Mit anderen Augen Jennifer Sonntag: Ein Jahresrückblick

Es war ein Jahr der Extreme: mit vielen Einschränkungen und doch auch mit einigen positiven Erfahrungen. Inklusionsbotschafterin Jennifer Sonntag mit ihrem persönlichen Jahresrückblick.

Dieses Jahr war für mich natürlich sehr tiefgreifend, ich habe viele neue Projekte begonnen, neue Menschen kennen gelernt, aber ich habe auch gesehen, wie eine Krise Zwischenmenschliches zuspitzt, wie eine Krise den gesellschaftlichen Spiegel vorhält und auch sehr Unmenschliches hervorbringt.

Dieses Jahr war ein Jahr der Extreme: Diejenigen, die sowieso schon sehr am Rande stehen, sind noch mehr an den Rand gedrängt worden. Und da andere ihre Freiheit sehr stark eingeschränkt gesehen haben und die auch natürlich leben wollten, musste ich meine noch mehr reduzieren.

Meine Blindheit wurde mir noch mal sehr bewusst. Für mich war es unheimlich schwer, Abstand zu anderen Menschen einzuhalten. Denn ich sehe nicht, wie weit jemand von mir weg ist. Und für mich war das wahnsinnig schlimm, dass ich da manchen Personen nicht vertrauen konnte. Weil ich das ja nicht checken kann.

Pusch für digitale Teilhabe von Menschen mit Behinderung

Jennifer Sonntag in einem Wald mit rotem Schal und roter Mütze
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Positive für mich in diesem Jahr war, dass ich meine Tage sehr bunt und voll gestalten konnte. Ich habe mich vor Corona schon sehr intensiv für digitale Teilhabe von Menschen mit Behinderung eingesetzt und das hat jetzt einen richtigen Pusch erfahren. Ich konnte verschiedene Online-Kurse anbieten, konnte selbst ein Fernstudium für Fachjournalismus beginnen, und ich habe wahnsinnig viele Menschen kennen gelernt, konnte mich vernetzen, war viel unterwegs, im digitalen Raum und das hätte ich behinderungsbedingt so nie erleben können.

Für unsere Zukunft und für das nächste Jahr wünsche ich mir, dass Menschen mit Behinderung nicht aussortiert werden, nicht im medizinischen Sinne, nicht im gesellschaftlichen Sinne. Von Behinderung, von Krankheit kann jeder von uns betroffen sein. Wir Menschen sind soziale Wesen, wir brauchen einander. Und ich möchte Mut machen: wir schaffen es, Krisen zu bewältigen - und wir schaffen es vor allem auch, wenn wir zusammen daran arbeiten.

Jennifer Sonntag

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt - Das Magazin | 13. Dezember 2020 | 08:00 Uhr