Selbstbestimmt | 12.01.2020 7 Tage... Pfleger

Die Nachrichten sind voll von Geschichten über den Pflegenotstand. Auch daran müsste sich was ändern, hört Reporter Martin Rieck, als er für sieben Tage in einem Hamburger Pflegeheim mitarbeitet. Was die Menschen auszeichnet, die sich um hilfsbedürftige Senioren kümmern und wie sie ihre Arbeit schaffen, das wollte er erfahren. Nicht nur als Beobachter war er vor Ort.

"Alles, nur nicht alte Menschen waschen und sauber machen müssen." Das sagte sich Reporter Martin Rieck, als er vor 20 Jahren seinen Zivildienst antreten musste. Heute will er über seinen eigenen Schatten springen und für sieben Tage als Pfleger im Pflegeheim St. Markus in Hamburg arbeiten. Er muss Haare kämmen, Frühstück verteilen, Körper waschen und auch mal die Hand von Frau Schick nehmen, wenn ihr Herz mal wieder schmerzt und sie spazieren gehen möchte.

Zu viel Negativ-Berichterstattung ...

Pfleger
Nicht nur beobachten, sondern mitarbeiten will er ... Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

116 Senioren wohnen im St. Markus in Hamburg. Ein Zimmer in diesem Pflegeheim ist auch mit einer kleinen Rente bezahlbar. Aber die Wartezeit beträgt im Schnitt zwei Jahre. Die Nachrichten sind voll von Geschichten über den Pflegenotstand und darüber, welche Plackerei es ist, sich unterbezahlt um hilfsbedürftige Senioren zu kümmern. Auch daran müsste sich etwas ändern, findet Saskia. Eigentlich wollte sie mal Sozialpädagogik studieren. Die Ausbildung im St. Markus war nur als Überbrückung für einen Studienplatz gedacht. Inzwischen ist sie seit 14 Jahren dort. Angesichts der Berichterstattung von heute würde sie eine solche Ausbildung wohl nicht noch einaml anfangen, meint sie: "Ich glaube, dass zu viele negative Dinge aus der Pflege gezeigt werden und zu wenig Positives."

... aber unbestritten eine Herausforderung

Pfleger
... und kommt an seine Grenzen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dass der Beruf eine Herausforderung bedeutet, weil sich ein alter Mensch mit Demenz beispielsweise auch mal weigern kann, sich "versorgen" zu lassen, leugnet sie nicht. Sie kann damit umgehen, wenn eine alte Dame an einem Morgen nicht gewaschen werden möchte: "Weder ihr noch mir ist damit geholfen damit, wenn ich jetzt etwas tue, was sie gar nicht möchte. Und letztendlich hat sie eine Entscheidung getroffen. Und auch wenn sie dementiell erkrankt ist, kann sie trotzdem eine Entscheidung treffen."

Jeder hat seinen eigenen Charakter. Im Altenheim ist das nicht anders. Als Pflegerin oder Pfleger braucht man da Gelassenheit und starke Nerven. Und über seine Grenzen gehen muss man anfangs wohl auch, stellt Reporter Martin Rieck fest, als es darum geht, dass noch bei acht Bewohnern die Vorlagen, sprich Windeln für Erwachsene, zu wechseln sind: "Da muss ich wohl durch. Ich will ja schließlich auch, dass man mir hilft, wenn ich alt bin", macht er sich Mut. Eliza ist 16 Jahre alt und seit drei Monaten in dem Heim, in dem sie ein freiwilliges soziales Jahr absolviert. Sie bringt ihn dazu, die Perspektive zu wechseln: "Mich ekelt das nicht mehr an. Man muss da durch. Es ist eher für den Bewohner unangenehm, finde ich. Ich habe mal erlebt, dass einer der Bewohner weinte, weil er daneben gemacht hat. Das tat mir Leid. Man muss dann auch ein bisschen beruhigen."

Balance zwischen Abgrenzung und Empathie finden

Pfleger
Respekt zeigen und Zuhören können, das ist das Credo. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die volle Vergänglichkeit jeden Tag vor Aufgen geführt zu bekommen, darauf muss man sich einstellen, eine "gewisse Härte" entwickeln, so formuliert es Eliza: "Weil emotional wirkt das schon auf einen." Das klingt abgekühlt. Aber Abgrenzung gehört für Pflegerinnen und Pfleger zur Überlebensstrategie. All das Leid mit nach Hause nehmen, das schafft keiner. Die Herausforderung besteht darin, Empathie, Geduld und Menschenliebe nicht zu verlieren. Reporter Martin Rieck erlebt bei seinem Sieben-Tage-Einsatz aber auch, dass nicht alles nur Mühsal ist, sondern auch bereichernde Erfahrungen dazu gehören.

Für viele Leute, die mutterseelenallein zuhause waren, etwa weil sie im 5. Stock ohne Fahrstuhl nicht mehr aus der Wohnung kamen, sei das "nochmal ein richtig toller, neuer Lebensabschnitt", erzählt Pflegedienstleiterin Graveley, auch wenn klar sei, dass das Heim wohl die letzte Station auf dem Lebensweg sei. Wenn Heimbewohner sterben, müsse da auch Raum sein für die Mitarbeiter zu trauern, sagt Graveley. Schließlich seien Beziehungen zu diesen Menschen entstanden, einige haben einem selber weitergeholfen, auf irgendeinem Weg oder in irgendeiner Krise. Ich heul' Rotz und Wasser heute noch." Die Arbeit in einem Pflegeheim sei eben alles andere als ein Alltagsgeschäft.

"Wenn ich mal ins Seniorenheim muss, wünsche ich mir Pfleger, die mich ernst nehmen und die Zeit haben, zuzuhören, wenn keiner mehr da ist." Und ihm fällt auf, dass er mal wieder seine Mutter anrufen könnte!

Mehr zum Thema