Selbstbestimmt – Die Reportage | 28.02.2020 Hirnverletzte auf dem Weg zu sich selbst

Ein Film von Stephan Liskowsky und Dinah Münchow

"Wie eine Explosion im Kopf" beschreibt Virginie Blei den Moment, in dem sie eine Hirnblutung erlitt. Seitdem ist sie halbseitig gelämt. Nick Tschirner hatte nach einem Verkehrsunfall ein Schädel-Hirn-Trauma. Nun gilt er als nicht ausbildungsfähig. Die Reportage begleitet Hirnverletzte auf dem Weg zu sich selbst und zurück ins Leben.

Virginie in Therapie 30 min
Bildrechte: MDR

Eine Hirnverletzung kann nicht nur zur körperlichen Einschränkungen führen, sondern auch Charakter und Persönlichkeit eines Menschen grundlegend. verändern. Über 300.000 Menschen pro Jahr erleiden in Deutschland nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie eine Schädel-Hirnverletzung. Damit sind diese Verletzung häufiger als etwa Querschnittslähmungen. Bei jungen Menschen sind Schädel-Hirnverletzungen der Hauptgrund für eine schwere Behinderung.

Das Davor und das Danach

Nick Tschirner gibt es jetzt sozusagen zwei Mal. Vor dem Unfall im November 2007 war er ein Gymnasialschüler, dem das Lernen leicht fiel. Er plante, Karriere zu machen und ins Ausland zu gehen, sprach fließend Englisch und lernte Chinesisch. Ein 16-Jähriger, der aktiv und früh selbständig war.

Und es gibt den Nick nach dem Unfall. Der Gespräche schnell vergisst, aufbrausend sein kann, kaum etwas ohne Anleitung macht und viele Impulse von außen braucht. Durch den Unfall, bei dem auch das Frontalhirn verletzt wurde, lag Nick wochenlang im Koma. Danach musste er alles neu lernen, auch laufen und sprechen.

Nick Tschirner
Nick Tschirner Bildrechte: MDR

In einem Therapiezentrum mit dem Schwerpunkt der beruflichen Integration wurde festgestellt, dass Nick nicht ausbildungsfähig ist. Nick selbst sagt, er finde nicht, dass sich seine Persönlichkeit verändert habe. Aber die Realität zeige ihm immer wieder, dass etwas anders mit ihm ander sei. Oft müsse er sich fragen: Was kann ich noch? Was bleibt, und woran kann man arbeiten?

Wenn man gleich den Stempel "Behinderter" aufgedrückt bekommt, dann ist ja der halbe Weg schon entschieden. Man kann sich nicht mehr wirklich weiterentwickeln.

Nick Tschirner

Der Schlüssel zum Glück

Auch Virginie Blei und ihre Angehörigen stehen nach ihrer Hirnblutung vor grundsätzlichen Fragen. Als Kind und Jugendliche war sie extrovertiert, tanzte gerne und lachte viel. Seit dem Unfall ist sie eher eine ernsthafte, nachdenkliche Person. Das Lachen musste sie langsam wieder lernen.

Wenn die Leute sich auf einmal abwenden merkt man, dass man nicht mehr dieselbe ist, weil vorher kam man ja miteinander klar.

Virginie Blei
Virginie Blei
Virginie Blei Bildrechte: MDR

Virginies Ziel ist es, so wie früher zu werden. Um die Leistung ihres Gehirns zu verbessern, ist sie mindestens einmal pro Woche beim sogenannten Neurofeedback. Dabei gilt es, die eigenen Hirnströme zu beeinflussen. Was einfach aussieht, ist ein Kraftakt fürs Gehirn. Aber durch das regelmäßige Training stellen sich Erfolge ein. So kann sie sich vieles besser merken. Um in einen neuen Alltag zurückzukehren, half ihr auch ein Tanztheaterstück, das eigens für Hirnverletzte konzipiert wurde. Hier fand sie neue Freunde und Zugang zu ihren Gefühlen: "Das Tanzen macht mich extrem glücklich", betont sie.

Sich selbst annehmen, egal, wer man ist. Die eigenen Schwächen und Stärken kennen. Neue Wege gehen. Ist das der Schlüssel zum Glück? Virginie und Nick geben alles, um sich ein neues Leben aufzubauen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt - Die Reportage | 28. Februar 2021 | 08:00 Uhr