Porträt Wie der Gedächtnissportler Johannes Mallow auf Kurs bleibt

Gedächtnissport – diese Disziplin dürfte der breiten Öffentlichkeit nicht bekannt sein, dabei scheint sie gerade in Corona-Zeiten praktikabel. Schon seit 18 Jahren trainiert Johannes Mallow aus Magdeburg sein Erinnerungsvermögen. So setzt er seiner fortschreitenden Muskelkrankheit etwas entgegen: Das Gefühl, manchmal unschlagbar zu sein. Der Gedächtnis-Weltmeister hilft heute Kindern und Jugendlichen, Schulstoff zu verinnerlichen. Als Freiberufler muss er jetzt Corona trotzen.

Johannes Mallow 5 min
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Selbstbestimmt So 10.05.2020 08:00Uhr 05:23 min

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Zweifacher Gedächtnis-Weltmeister und fünffacher deutscher Champion ist der Magdeburger Johannes Mallow. Als Informatikstudent fing er 2003 mit dem Denksport an. Er trainiert täglich und sagt, er habe immer versucht, sich zu steigern.

Immer weiter auf der Route der Erinnerung

Spielkarten liegen auf einem Tisch, weitere Karten werden von zwei Händen gehalten
Die Routen-Methode kurz erklärt Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dass er so hart dafür arbeitete, veränderte sein Leben. Er reiste für Wettkämpfe nach China, Japan, Korea, in die USA, holte Titel. Längst hat er einen Beruf aus seinem Leistungssport gemacht, inzwischen bringt er anderen Leuten das Gedächtnis-Training bei.
Denn es gibt verschiedene Techniken. Um sich zum Beispiel ein komplettes Kartenspiel mit 52 Karten einzuprägen, ordnet Mallow den Karten Bilder zu. Damit er sich an die richtige Reihenfolge erinnert, benutzt er die so genannte Routenmethode. Das kann ein realer oder fiktiver Weg sein, mit festen Punkten. Dort legt er in seiner Vorstellung Bilder ab, die für die einzelnen Karten stehen. Geht er in Gedanken diese Route wieder ab, erinnert er sich über die dort abgelegten Bilder wieder an die jeweiligen Karten. Die Schnelligkeit kommt mit dem Training.

Die Loci-Methode Die Loci-Methode ist eine Lernmethode, bei der die Inhalte in eine fiktive Struktur eingeordnet werden. Dabei verknüpft man gedanklich die einzuprägenden Stichworte mit Gegenständen in einem bestimmten Raum oder an einem bestimmten Platz (Loci = lateinisch für Ort).

Am besten eignen sich dafür gewohnte Umgebungen, wie das eigene Wohnzimmer, der Arbeitsweg oder bekannte öffentliche Plätze. Man ordnet jedem Objekt im Raum einen zu lernenden Begriff zu. Um die Wörter dann wiedergeben zu können, wird im Kopf eine Route gegangen und Schritt für Schritt die einzelnen Elemente im Raum mit ihren Lerninhalten aufgezählt.

Auch das Gesicht kann als Route genutzt werden, um von dem Haaransatz bis zum Kinn Lernstoff zuzuordnen.

"Da ist es egal, dass ich nicht mehr laufen kann"

Der Gedächtnis-Sport wurde für Johannes Mallow im Laufe der Jahre immer wichtiger. Auch weil seine Muskelkrankheit fortschreitet. Früher spielte er gern Tischtennis, das ging irgendwann nicht mehr. Beim Gedächtnissport konnte er weiter mit den Besten mithalten: "Und da ist es völlig egal, ob ich laufen kann oder meine Arme richtig hochkriege. Ich kann das trotzdem machen, das hat mir schon irgendwie geholfen."

