Selbstbestimmt | 19.01.2020 Der Gehirnchirurg - Operieren im Rollstuhl

Er ist der Mann, der mit einem Rollstuhl in den OP fährt. Doch nicht als Patient. Thomas Kapapa nimmt als Neurochirurg komplizierteste Eingriffe am Gehirn und am Rückenmark vor, trotz seiner Behinderung.

Gehirnchirurg
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Thomas Kapapa ist Arzt und rettet Menschenleben. Als Neurochirurg am Universitätsklinikum Ulm entfernt er bösartige Gehirntumore oder lebensgefährliche Gefäßmissbildungen. Er befreit Patienten mit Bandscheibenvorfällen von lähmenden Schmerzen. Jeder Patient, jede Operation ist eine neue Herausforderung. Dabei weiß der Arzt selbst, was es heißt, Patient zu sein. Thomas Kapapa sitzt seit seiner Kindheit im Rollstuhl.

Einschränkungen zu laufen habe ich schon seit meiner Kindheit. Was der tatsächliche Auslöser ist, weiß man bis heute nicht. […]

Thomas Kapapa

"Er operiert ja mit den Händen, nicht mit den Füßen"

Geboren wurde Thomas Kapapa in Südostafrika, aufgewachsen ist er in Ostfriesland, kurz hinterm Deich. Seine Eltern - ein Arzt und eine Krankenschwester - stammen aus Malawi. Sie hatten sich während der Ausbildung in Deutschland kennengelernt. Als politische Flüchtlinge kehrten sie mit ihrer Familie hierher zurück. Thomas Kapapa konnte alle Hindernisse überwinden, um Neurochirurg zu werden. "Er operiert ja mit den Händen, nicht mit den Füßen", meint sein Chef am Universitätsklinikum Ulm heute. Der war am Anfang durchaus skeptisch. Operieren im Rollstuhl?

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Thomas Kapapa bei einer OP: Ein spezieller Rollstuhl erleichtert seine Arbeit. Bildrechte: MDR/SWR

Es gibt OPs, die sind körperlich anstrengend. Da brauche ich eine Stufe, um zu operieren. Damit ich entsprechend hoch bin. Ich konnte mir das nicht vorstellen, wie da gehen soll mit Rollstuhl. Dann habe ich gesehen, dass er sich anschnallen und hochfahren kann. Ich habe weiter geguckt, wie das funktioniert. Er hat sich ja sehr gut entwickelt, das muss man sagen.

Chefarzt Prof. Dr. Rainer Wirtz

Plötzlich selber Pflegefall

Der Neurochirurg will einem jungen Patienten helfen. Der hat eine tickende Zeitbombe im Kopf: eine Gefäßmissbildung, die jederzeit ausbluten und zum Tod führen kann. Doch dann passiert Thomas Kapapa selbst ein Unfall: Der Arzt verletzt sich schwer an der Schulter und muss operiert werden. Er wird zum Pflegefall.

Das bedeutet ein halbes Jahr Zwangspause für den Chirurgen und die Unsicherheit, wie es weitergehen wird. Während dieser Zeit besucht er Malawi, das Land seiner Eltern, um ein Projekt voranzubringen, dass ihm besonders am Herzen liegt.

Allen Widrigkeiten zum Trotz kämpft er sich zurück in den Operationssaal, kann wieder operieren. Und: Thomas Kapapa hat sich während seiner Zwangspause verändert.

Ich bin dankbarer geworden. Ob ich nun geduldiger geworden bin, weiß ich nicht. Das wird sich dann in Zukunft zeigen. Ich bin empfindsamer und auf jeden Fall vorsichtiger mit mir geworden, das auf alle Fälle.

Thomas Kapapa

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Prof. Dr. Kapapa ist bei seinen Patienten beliebt und wird für seine ruhige , verbindliche Art geschätzt. Bildrechte: MDR/SWR