selbstbestimmt! - Die Reportage | 12.08.2018 Die Kraft liegt einfach in mir - Das zweite Leben der Birgit Kober

Eine strahlende Siegerin: Gold im Kugelstoßen und im Speerwurf holt Birgit Kober 2012 bei den Paralympics in London. Welch harter Weg hinter ihr liegt und wieviele Schicksalsschläge sie überwunden hat, ahnt kaum einer.

Birgit Kober 2012 mit Goldmedaille
Birgit Kober in Gold - 2012 bei den Paralympics in London Bildrechte: dpa

Der 3. September 2012 ist ein herrlicher Sommerabend bei den Paralympics in London. Im Olympiastadion sind noch immer alle Plätze belegt. Birgit Kober zieht ihre Trainingsjacke aus und rollt zum Abwurfplatz. Es ist ihr dritter und letzter Versuch. Sie nimmt ihren Speer, konzentriert sich und wirft.

Mehr wert als Gold

Der Speer landet bei 27,03 Meter. Persönliche Bestweite, Olympiarekord, Weltrekord, Goldmedaille. Das Publikum tobt. Drei Tage später erringt Birgit Kober bei den Paralympics in London noch eine zweite Medaille: Nach dem Gold im Speerwurf nun auch noch Gold im Kugelstoßen. "Für mich ist das irrsinnig viel wert, mein persönlicher großer Traum", sagt sie damals. Nach diesen Erfolgen wird sie zur Behinderten-Sportlerin des Jahres 2012 gewählt, erhält den Bayerischen Sportpreis 2013 und noch viele weitere Auszeichnungen.

Für mich war London so wichtig, weil ich mit der Behinderung etwas verloren hatte. (...) Man wurde nicht mehr als der Mensch gesehen, der man war. In London habe ich diesen Menschen zurückbekommen, ich bekam Menschsein zurück. Das ist mehr wert als Gold.

Birgit Kober

Rückblende: Nicht sitzen, nicht stehen, nicht gehen

Birgit Kober
Birgit Kober hat nie aufgegeben. Bildrechte: MDR FERNSEHEN

Der Erfolg in London bedeutet für Birgit Kober den Start in ein neues Leben. Denn das alte wurde fünf Jahre zuvor zerstört: Nach einem vermeintlich harmlosen Badeunfall im Urlaub entzündet sich ihr Bein. Die Epileptikerin erleidet einen schweren Anfall und wird in einem Münchner Krankenhaus behandelt. Dort bekommt sie zwar das richtige krampflösende Medikament, aber die Krankenschwester verwechselt Milligramm mit Milliliter. Die Überdosis führt zu einer irreversiblen Schädigung des Kleinhirns.

Als die damals 35-Jährige wieder aufwacht, ist alles anders. Am Anfang kann sie gar nichts mehr: Nicht sitzen, nicht stehen, nicht gehen. Und mit der Zeit verliert sie alles: die Freunde, die Wohnung, den Studienplatz.

Wurftraining im Rollstuhl

Während der Reha sieht sie im Fernsehen die Paralympics in Peking und entscheidet spontan: Da will ich hin! Zugute kommt ihr dabei, dass sie schon als junges Mädchen viel Sport getrieben hat - und das sehr erfolgreich: Sie wurde mehrfach Münchner und Bayerische Meisterin im Speerwurf. Musisch begabt ist sie außerdem, sie spielt Blockflöte und Gitarre, später auch noch Bratsche und Trompete.

Aber schon damals, als 17-Jährige, muss sie den ersten Schicksalsschlag hinnehmen: Eine Verletzung am Daumen entwickelt sich zu einer schweren Wundinfektion. Als Nebenwirkung eines Antibiotikums zur Behandlung verliert sie links ihr Gehör. Auch ihr Daumen ist nicht zu retten. Mit der verkrüppelten Hand kann sie keine Instrumente mehr spielen und auch mit dem Leistungssport muss sie aufhören. Ein Jahr später bekommt sie ihren ersten epileptischen Anfall. Dennoch meistert sie ihr Studium. 2007 - nachdem sie ihre Mutter verloren hat - reist sie mit ihrer Freundin nach Rom, um Abstand zu gewinnen. Am letzten Tag verletzt sie sich. Als sie auf der Intensivstation wieder aufwacht, ist nichts mehr wie früher ...

Birgit Kober
Die Mühen des Alltags Bildrechte: MDR FERNSEHEN

So, wie sie sich damals schon als junge Frau in den immer neuen Prüfungen behauptet hat, so nimmt sie auch jetzt wieder den Kampf auf, verliert nicht ihren Lebensmut. Unter unendlichen Mühen beginnt sie mit dem Wurftraining - im Rollstuhl.

Die mittlerweile 47-Jährige meistert einen Alltag, in dem vom Kaffeekochen bis zum Wäschewaschen alles eine Herausforderung für sie ist. Die Mühen des harten Trainings nimmt sie zusätzlich auf sich.

Ich wünschte mir, ich könnte Spuren hinterlassen in meinem Leben.

Birgit Kober

Gegen alle Widerstände

Birgit Kober
Der lange Weg zum Training Bildrechte: MDR FERNSEHEN

Trotz widrigster Umstände hat sie nie aufgegeben. Besonders umständlich wird es, wenn sie für den Speerwurf trainieren will: Von ihrer Wohnung in München-Neuperlach zu einer Wiese, auf der sie werfen kann, sind es zwei Kilometer. Dreimal umsteigen heißt es für sie, wenn sie zum Olympiastützpunkt will.

Seit dem Behandlungsfehler im Jahr 2007 lebt Birgit von Hartz-4 und hat Pflegestufe 1. Sieben Jahre hat Birgit Kober um ihr Recht, um Schadensersatz, um Schmerzensgeld gekämpft. Das Durchhalten hat sich gelohnt, inzwischen kam es zu einem Vergleich. Aber dass Birgit heute überhaupt so selbständig leben kann, verdankt sie ihrem Sport.

Der Sport ist der Motor in meinem Leben, der hat mich zurück in mein Leben gebracht. Ohne den Sport hätte ich keinen Alltag, kein zweites Leben, nichts. Ich habe wieder ein Leben zurück, mit einer Struktur, bin wieder glücklich.

Birgit Kober

Zuletzt aktualisiert: 04. September 2018, 14:34 Uhr