Inklusion mal anders Leipziger Schule integriert Kinder ohne Behinderung in Förderklassen

Die Werner-Vogel-Schule in Leipzig dreht das Konzept der Inklusion um: Hier werden Kinder ohne Behinderung in eine Förderschule für geistig-behinderte Kinder integriert. Die Pädagoginnen und Pädagogen stellt das vor neue Herausforderungen, sie können aber auch auf ihre Erfahrungen mit behinderten Kinder zurückgreifen. Schlussendlich sollen alle von dem gemeinsamen Lernen profitieren.

Ein Lehrer hilft einem Schüler 6 min
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Selbstbestimmt So 11.10.2020 08:00Uhr 05:46 min

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Claudia Pierschel ist Förderlehrerin. Jahrelang hat sie am Werner-Vogel-Schulzentrum in Leipzig ausschließlich Kinder mit geistiger Behinderung unterrichtet. Seit kurzem werden Kinder ohne Behinderung in den Alltag an der Förderschule integriert. Nun ist Claudia Pierschel gemeinsam mit einer weiteren Lehrerin und einem Heilerziehungspfleger für fünf Kinder mit Behinderung und 17 Kinder ohne Behinderung zuständig.

Es ist eine Klasse wie jede andere und noch darüber hinaus. Wir haben schon viele verschiedene Kinder hier in der Klasse. Alle so mit Lernstoff zu versorgen, dass unterm Strich ein ruhiges Arbeiten bei rauskommt, ist eine Herausforderung.

Claudia Pierschel
Frau
Claudia Pierschel, Förderlehrerin Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Tag beginnt mit einem Morgenkreis: Alle Kinder bringen zusammen Struktur in den Schultag. Dann werden neue Themen eingeführt oder bereits Gelerntes vertieft. Anschließend arbeitet jedes Kind für sich an seinem eigenen Wochenplan. Die Kinder mit Behinderung haben einen anderen Lehrplan als die Kinder ohne. Sie arbeiten individuell auf ihr jeweiliges Lernziel hin.

Diese Form des gemeinsamen Lernens funktioniert dank einer Mischkalkulation: Die Kinder mit Förderbedarf bekommen eine größere Unterstützung vom Staat. Die Eltern der Kinder ohne Förderbedarf zahlen Schulgeld. So können die drei Pädagoginnen und Pädagogen jedes der insgesamt 22 Kinder individuell fördern.

Von den Erfahrungen mit behinderten Kindern profitieren

Damit haben sie schon viel Erfahrung am Werner-Vogel-Schulzentrum. Durch die langjährige Arbeit mit behinderten Menschen wisse das Pädagogen-Team, wie man mit Kindern arbeitet, die anders sind als andere, sagt Christiane Burger, pädagogische Leiterin der Schule. Unterrichtet wird mit alternativpädagogischen Methoden wie beispielsweise dem Montessori-Konzept. Davon profitieren nicht nur die Schülerinnen und Schüler mit Behinderung.

Wir sind es gewohnt, sehr viele lernunterstützende Methoden einzusetzen, die auch für Grundschüler sehr gut sind. Gebärden, Bildsymbole, eine klare Strukturierung von Raum, Zeit und Abläufen. Das alles tut auch den Grundschulkindern sehr gut.

Christiane Burger
Mann, Frau, Kinder singen
Gemeinsames Singen in der Werner-Vogel-Schule Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Eltern von nicht behinderten Kindern müssen sich explizit dafür entscheiden, sie auf eine Förderschule zu schicken. Hannah Parron und Ron Wetzel haben das getan. Ausschlaggebend sei die Vermittlung von Sozialkompetenz gewesen. "Da entstehen tiefe Bindungen und soziale Gefüge, die woanders nicht möglich gewesen wären", sagt Ron Wetzel.

Ziel: Kinder mit und ohne Behinderung lernen unter einem Dach

Am Werner-Vogel-Schulzentrum werden unter der Trägerschaft der Diakonie Leipzig seit 1967 Kinder mit Förderbedarf in der geistigen Entwicklung unterrichtet. Seit drei Jahren werden Kinder ohne Behinderung in den Lernalltag integriert. Die drei inklusiven Klassen sind noch in provisorischen Räumen untergebracht. Im kommenden Jahr soll ein Anbau mit neuen Klassenräumen fertig sein. Dann sollen alle Kinder unter einem Dach lernen und sich in Gemeinschaftsräumen treffen können.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt | 11. Oktober 2020 | 08:00 Uhr