Geschenke, ein Pokal und ein großer Scheck
Langer Weg zum Erfolg Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Weg zum Gedächtnisweltmeister war nicht einfach: Im Alter von 14 Jahren wurde bei ihm eine Erkrankung diagnostiziert, die die Skelett-Muskulatur abbaut. Erst lief er noch an Krücken. Doch bald war der Rollstuhl unausweichlich. Vor neun Jahren geriet er in eine Krise: "Das lag zum Großteil daran, dass die Krankheit eine fortschreitende ist, d.h. was ich zu einem bestimmten Zeitpunkt noch konnte, konnte ich ein halbes Jahr später nicht mehr. Und das ist ja nicht 'nur' das Laufen, es betrifft die Arme, die ich nicht mehr anheben, die Hände, die ich nicht mehr richtig benutzen kann, zum Tippen auf der Tastatur, zum Karten halten. Wenn einem dauernd das Wasserglas aus der Hand fällt, das ist schon blöd."

Depressive Phasen

Johannes Mallow durchlebte eine depressive Phase und holte sich professionelle Hilfe: "Freunde helfen einem, aber es braucht außerdem jemanden, der von draußen draufblickt. Mir hat das sehr geholfen, da über anderthalb Jahre regelmäßig hinzugehen, zu sprechen und sich selber annehmen zu lernen. Das ist das Entscheidende: Sich nicht selber abzuwerten, für das, was man wegen der Behinderung nicht mehr kann. Das muss man ablegen."

Das Entscheidende ist, sich wegen der Behinderung nicht selber abzuwerten, sondern sich anzunehmen.

Johannes Mallow

Gedächtnissport als Traumberuf

Jugendliche beim Gedächtnis-Training, zu sehen in der Doku "Memory Games"
Jugendliche beim Gedächtnis-Training, zu sehen in der Doku "Memory Games". Bildrechte: ma.ja.de filmproduktions GmbH

Als Gedächtnissportler hat der 38-jährige seinen Traumberuf gefunden: "Ich habe einfach gemerkt, diesen Gedächtnissport und diese Techniken weiterzugeben, das ist meine Leidenschaft. In Form von Kursen und Seminaren, gerade auch für Kinder, denen helfen diese Methoden extrem gut in der Schule. Es ist wichtig, dass man etwas macht, worauf man richtig Lust hat!"

Neue Ideen, um Corona zu trotzen: Webinar & Tutorial

Gerade würde Johannes Mallow eigentlich an der Magdeburger Volkshochschule Kurse geben. Bis wegen der Corona-Krise alles zum erliegen kam, lehrte er dort Basistechniken, die helfen, sich Zahlen, Namen oder Gesichter besser zu merken. Dann wurden alle Kurse abgesagt. Auch private Auftraggeber stornierten bei ihm gebuchte Workshops. So brechen ihm in nächster Zeit sämtliche Einnahmen weg: "Ich hoffe, dass es bald weitergeht. Ich habe mir natürlich etwas zurückgelegt, dass ich eine Weile überleben kann, aber... irgendwann muss es weitergehen. Ich denke, da bin ich nicht der Einzige. Gerade die Selbstständigen brauchen Unterstützung."

Ein junger Mann im Rollstuhl
Vor der geschlossenen Volkshochschule Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zusammen mit der Volkshochschule gibt es schon Pläne für ein Webinar: "Dann sitzen die Leute zuhause an ihren Computern, und ich kommuniziere mit ihnen von zuhause aus. Ich bin ganz gespannt drauf, ich glaube, das wird gut."

Mit der gleichen Zuversicht hat es Johannes Mallow geschafft, seine Erkrankung anzunehmen und seinen Weg zu finden: "Wenn man irgendeine Krankheit oder Behinderung hat, dann fällt es anfangs sehr schwer, nicht nur damit umzugehen, sondern sich in der Gesellschaft zu zeigen. Dass man trotzdem, oder besser gesagt, damit man weitermachen kann. Dann ist es super, wenn man etwas hat, das einen motiviert."

Zumindest so lange normaler Unterricht nicht möglich ist und vielleicht darüber hinaus, verfolgt er ein neues Projekt: Johannes Mallow plant, einen Film über Gedächtnistechniken zu drehen und diesen online zu stellen.

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Gebärdensprecherin 1 min
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Inklusion & Teilhabe in Zeiten von Corona

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt - Das Magazin | 10. Mai 2020 | 08:00 Uhr