Selbstbestimmt arbeiten mit Behinderung Gesichter der Inklusion: Wie Jeannette Dümichen um ihren Traumberuf kämpft

Inklusion auf dem Prüfstand: Erzieherinnen und Erzieher werden gesucht. Jeanette Dümichen kämpft schon lange dafür, in diesem Beruf arbeiten zu dürfen. Sie ist gehörlos und bräuchte einen Gebärdendolmetscher, um die Ausbildung zu absolvieren. Die Kosten könnte sie allein nicht tragen. Dass ihre berufliche Umorientierung nicht unterstützt wird, sieht sie als Benachteiligung. Aufgeben will sie nicht, sie arbeitet sogar schon als Hilfskraft in einer Dresdner KITA. Zuletzt stritt sie für ihren Traumberuf sogar vor Gericht. Gemeinsam mit dem Inklusionsnetzwerk Sachsen zeigt "Selbstbestimmt – Gesichter der Inklusion" und erzählt die Geschichten von Menschen, die um Teilhabe kämpfen.

Erzieherin mit Kindern
Jeanette Dümichen mit "ihren" Kindern in der bilingualen Kita in Dresden-Pieschen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Jeanette Dümichen ist seit ihrer Geburt gehörlos und verständigt sich in Gebärdensprache. In der bilingualen Kita in Dresden-Pieschen ist das kein Problem: Hörende und gehörlose Kinder lernen hier gemeinsam. Jeannette Dümichen betreut sie als Hilfskraft. Sie würde aber gerne weiterkommen und deswegen eine Ausbildung zur Erzieherin machen.

Jetzt im Moment bin ich eine pädagogische Hilfskraft, das heißt, ich kann nicht selbstständig arbeiten. Ich bin immer gebunden an einen anderen Erzieher. Mit Ausbildung wäre das anders. Ich wäre auch Bezugserzieher, könnte Elternabende, Eltern- und Entwicklungsgespräche selbständig vorbereiten.

Jeanette Dümichen

Keine Kostenübernahme für "berufliche Umorientierung"

Eine Frau
Jeanette Dümichen ist gelernte Zahntechnikerin Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch bisher konnte sie ihre Ausbildung zur Erzieherin nicht starten. Dabei hätte sie sogar schon einen Ausbildungsplatz in einer Schule und könnte nebenbei in der Kita weiterarbeiten. Seit mittlerweile acht Jahren scheitert es daran, dass keine Behörde bereit ist, die Kosten für einen Gebärden-Dolmetscher, den sie dazu bräuchte, zu übernehmen.

Selbst könnte sie die nicht tragen. Pro Stunde kostet ein Dolmetscher rund 75 Euro. In den meisten Fällen bezahlen die Behörden bei gehörlosen Menschen den Dolmetscher für eine Ausbildung. Doch Frau Dümichen hat bereits vor 20 Jahren eine abgeschlossen: Damals lernte sie Zahntechnikerin.

Für die Gehörlosen wurden speziell 'kommunikationsarme' Berufe ausgewählt und deswegen habe ich dieses Ausbildungsplatz-Angebot akzeptiert und angenommen, obwohl ich diesen Beruf eigentlich überhaupt nicht erlernen wollte.

Jeanette Dümichen

Beim Stadtverband der Gehörlosen in Dresden betreut Claudia Kunig ihren Fall. Es gebe staatliche Hilfen für berufliche Weiterbildung, erklärt sie. Doch bei Frau Dümichen gehe es um eine berufliche Umorientierung.  

Zwei Frauen sitzen an einem Tisch
Beim Beratungsgespräch mit Claudia Kunig Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Problem ist, dass nur aufsteigende Qualifikationen bewilligt werden, das heißt, man hat einen Grundberuf und möchte dann den Meister machen oder möchte in dem speziellen Fachbereich studieren, dann werden die Kosten übernommen. Alles andere erweist sich leider als sehr schwierig.

Claudia Kunig

Die Sendung starten!

Ein Mann beim Bogenschießen 30 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Unbefriedigende Entscheidung

Jeannette Dümichen gab sich damit nicht zufrieden. Sie beantragte die sogenannte Eingliederungshilfe. Sie soll Menschen mit Behinderung gesellschaftliche Integration ermöglichen. Doch dieser Antrag wurde abgelehnt mit der Begründung, Jeannette Dümichen habe bereits Eingliederungshilfe für eine andere Ausbildung erhalten und könne doch in diesem Beruf arbeiten.

Bei einem Hörenden gibt es das doch auch nicht, dass er gezwungen wird, in einen alten Beruf zurückzugehen. Das ist für mich vollkommen unverständlich und das macht mich tief betroffen.

Jeanette Dümichen

Die 42-Jährige suchte sich Hilfe bei einem Anwalt und klagte. Ihr Mann Knut unterstützt sie auf ihrem langjährigen Weg, der ihr vieles abverlangt: Vor zwei Jahren zum Beispiel forderte das Gericht ein gesundheitliches Gutachten, um zu prüfen, ob sie überhaupt als Erzieherin arbeiten könne.

