Mein Organ hat eine Seele - Letzte Chance Transplantation
Fernreisen wären früher undenkbar gewesen für Leo, nach seiner Transplantation nimmt er sich eine Auszeit für einen Trip im Wohnmobil durch die USA Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

selbstbestimmt! Die Reportage | 25.11.2018 Mein Organ hat eine Seele - Letzte Chance Transplantation

Leo ist 16, als seine Nieren plötzlich aufhören zu arbeiten. Mechthild ist 50, als ihr das Atmen von einem Tag auf den anderen schwerer wird. Für beide beginnt das Warten auf ein Spenderorgan. Die Reportage zeigt ihren Weg über vier Jahre, auch über die endlich gelingende Transplantation hinaus, die ihnen ein neues Leben schenkt. Ihr Kampf macht Mut und zeigt, was mit Hilfe eines Spenderorgans möglich ist.

Mein Organ hat eine Seele - Letzte Chance Transplantation
Fernreisen wären früher undenkbar gewesen für Leo, nach seiner Transplantation nimmt er sich eine Auszeit für einen Trip im Wohnmobil durch die USA Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Als er 16 ist, hören seine Nieren einfach auf zu arbeiten. Sein Körper wird nicht mehr entgiftet. Seitdem muss Leo Veenendaal zur Dialyse, mindestens vier Stunden dauert die Blutwäsche. Zugleich beginnt für ihn das Warten auf ein Spenderorgan. Damals, erinnert sich Leo, sagten alle: "Ach, bis zum Abitur, da hast du bestimmt ein neues."

Leben auf der Wartliste

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Drei Mal in der Woche zur Dialyse Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das alles ist jetzt neun Jahre her. Inzwischen meisterte Leo sein Abitur - und studierte Medizin, absolvierte sogar ein Auslandsjahr in Paris. Er wollte nie, dass die Krankheit sein Leben komplett bestimmt. Doch sie erschöpfte ihn immer mehr. Am Ende war die Transplantation seine letzte Chance. Sein Vater spendete ihm eine Niere: "Das ist ein Geschenk, damit muss ich jetzt verantwortungsvoll umgehen", sagt Leo Veenendaal, der das Angebot lange nicht annehmen wollte und seinem Vater nun - wie er sagt - sein neues Leben verdankt.

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Nur noch sechs Meter in sechs Minuten Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch für Mechthild Wolfsfeld steht alles auf dem Spiel, als sie mit 50 schwer erkrankt. Ein lange unerkannter Gendefekt, Morbus Oser, beginnt, ihre Lunge zu zerstören. Nach der Diagnose ändert sich ihr Leben von einem Tag auf den anderen: Nicht mehr arbeiten gehen. Nicht mehr Motorrad fahren. Nicht mehr das Männerballett trainieren. "Ich war vorher ein sehr aktiver Mensch, so ein Tausendsassa", erzählt sie, "dann ging es vier Jahre rapide abwärts." Ihre Eltern unterstützen sie und sagen, ihre Tochter sei sehr stark. Doch die gelernte Bürokauffrau kommt kaum noch aus dem Haus. Bei einem Lungenfunktionstest in der Klinik soll sie in sechs Minuten so weit gehen, wie sie kann und schafft noch sechs Meter. Die Transplantation wird immer dringender. Sie sagt damals: "Ich denke mal, in zwei drei Jahren brauche ich keine Spende mehr." Im Sommer 2014 ist es soweit, Mechthild soll eine Lunge bekommen - und sie übersteht die schwere Operation, die sechs Stunden dauert.

Ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit

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Endlich wieder unterwegs Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Heute ist Mechthild 57. Es geht ihr gut. Sie fährt wieder Motorrad, trainiert ihr Männerballett und steht zur Faschingszeit mit auf der Bühne. Ihre Beziehung hat sie beendet. Dafür erfüllte sich ein anderer Traum, sie konnte sich über die Geburt ihres ersten Enkels freuen. Seit fast vier Jahren lebt sie nun mit der Lunge eines Fremden. Das macht sie dankbar. An den Spender denke sie fast jeden Tag, sagt sie: "Ich habe das Gefühl, dass die Seele von dem Menschen bei mir ist." An die Hinterbliebenen habe sie über die Deutsche Stiftung Organtransplantation einen Brief geschrieben. Sie weiß, dass jeder Tag kostbar ist. Nur rund acht Jahre hält eine Spenderlunge im Durchschnitt. Die Hälfte der Zeit wäre demnach schon um. Mechhild erklärt: "Ich habe mir vorgenommen, dass ich länger damit lebe, und dann ist das auch so." Die Betonung liegt auf Leben. Ausgerechnet beim Motorradfahren fühle sie sich dem unbekannten Menschen, der ihr das Organ gespendet habe, besonders nah, sagt sie.

Wieder leben, sich kleine Ziele setzen und ein Plädoyer

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Nur jeder dritte Deutsche hat einen Organspendeausweis Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Leos Beziehung hat gehalten, mit seiner Freundin Daniela nahm er sich nach der Transplantation eine Auszeit für eine Reise mit dem Wohnmobil durch die USA. Undenkbar wäre so etwas zuvor gewesen, sagt er: "Man merkt gar nicht, wie krank man ist, bis man den Kontrast sieht: Wie es sein kann!" Auch Leo weiß, dass seine Niere nicht ewig hält. Deshalb will er sich über die ferne Zukunft keine Gedanken machen, sondern sich "kleine Ziele setzen". Aus seiner eigenen leidvollen Erfahrung findet er es allerdings frustrierend, dass nicht mehr Menschen übers Organspenden nachdenken.

Tatsächlich haben nur ein Drittel der Deutschen einen Organspende-Ausweis. Auch wenn gerade die Meldung von der Jahrestagung der Deutschen Stiftung Organtransplanatation kam, dass die Zahlen erstmals seit 2010 wieder stiegen, so bedeuten sie noch keine Trendwende.

Zuletzt aktualisiert: 04. Dezember 2018, 14:14 Uhr