Selbstbestimmt Resilienz: Wie man Lebenskrisen besser meistert

Als Resilienz bezeichnet man die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen gut zu überstehen. Für Amelie Mahlstedt aus Leipzig ändert sich das Leben komplett, als ihre jüngste Tochter Lola mit dem Down-Syndrom zur Welt kommt. Doch sie findet einen Weg, sich mit der veränderten Situation aktiv auseinanderzusetzen und hilft inzwischen auch anderen dabei, Lebenskrisen zu bewältigen.

Das Leben geht oft andere Wege, als man es sich wünscht. Das muss auch Amelie Mahlstedt aus Leipzig erfahren. Vor 13 Jahren kommt ihre zweite Tochter Lola mit dem Down-Syndrom zur Welt. Die Wahrscheinlichkeit eines solchen Chromosomenfehlers ist sehr gering, und so verlässt sich Amelie auf ihr Bauchgefühl und macht während der Schwangerschaft keinen Test.

Mit Lolas Geburt verändert sich für Amelie alles. Zuerst fällt sie ins Bodenlose, kann nicht verstehen, wie gerade ihr so etwas passieren kann. Sie ist eine junge, aufstrebende Wissenschaftlerin, hat am Max-Planck-Institut promoviert und Aussicht auf eine akademische Karriere. Aber Amelie nimmt jetzt eine sehr lange Elternzeit, ist voller Sorge um ihr Kind. Doch Lola entwickelt sich gut und ihre Lebensfreude steckt Amelie an.

Da war plötzlich so dieses Gefühl. Vielleicht ist es gar nicht schlimm. Vielleicht ist es gut so. Vielleicht sollte das so sein. Vielleicht liegt darin auch eine Chance. Dieses Gefühl hat mich sehr durch die erste Zeit getragen.

Amelie

Auch anderen eine Stimme geben

Ganz Wissenschaftlerin, beginnt Amelie ihre Tochter systematisch zu fördern. Sie übt mit modernen Methoden, verknüpft Worte mit Bildern und Gebärden, damit Lola sprechen lernt. Regelmäßig berichtet Amelie über ihre Strategien in "Lolas verrückte Welt" , ein Blog, den sie betreibt. Dort gewährt sie einen ehrlichen Einblick in ihr Leben.

Eine Frau lacht in die Kamera.
Amelie Mahlstedt Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Als ich darüber geschrieben habe, habe ich viel Resonanz bekommen. Auch von Eltern, die gemerkt haben: Ja, es tut gut zu wissen, dass es auch andere Eltern gibt, denen das schwer fällt, dass sie damit hadern. Man versucht sich ja auch in dieser Gesellschaft so optimal wie möglich darzustellen. Alle rocken alles und alle kriegen eigentlich Depressionen, weil sie denken: Alle rocken alles. Dabei sind alle hoffnungslos überfordert. Und denen wollte ich auch eine Stimme geben, ohne sich in Selbstmitleid zu suhlen.

Auch Defizite akzeptieren lernen

Heute ist Lola 13 Jahre alt und geht in die 7. Klasse einer inklusiven Schule in Leipzig. Sie hat sprechen gelernt und kann schreiben. Mutter Amelie hat viel erreicht, sie stößt aber auch an Grenzen. Lola in ihrer Entwicklung immer ein paar Jahre zurück. Das zu akzeptieren, fällt Amelie nicht immer leicht.

Ein Mädchen lacht.
Mutter und Tochter beim Spielen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mein Verarbeitungsprozess war, Lola möglichst gut zu fördern. Um im Grunde sie so zu fördern, dass man sie gar nicht unterscheiden kann von anderen Kindern. Aber das hat mit echter Annahme natürlich nichts zu tun. Dieser Trauerprozess hat eigentlich erst später angefangen. Es war so mein Prozess, erst einmal zu verdrängen. Sich alles schön zu reden.

Amelie

Das Schreiben hilft

Dass nun Amelie ihre Trauer auch zulässt, ist ein erster Schritt raus aus der Krise. Ihr hilft das regelmäßige Schreiben. Vor sechs Jahren hat sie ein Buch veröffentlicht, das wie ihr Blog "Lolas verrückte Welt" heißt.

Buchtipp: Amelie Mahlstedt
Lolas verrückte Welt: Diagnose: Down-Syndrom
Gütersloher Verlagshaus 2014
ISBN-10 : 3579070630
ISBN-13 : 978-3579070636
17,99 EUR

Ihre Gedanken in die Welt zu schicken, gibt Amelie die Möglichkeit, ihre Trauer zu teilen und einen Neuanfang zu wagen. Beweis für ihren Lebensmut ist die Geburt von Pawel, ihr drittes Kind. Auch beruflich hat sich Amelie verändert.

Heute arbeitet sieals freiberufliche Autorin und bietet als Schreibtherapeutin Kurse an. Das Schreiben hat Amelie resilienter gemacht. Eine Erfahrung, die sie gerne weitergeben möchte.

Wir sind Schöpfer unseres Lebens. Wir sind nicht ausgeliefert. Und im Schreiben kann ich auch retrospektiv die Geschichte so schreiben, wie ich sie brauche, wie sie mir Kraft gibt. Ich kann mich als Opfer schreiben oder ich kann mich auch im Nachhinein so sehen: Was habe ich gelernt in bestimmten Krisenzeiten und dadurch sehe ich die Überwindungsleistung und nicht das, was mir genommen wurde. Das gibt mir Kraft im Leben.

Amelie

Lola geht inzwischen immer mehr ihren eigenen Weg. Sie ist selbstbewusst, voller Spontaneität und Ideen. Was die Zukunft bringen wird, ist für Lola genauso offen wie für Amelie. Für ihre Familie zählt das Jetzt. Die Geborgenheit und Liebe, in der sich jeder mit seinen Besonderheiten und Ideen angenommen fühlt.

Eine Frau und drei Mädchen sitzen an einem Tisch und essen.
Lola im Kreise ihrer Familie Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt - Das Magazin | 14. Februar 2021 | 08:00 Uhr