Eine Frau
Aufgeben ist für Jeannette Dümichen keine Option Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dann hat der Arzt mich im Detail untersucht, ich musste mich faktisch nackt machen. Aufgeschrieben hat er zum Beispiel, dass ich mich selbstständig und ohne Hilfe umziehen kann, ohne Unterstützung. Es entstand ein 24-seitiges Gutachten über mich. Da stimmte für mich die Welt nicht mehr. Ich fragte mich: Werden Hörende auch so untersucht?

Jeanette Dümichen

Trotz Niederlage, weiterkämpfen

Das Gutachten änderte nichts am Beschluss, sie könne in ihren alten Beruf zurückkehren. Weiter hieß es, sie arbeite doch bereits in einer Kita. Und der Gehaltsunterschied zur Erzieherin sei unwesentlich, so das Urteil.

Nach Niederlagen findet Jeanette Dümichen Kraft bei ihrer Familie: bei ihrem Mann und den zwei Töchtern in Freital. Obwohl sie in den acht Jahren schon viel probiert hat und ständig auf Barrieren gestoßen ist, will sie weiterkämpfen: "Das Recht ist wichtig für alle", sagt sie mit Blick auf ihren Traumberuf in der KITA.   

Menschen sitzen an einem Esstisch
Jeannette Dümichen im Kreise ihrer Familie Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ich kann nicht einfach aufgeben. Es geht mir um Inklusion. Ich kann da ja arbeiten, es macht mir ja Spaß, warum sollte ich das aufgeben? Ich möchte diesen Beruf ausüben. Das ist mein erklärtes Ziel.

Jeanette Dümichen

Ein Verfahren vor Gericht ist gescheitert, aber ein anderes läuft noch. Jeanette Dümichen und ihre Familie hoffen nicht nur, dass sie die Ausbildung machen kann, sondern auch, dass sich die zukünftige Rechtslage zugunsten anderer Betroffener ändert. Sie ärgert sich, nur die Kosten zu betrachten, aber nicht den Gewinn für die Allgemeinheit in die Betrachtung ihres Falles miteinzubeziehen: Sie argumentiert, könnte sie mit gehörlosen Kindern in Gebärdensprache kommunizieren, würde das ihre Integration verbessern und Ausgaben sparen, etwa für Dolmetscherdienste. Auch Gehörlose müssten selbstbestimmt in sozialen Berufen arbeiten dürfen, nicht nur in "kommunikationsarmen".

"Inklusion von unten": Das Inklusionsnetzwerk Sachsen

Das Inklusionsnetzwerk Sachsen ist ein Projekt der Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe Sachsen e.V. (LAG SH), gefördert vom Freistaat.
Die LAG SH Sachsen ist ein gemeinnütziger Verein und Interessenvertreter für Menschen mit Behinderung und chronischer Erkrankung, um deren tatsächliche Inklusion zu fördern.
Damit sie gelingt, braucht es viele. Deshalb bringt das Inklusionsnetzwerk Sachsen Menschen mit und ohne Behinderungen sowie Vereine und Institutionen aus unterschiedlichsten Bereichen wie Kultur, Bildung, Sport und Verwaltung zusammen, die bereits inklusiv arbeiten oder sich für das Thema öffnen möchten. Gerade Betroffenenkompetenz einzubinden, ist für das Netzwerk zentral. Das Netzwerkteam, das aus haupt- und ehrenamtlich engagierten Menschen mit und ohne Behinderung besteht, hilft, Kontakte, Wissen und Erfahrungen auszutauschen, Projekte anzuregen oder vorzustellen. Zudem vermittelt es Mitwirkende und Ehrenamtliche auf Kooperations- oder ehrenamtlicher Ebene.

Gemeinsam recherchiert und erstellt das Team beispielsweise Datenbanken über barrierefreie Räumlichkeiten und Veranstaltungsorte in Sachsen oder bündelt hiesige Veranstaltungen zum Thema Inklusion auf der Website Inklusionsnetzwerk Sachsen. Außerdem werden regelmäßig Schulungen angeboten, wie zuletzt zum Thema "Barrierefreies Einkaufen" in Dresden. Mitwirken können Interessierte als Assistentinnen oder Assistenten bei Urlaubsreisen für Menschen mit Behinderung, als Barrieretester des Alltags im Vogtland, analog und digital oder etwa als Helferinnen und Helfer beim Dresdner Projekt "Dance without borders", wo es darum geht, Kinder während des Tanzunterrichts zu unterstützen. Mobil sein, auch darum geht es Menschen mit Behinderung besonders. Gefragt ist Fachwissen und die Mitwirkung im Bereich ÖPNV.

Durch die konkreten Geschichten im Teilprojekt "Gesichter der Inklusion" soll Inklusion sichtbar und erfahrbar werden. Zu finden sind die Porträts von Menschen, die Inklusion leben oder dafür kämpfen, seit 2019 auf der Webseite, bei Instagram oder via Facebook. Vor allem in den sozialen Medien läuft die Kampagne unter dem Hashtag #WeilVielfaltFetzt. Das große Ziel ist es, Ende 2021 eine Wanderausstellung unter dem Motto "WeilVielfaltFetzt" auf die Beine zu stellen, um noch mehr Menschen zu erreichen.

Mehr zum Thema Gehörlosigkeit und Inklusion

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt - Das Magazin | 08. November 2020 | 08:00 Uhr