Selbstbestimmt leben Sexualität und Behinderung: Von der Sehnsucht nach Intimität

Ines Eisolt ist Peer-Beraterin bei "pro familia Melisse" in Dresden. Dort soll sie aufklären und helfen, damit Menschen mit Behinderung intime Beziehungen selbstbestimmt und in Würde führen können.

Mehrere Menschen musizieren
Ines im Kreise ihrer Band-Kollegen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein Schlagzeug, zwei Gitarren und eine Sängerin im Rollstuhl: Ines Eisolt ist Frontfrau der Band "Paradiso". Die besteht schon seit zehn Jahren und stammt aus Schülercombo-Zeiten an der Förderschule Pirna. Das offene Verhältnis untereinander schätzt die Sängerin.

Mit denen kann man über alles reden, und man kann die auch mal anschnauzen, die sind halt immer da.

Ines Eisolt

Doch Ines Eisolt will mehr als Freundschaft und Musik: Sie sucht einen Partner. Einen Mann für ein Kind und eine Familie. Und auch in puncto Sexualität fordert Ines mehr Selbstbestimmung ein.

Ich finde, dass man behinderte Mädchen aufklären sollte, dass sie Kinder bekommen können. Und wenn es wirklich an dem wäre, dass man entscheiden müsste, ob sie sterilisiert werden sollten, dass sie dann selber darüber entscheiden können.

Ines Eisolt
Junge Frau in einer Küche
Ines Eisolt meistert ihren Alltag selbstständig Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein Statement mit einer Vorgeschichte: Ines lebt mit Spasmen, die spontan ihre Muskeln verkrampfen. Aber sie schafft es gut, ihren Alltag in der eigenen kleinen Wohnung in Pirna zu meistern.

Ersten Sex hat sie mit 27 Jahren. Weil sie fürchtet, schwanger zu sein, zieht sie ihre Mutter zu Rate. Zusammen gehen sie zu einer Frauenärztin und lassen dort einen Schnelltest machen. Der fällt negativ aus, doch die Frauenärztin informiert sie über die Möglichkeit einer Sterilisation. Auch ihre Mutter erkundigt sich nach den Bedingungen einer Sterilisation. Das hat Ines schockiert und belastet das Verhältnis zu ihrer Mutter bis heute.

Den familiären Druck nehmen

In Deutschland gilt seit 2009 die UN-Behindertenrechtskonvention, wonach es das Einverständnis des Patienten für einen solchen Eingriff braucht. Aber Ines Beispiel zeigt, dass oft viel familiärer Druck auf den Frauen lastet.

ein Mann im Porträt
Paul Berthold Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Bei Frauen mit sogenannter Behinderung haben die Angehörigen öfters noch größere Befürchtungen und Ängste, weil sie einfach glauben: Wenn meine Tochter Sex hat, ist sie nächste Woche schwanger, und übernächste Woche muss ich das Kind übernehmen.

Paul Berthold, Sexualpädagoge

Paul Berthold arbeitet für "pro familia Melisse" in Dresden. Melisse ist die Abkürzung für "Meine Liebe & selbstbestimmte Sexualität" und wird vom Freistaat Sachsen gefördert. Er hat als Mentor Ines Eisolt zu einem Abschluss als Peer-Beraterin geführt. Aber was genau ist ein Peer-Beraterin?

Ein Peer ist ein Angehöriger einer bestimmten Gruppe, erklärt Paul Berthold. "Man kann ihn als Vertrauensperson bezeichnen: Es ist natürlich für die Person, die zu uns kommt und zum Beispiel eine Frau ist und im Rollstuhl sitzt einfacher, sich gegenüber einer anderen Frau, die auch im Rollstuhl sitzt, zu öffnen", so der Sexualpädagoge.

Kontakt Melisse Dresden

Paul Berthold, Yvonne Krüger und Ines Eisolt
Strehlener Straße 12-14
01069 Dresden

Tel.:0 351 - 210 93 846
e-Mail: melisse.dresden@profamilia.de

Aufklärung ist notwendig

Ines Eisolt versteht sich als Beraterin für Menschen mit und ohne Behinderung. Doch noch fehle es an Aufklärung, so Paul Berthold. Und genau da soll künftig Ines als Peer-Beraterin helfen. Ein großes Problem, denn weder bei ihren Eltern noch in den Heimen könnten Menschen wie Ines in Würde intime Beziehungen führen. Sex sei dort ein Tabu. In einigen Wohnheimen verbietet beispielsweise die Hausordnung, dass Pärchen zusammen in einem Zimmer schlafen können.

Behinderte Menschen haben auch Sex. Ob man das will oder nicht, aber man hat Sex. Und ich finde es eigentlich blöd, dass man nicht darüber redet.

Ines Eisolt

Die 34jährige pendelt zwischen ihrem Arbeitsort bei Melisse in Dresden und ihrer Heimatstadt Pirna. Nach ihrem Traummann sucht sie im Internet. Sie beschreibe sich in der Kontakt-Börse ungeschönt, so wie sie sei.

Eine Frau im Porträt
Ines Eisolt Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Das kriegen sie auch gleich mit, weil ich immer Bilder von mir hoch lade. Die sollen schon wissen, wer ihnen gegenüber ist. Ich sage mal so: Die dritte Frage ist dann, ob man überhaupt Sex haben kann? Ich antworte dann: Ja, aber anders.

Ines Eisolt

Ines weiß, was sie will. Und sie kämpft für ihr Glück. Sie wünscht sich, was so schwer zu finden ist – eine Liebe fürs Leben.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt - Das Magazin | 09. Mai 2021 | 08:00 Uhr