.

Sprache bildet unser Denken und Fühlen ab, verschafft uns Gehör und Ausdruck. Doch bei unbedachter Verwendung kann sie auch diskriminieren: Wer ist beispielsweise schon gern an einen Rollstuhl "gefesselt"? Es gibt einfach bestimmte Begrifflichkeiten, die sind nicht mehr zeitgemäß, die sind nicht wertschätzend, und hier ist es ganz wichtig, dass wir sensibilisieren.

Abgesehen von gezielten Beleidigungen, auch Formulierungen wie "an den Rollstuhl gefesselt sein" hören ganz viele Menschen mit Behinderung überhaupt nicht gerne, weil ein Rollstuhl eine große Bewegungsfreiheit ermöglicht. Durch den Rollstuhl kann man wieder am Leben teilhaben. Klar, wenn jemand einen Unfall erleidet, sehr frisch mit der Diagnose konfrontiert wird, dann kann es schon sein, dass er sagt: 'Oh, jetzt bin ich ein Leben lang an den Rollstuhl gefesselt.' Das ist ein Verarbeitungsprozess und erst nach einigen Phasen kommt man dahin, dass man sagt: 'Jetzt nehme ich das Hilfsmitteln an, jetzt gibt es mir ein Stück Freiheit.'

''Inklusion in der Sprache'' wird an eine Tafel geschrieben.
Mit Bedacht die Worte wählen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ich rate jedem Menschen, der unsicher ist, an sich selbst zu denken: Was wäre, wenn ich jetzt eine Krankheit oder eine Behinderung hätte. Und generell ist es wichtig, miteinander zu reden, und die betroffene Person auch zu respektieren.

Jennifer Sonntag

Wir behinderten Menschen untereinander, bei uns geht es dann schon rauher zur Sache, aber das ist Galgenhumor. Ich sag' schon über mich selbst manchmal: 'Hat die Blinde wieder nicht richtig hingeguckt, war die Blinde wieder ignorant und hat keinem die Hand gegeben ...' Das ist schwarzhumorign gemeint, wer im übertragenen Sinne gesprochen selbst am Galgen hängt, der darf das auch.

Ich rate jedem Menschen, der unsicher ist, an sich selbst zu denken: 'Was wäre, wenn ich jetzt eine Krankheit erleiden oder eine Behinderung erleben würde?' Wenn man über Menschen mit Behinderung spricht, ist es günstig, das Wort Mensch in diesem Zusammenhang mitzuverwenden und nicht einfach Behinderte zu sagen. Und generell ist es wichtig, miteinander zu reden, und die einzelne betroffene Person zu respektieren.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt - Das Magazin | 13. September 2020 | 08:00 Uhr