selbstbestimmt - Die Reportage | 24.02.2019 Die vergessliche Wohngemeinschaft

Eines Tages erhielt Marianne die Diagnose Demenz. Ihr Sohn kümmerte sich und fand eine WG für Demenzkranke, in der ein Pflegedienst die Betreuung rund um die Uhr übernimmt. Wir begleiten die Bewohnerinnen beim Spaziergang und Einkauf, beim Kochen und Bügeln, vom Frühstück bis zum späten Abend.

Sie leben in einer besonderen Wohngemeinschaft: Neun alte Menschen mit der Diagnose Demenz. Allein könnten sie den Alltag nicht mehr bewältigen. Eine von ihnen ist Marianne, die sehr gerne hier wohnt. "Wir sind alles freie Leute und können mitbestimmen", betont Marianne und blickt selbstbewusst auf ihre Mitbewohnerinnen am großen Esstisch. Die älteste ist 92. Auch Jürgen ist in der Runde, der einzige Mann und mit 61 Jahren auch der jüngste Mitbewohner.

Den Tagen einen Rhythmus geben

Eine Seniorin streichelt eine andere Seniorin
Marianne (rechts) kümmert sich um MItbewohnerin Anna. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Allein war Marianne, die Witwe, nicht mehr klargekommen, geisterte nachts durch die Stadt und über den Friedhof, wurde von der Polizei aufgegriffen. Schnell war klar: Die Diagnose heißt Demenz. So ging es nicht weiter, fand auch ihr Sohn. Zufällig hatte er von dem neuen Projekt gelesen, einer Wohngemeinschaft in einer sanierten Gründerzeitvilla im Zentrum von Offenbach. Seit zwei Jahren wohnt Marianne nun schon in dem herrschaftlichen Haus, trifft sich mit den Anderen im lichtdurchfluteten Wohnraum, kocht gemeinsam mit ihnen und kümmert sich um eine Mitbewohnerin, die das nicht mehr kann.

Ich denke halt immer, das kann mir auch passieren. Das ist es.

Marianne, WG-Bewohnerin

Im Stockwerk über der Wohnküche hat Marianne ihr Zimmer. Es ist ihr Rückzugsort, wenn ihr die Gemeinschaft zu viel wird. Einige ihrer Möbel hat sie hierhin mitgebracht. So fühle sie sich "nicht ganz so ins Dunkle geschmissen".

Seniorinnen kochen
Marianne hilft gerne beim Kochen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Jeweils zwei Pflegekräfte haben Dienst in einer Schicht. Und eine weitere ist mittags zusätzlich fürs Kochen da. Doch sie kocht nicht allein, sondern lässt sich von den Mitbewohnern helfen. Denn die werden nicht einfach nur verpflegt, sondern tun, was sie noch können. Die große Wohnküche im zweiten Stock ist das Herz der Wohngemeinschaft. Das gemeinsame Kochen und die gemeinsamen Mahlzeiten geben den Tagen einen Rhythmus. Und nach zwei Jahren ist auch die Umgebung erkundet.

Miteinander und ohne Zeitdruck

Für alle ist die Wohngemeinschaft ein Glücksfall, erspart ihnen Einsamkeit oder das Leben im Heim. Hier kann sich jeder die Zeit nehmen, die er braucht.

Ich wollte nicht ganz alleine leben. Und als mein Mann verstorben war, da habe ich gedacht, unter Gesellschaft ist es besser.

Renate, Mitbewohnerin

Eigentümerin der Villa und Vermieterin für die WG ist die "Hans und Ilse Breuer Stiftung". Jeder Mitbewohner zahlt hier Miete für ein eigenes Zimmer und die Nutzung der Gemeinschaftsräume. Hinzu kommen Essensgeld und Pflegekosten. Einige tausend Euro im Monat kommen schon zusammen. Und trotzdem ist es günstiger als in vielen Heimen.

Altenpfleger Ralf in der Wohngemeinschaft
Altenpfleger Ralf ist vom Konzept dieser WG überzeugt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch die Pflegekräfte sehen in dem Projekt viele Vorteile. Sie schätzen das entspannte Arbeiten, das Miteinander mit den Mieterinnen. Den Zeitdruck wie in Heimen haben sie hier nicht. Und auch die medizinische Versorgung ist eine andere, denn die Demenzkranken werden nicht mit Medikamenten ruhig gestellt. In dieser WG bekommen sie nur, was medizinisch notwendig ist, betont Altenpfleger Ralf.

Wenn ein Mensch entspannter ist und auch nicht ruhig gestellt, sediert ist, kann man oft mit ihm auch besser noch zusammenarbeiten. Er kann auch selber Dinge in der Pflege, im Alltag wieder selbst übernehmen.

Ralf, Pfleger
Altenpflegerin und Seniorin beim Essen
Altenpflegerin Andrea hilft, wo es nötig ist. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Den Vertrag mit der Stiftung und dem Pflegedienst haben die Angehörigen gemeinsam abgeschlossen. Sie tragen die Verantwortung, organisieren die Wohngemeinschaft, koordinieren den Pflegedienst. Die Angehörigen haben auch über das Betreuungskonzept entscheiden, und dazu gehört, dass die WG-Bewohnerinnen sich an den Hausarbeiten beteiligen. Denn genau darum geht es: Den Alltag und seine kleinen Herausforderungen zu erhalten.

Ein gutes Leben - mit Demenz. "Wir fühlen uns pudelwohl", heißt das für Marianne.

Buchtipp Burkhard Plemper:
"... und nichts vergessen?! Die gesellschaftliche Herausforderung Demenz"
Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2018,
286 Seiten

Veranstaltungstipp Der Filmemacher und Buchautor Burkhard Plemper ist auf der Leipziger Buchmesse 2019 zu Gast. Er lädt zweimal zu Lesung und Gespräch:

22.03.2019 | 18:00 Uhr
Ort: Petersbogen-Apotheke, Petersstraße 36-44, 04109 Leipzig
Mitwirkende/Autoren: Burkhard Plemper
Veranstalter: Vandenhoeck & Ruprecht

23.03.2019 | 15-15:30 Uhr
Ort: Neue Messe Leipzig, Forum Sach- und Fachbuch, Halle 3, Stand H300
Mitwirkende/Autoren: Burkhard Plemper
Veranstalter: Vandenhoeck & Ruprecht
Art der Veranstaltung: Lesung und Gespräch

Seniorinnen sitzen an einem großen Küchentisch
Blick in die helle Wohnküche. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zuletzt aktualisiert: 26. Februar 2019, 09:34 Uhr