Selbstbestimmt | 06.02.2022 Kassenleistung Chromosomen-Check: Vorsorge oder Selektion?

Seit Mitte der 1970er-Jahre ist es Praxis, mittels Fruchtwasserpunktion auf Trisomie 21 zu untersuchen. Dabei besteht das Risiko einer Fehlgeburt. Seit 2012 gibt es einen risikofreien, nicht-invasiven Pränataltest (NIPT). Die Kosten für diesen Test wollen die Krankenkassen "in begründeten Einzelfällen" voraussichtlich ab Frühjahr 2022 übernehmen. Das Echo ist geteilt.

Logo MDR 29 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Jede werdende Mutter wünscht sich ein gesundes Kind. Seit 2012 hilft ein nicht-invasiver Bluttest bei der Suche nach dem Down-Syndrom. Dessen baldige Finanzierung über die Krankenkassen ist umstritten.

Die modernen Methoden in der Schwangerschaftsvorsorge und in der Pränataldiagnostik sind Fluch und Segen zugleich.

Holger Stepan Geburtsmediziner an der Uniklinik Leipzig

Keine absolute Sicherheit

Mit den Tests wird nur nach Trisomien gesucht. Wie der Leiter der Geburtsmedizin an der Universitätsklinik Leipzig, Holger Stepan, sagt, bedeutet das, dass 90 Prozent der Fehlbildungen mit diesem Test nicht diagnostiziert werden können. Somit könne der Test Schwangere in falscher Sicherheit wiegen:

"Wir testen auf eine Trisomie 21, 13 oder 18, nicht mehr und nicht weniger. Und auch wenn der Test sagt, das Kind hat keine Trisomie 21, heißt das nicht im Umkehrschluss, dass das Kind absolut gesund ist", so Stepan.

Behinderte Menschen als Kostenfaktor?

Carola Nacke ist sich sicher, dass die Kassen lieber den Test zahlen, als ein Leben lang für Menschen mit Down-Syndrom aufzukommen. Vor 22 Jahren wurde ihr Sohn mit Trisomie 21 geboren. Seitdem muss sie immer wieder mit Ämtern und Kassen um die Leistungen kämpfen, die ihrem Sohn zustehen. Den inklusionsfreundlichen Worten von Politikern zum Bluttest schenkt sie wenig Glauben.

Sie warnt vor den gesellschaftlichen Folgen, sich als Eltern immer wieder rechtfertigen zu müssen:

Mit diesem Test wird noch mehr Druck auf die Familien ausgelöst durch die Gesellschaft, durch das Umfeld nach dem Motto: 'Habt ihr das gewusst? Das muss doch heute nicht mehr sein! Habt ihr keinen Test gemacht?'

Carola Nacke Mutter eines Sohnes mit Trisomie 21

Kassenleistung voraussichtlich ab Frühjahr 2022

Voraussichtlich ab Frühjahr 2022 soll der Bluttest als Kassenleistung angeboten werden. Allerdings nur "in begründeten Einzelfällen bei Schwangerschaften mit besonderen Risiken", wie das Bundesgesundheitsministerium mit Verweis auf die im Sommer 2021 verabschiedete Patienteninformation betont. Der Gemeinsame Bundesausschuss von Ärzten, Kliniken und Kassen hatte sie im Sommer 2021 gebilligt. Danach sollen Frauen möglichst gut informiert und gemeinsam mit ihrem Arzt, ihrer Ärztin darüber entscheiden, ob sie einen nicht-invasiven Pränataltest (NIPT) durchführen wollen.

Kritiker fürchten wachsende Diskriminierung Behinderter

Bis zur Zulassung des Verfahrens 2012 waren nur invasive Tests möglich, etwa eine Entnahme von Fruchtwasser. Dabei steigt jedoch das Risiko für Fehlgeburten.

Eltern von Kindern mit Behinderung, Verbände oder die Katholische Kirche warnten, eine Ausweitung der Testmöglichkeiten führe einerseits zu mehr Abbrüchen einer Schwangerschaft und andererseits zu einer wachsenden Diskriminierung von Menschen mit Behinderung.

Mehr zum Thema Pränataldiagnostik

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt | 06. Februar 2022 | 08:00 Uhr