SELBSTBESTIMMT - Die Reportage | 17.03.2019 Wenn die Worte steckenbleiben: Leben mit dem Stottern

Etwa fünf Prozent aller Kinder zwischen dem zweiten und sechsten Lebensjahr sind betroffen: sie sind Stotterer. Welche Möglichkeiten es mittlerweile gibt, ihren Leidensdruck ein wenig zu lindern, zeigt der Film von Tom Fleckenstein.

Frau und Mädchen spielen an einem Tisch
Besuch bei der Logopädin: Sarah macht große Fortschritte Bildrechte: MDR/BR

Wenn man ihn auf der Bühne erlebt, glaubt man nicht, dass er ein Problem mit dem Sprechen hat: Erhard Smutny, alias Hardy aus Augsburg ist Weltrekordler im Showzaubern – und er stottert. 

Hoher Leidensdruck

800.000 Menschen in Deutschland leben mit diesem Handicap. Es betrifft immerhin fünf Prozent aller Kinder zwischen zwei und sechs Jahren. "Bei den meisten hört es von selbst wieder auf", so die gute Nachricht von Georg Thum, dem Leiter der Stotterer-Beratung an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die schlechte Nachricht: Ab dem Schulalter ist Stottern in der Regel nicht mehr vollständig heilbar. Doch es gibt sehr gute Therapien.

Die siebenjährige Sarah geht regelmäßig zu einer erfahrenen Logopädin. Seither hat sie große Fortschritte gemacht. Auch ihre Mutter Barbara stottert. In ihrer Kindheit hat sie darunter stark gelitten.

Zwei Mädchen führen ein Alpaka.
Die siebenjährige Sarah soll eine bessere Schulzeit haben als ihre Mutter Bildrechte: MDR/BR

Was ich ganz ungut fand, war meine Schulzeit, nicht dass ich gehänselt worden bin, das kam bei mir nie vor. Aber ich hatte in der Schule viel Stress und Angst vor den Mitschülern zu sprechen. Ich hab mich so durchgemogelt, ich hab mich halt wenig gemeldet im Unterricht, hab mich zurückgezogen.

Barbara

Diese Erfahrung will sie ihrer Tochter Sarah ersparen.

Eine Frage des Timings?

Die Störung im Redefluss ist vererbbar. Warum die Worte einfach nicht raus wollen, ist nach wie vor ein Rätsel für die Wissenschaft. "Es könnte eine Frage des Timings sein", meint Professor Martin Sommer. Er ist Neurophysiologe an der Universitätsklinik Göttingen und selbst vom Stottern betroffen. Sprechen ist ein hochkomplexer Vorgang. Beim Stottern ist offenbar das Zusammenspiel der für das Sprechen zuständigen Bereiche in der linken Gehirnhälfte gestört.

Wir wissen, dass der Motorcortex, also das Bewegungsareal des Gehirns sich normalerweise dynamisch auf den nächsten Sprechvorgang vorbereitet. Diese Vorbereitung ist bei Stotternden gestört. Was wir noch nicht wissen ist, warum manche Episoden flüssig sind und nur manche unflüssig.

Martin Sommer

Hilfe durch Selbsthilfe

Eine junge Frau hält ein Notenblatt.
Sarina hat etwas gefunden, bei dem ihr Handicap wie weggezaubert ist. Sie nimmt Gesangsunterricht. Bildrechte: MDR/BR

Wertvolle Hilfe können auch Selbsthilfegruppen geben. Frederik und Sarina leiten die Flow-Gruppe in München, die sich speziell an junge Stotterer zwischen 16 und 29 Jahren wendet. Der Sprachheilpädagoge Georg Thum gibt Kurse speziell für diese Zielgruppe. Sarina hat dort Sprechtechniken gelernt, mit denen sie gut im Leben klarkommt. Wenn sie beispielsweise singt, stottert sie überhaupt nicht, denn dafür ist die rechte Gehirnhälfte zuständig.

Auch der inzwischen 70-jährige Zauberer Hardy hat viel ausprobiert. Ihm persönlich halfen schließlich die Auftritte vor dem Publikum. Zu den erfolgreichsten Behandlungsmethoden in Deutschland zählt die "Kasseler Stottertherapie", die auch online angeboten wird. Die Kosten werden von der Kasse übernommen.

Menschen, die stottern, werden oft nicht erst genommen, belächelt oder ausgegrenzt. Der Film erklärt das Phänomen und zeigt, wie Betroffene ihr Handicap auf unterschiedliche Weisen meistern.

Jugendliche an einem Tisch spielen ein Brettspiel
Am Starnberger See bietet Georg Thum Jugendlichen und jungen Erwachsenen Auffrischungskurse an. Denn 20 Prozent der Betroffenen behalten das Stottern ihr Leben lang und müssen immer wieder daran arbeiten. Bildrechte: MDR/BR

Zuletzt aktualisiert: 19. März 2019, 12:45 Uhr