Selbstbestimmt - Die Reportage | 24.11.2019 | Jetzt in der Mediathek Wahre Größe - Alltag von kleinwüchsigen Menschen

Kleinwüchsige ziehen immer noch die Blicke auf sich. Die Reportage begleitet Michel, Franziska und Familie Sarihan in ihrem Alltag, in dem sie immer wieder darum kämpfen, anderen "auf Augenhöhe" zu begegnen.

Rund 100.000 kleinwüchsige Menschen gibt es in Deutschland. Noch in den Achtziger Jahren traten manche als Attraktion im Zirkus auf, verdienten damit Geld. Heute haben sich viele organisiert und treten ein für Inklusion und Selbstbestimmung. Beispielsweise auf dem europaweit größten Treffen im hessischen Hohenroda. 650 kleinwüchsige Menschen sind diesmal zusammengekommen, dazu gehören auch Michel Arriens und Franziska Stroth.

Auf Augenhöhe

Zwei Männer
Michel Arriens bei einer Aktion von "Change.org" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die beiden sind seit sieben Jahren ein Paar und leben gemeinsam in Hamburg. Michel arbeitet in Berlin. Ständiger Begleiter ist sein Roller, das Dreirad ist ein Einzelstück. Sein Vater hat ihn gebaut und Michel damit Beweglichkeit geschenkt. Denn Michel kann nicht laufen. Dennoch ist er ständig unterwegs, setzt sich als Aktivist bei der Organisation "Change.org" für soziale Themen ein. Dabei trifft er bei Petitionsübergaben regelmäßig auf Politiker. Um mit ihnen auf Augenhöhe zu reden, braucht er bei den 1,20 Metern, die er misst, viel Selbstbewusstsein. Manches kann er mit Humor nehmen. Aber nicht alles. Auf der Straße wird er manchmal als "Liliputaner"  bezeichnet oder die Menschen lachen und fotografieren ihn. Doch Michel ist überzeugt: Wahre Größe misst man nicht in Zentimetern!

Auf Augenhöhe ist man erstmal nicht, wenn man die Zentimeter vom Boden misst. Auf Augenhöhe heißt für mich, dass wir uns miteinander unterhalten und zwischen uns kein Machtgefälle besteht. Das ist erst einmal durch den Größenunterschied schwierig. Auf der anderen Seite: Wenn ich dann meinen Mund aufmache, ist die Augenhöhe relativ schnell hergestellt.

Michel Arriens

Sich durch den Alltag und gegen Vorurteile kämpfen

Frau und Mann
Die Sarihahns beim Austausch Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Murat und Kathrin Sarihan kommen zum ersten Mal als Familie nach Hohenroda. Beim Forum, erleben sie, sind alle gleich. Im Alltag begegnet man ihnen oft als "nicht normal". Wegen ihrer Kleinwüchsigkeit ziehen sie die Blicke auf sich. Weil sie nur rund 1,25 Meter groß sind, fühlen sie sich oft wie Kinder behandelt, schlicht ignoriert oder gar angepöbelt, "was heutzutage schon alles ein Kind bekommen kann." Lange haben Murat und Kathrin von einer eigenen Familie geträumt. Zwei Fehlgeburten hat Kathrin erlebt, bis sie vor zwei Jahren einen Sohn bekam. Inzwischen reicht er den Eltern mit seinen 90 Zentimetern bald bis zur Schulter und wiegt entsprechend. Auch wenn er ebenfalls kleinwüchsig ist, wächst er zunächst wie jedes andere Kind auch. Kathrin ist froh, dass sie an ihrem Traum vom Wunschkind trotz aller Einwände festgehalten hat: "Ich glaube, dass man im Leben schon ein bisschen Gottvertrauen haben muss, um etwas zu erreichen, um seine Träume und Wünsche zu verwirklichen", sagt sie und entgegnet Vorurteile anderer:

Manche denken sicher: "Ach, das hätt' jetzt auch nicht sein müssen, dass die zwei Kranken noch ein krankes Kind in die Welt setzen. Das geht an mir vorbei. Ist ja nicht ihr Leben.

Kathrin Sarihan
Mann und Frau verladen Pakete
Täglich stapeln und schleppen, aus- und einpacken Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dieses Leben ist durchaus ein Kampf. Murat Sarihan hat sich erfolgreich selbständig gemacht, beliefert große Unternehmen mit Druckerpatronen. Dutzende Pakete muss er täglich stapeln und schleppen, aus- und einpacken – ein Knochenjob. Mit der richtigen Technik geht es, sagt er. Dabei weiß er auch, dass der Verschleiß an den Gelenken bei Kleinwüchsigen früher einsetzt. Auszufallen, das kann er sich nicht leisten.

Alles im Alltag ist auf eine andere Größe ausgelegt: Kleidung, Bankautomaten, Einkaufswagen, Supermarktregale und Kassenband. Selber zu nähen, ist einer von Kathrins Versuchen, diesem Alltag kreativ zu begegnen, um selbstbestimmt zu leben. Zum Glück hatten ihre Eltern früh begonnen, für Auto und Führerschein ihrer Tochter zu sparen, denn ohne wäre sie heute auf dem Land aufgeschmissen. Die 12.000 Euro für den Umbau des Autos mussten sie allein aufbringen. Bisher haben die Sarihans alle Hürden gemeistert. Dass sich wahre Größe nicht in Zentimetern bemisst – das wollen sie ihrem Jungen mitgeben.

Frau und Kind mit Einkaufswagen
Hürden des Alltags Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ich hoffe, dass wir ihn so selbstbewusst erziehen, dass er dazu steht, ohne sich zu schämen. Dass er weiß, dass es im Leben nicht nur auf die körperliche Größe ankommt, dass er wegen seines Charakters gemocht und nicht auf ein paar Zentimeter reduziert wird.

Kathrin Sarihan