10 Jahre UN-Behindertenrechtskonvention Wie steht es um das Recht auf Teilhabe?

Vor zehn Jahren unterzeichnete die Bundesregierung die UN-Behindertenrechtskonvention. Damit verpflichtete sie sich, allen Menschen mit Beeinträchtigungen gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu garantieren. Wie ist der Stand heute?

Seit 10 Jahren haben laut UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland alle Menschen ein Recht auf gleichberechtigte Teilhabe. Doch an der Umsetzung hapert es noch, weiß Martin Fromme. Er trifft mit Menschen, die Ausgrenzung immer noch kennen und eine kritische Bilanz ziehen.

Eine Frage des Respekts

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Rappt für das Recht auf
Selbstbestimmung und Teilhabe: Graf Fidi
Bildrechte: MDR

Graf Fidi, alias Fidi Baum ist Inklusionsbotschafter, Sozialarbeiter und Musiker. Der 38-Jährige rappt über Themen, die ihn bewegen. Auch gegen Ausgrenzung, die er schon seit der Schulzeit immer wieder selbst erlebt. Der Berliner lebt mit einer Spastik und nur einem Finger an der rechten Hand. Zum Inklusionsbotschafter wurde er während des Studiums, als er an seiner Hochschule das Fehlen eines rollstuhlgerechten Zugangs bemängelte.

Am gravierendsten finde ich, dass Menschen, egal welche Beeinträchtigungen sie haben, nicht die Möglichkeit bekommen, unabhängig - und das heißt nicht unbedingt ohne fremde Hilfe, sondern eben selbstbestimmt - zu entscheiden, wie man wann wohin kommen möchte.

Graf Fidi alias Fidi Baum

Teilhabeberatungsstellen sollen helfen

9,4 Prozent der Bevölkerung Deutschlands gelten als schwerbehindert. Nach der UN-Behindertenrechtskonvention gehören jedoch auch Menschen mit langfristig chronischen Erkrankungen, psychosozialen oder anderen Beeinträchtigungen dazu: Ihre Teilhabechancen sind ebenfalls begrenzt. Nimmt man Menschen mit diesen Beeinträchtigungen in Deutschland dazu, steigt die Zahl auf 25 Prozent. Das heißt, ein Viertel der Bevölkerung wird vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen.

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Eine "EUTB" in Berlin: Hier helfen Betroffene anderen Betroffenen. Bildrechte: MDR

Das soll die sogenannte Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung (EUTB) ändern. 500 Anlaufstellen dafür gibt es in Deutschland. Hier helfen Betroffene anderen Betroffenen, und hier wird die Perspektive geändert. Nicht die Behinderung ist das Defizit, sondern die fehlende Hilfe: Man ist nicht behindert, sondern man wird behindert.

Wieviel Teilhabe leisten wir uns?

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Immer im Einsatz für eine inklusive Gesellschaft: Raul Krauthausen. Bildrechte: MDR

Warum klappt es einfach nicht mit der Teilhabe? Für Raul Krauthausen, dem Aktivisten für Inklusion und Barrierefreiheit, ist das klar: "Wir leben immer noch in einer Gesellschaft, in der Menschen mit Behinderung nur mitmachen dürfen, wenn es nicht zu teuer ist", stellt er fest.

Deutlich tritt das beim Thema Wohnen zutage. So gibt es in Berlin für knapp 20.000 Rollstuhlfahrer, die außerhalb von Heimen wohnen, aktuell nur 1.200 rollstuhlgerechte Wohnungen.

Kritisch ist es beim Thema Arbeit. Nur wenige Menschen mit Beeinträchtigung finden eine Stelle auf dem ersten Arbeitsmarkt, die meisten Beschäftigten arbeiten in Behinderten-Werkstätten. Maximal 180 Euro beträgt hier der Monatsverdienst, der gesetzliche Mindestlohn gilt nicht. Und die Zahl der Werkstatt-Beschäftigten ist in den letzten 10 Jahren sogar um 25 Prozent gestiegen - trotz UN-Behindertenrechtskonvention, die die Auflösung solcher Sonderstrukturen verlangt. Von Teilhabe kann man hier nicht sprechen.

Stichwort: UN-Behindertenrechtskonvention Zur Umsetzung der Konvention verabschiedete die Bundesregierung 2011 und 2016 Nationale Aktionspläne, die eine Gesamtstrategie sowie 175 Maßnahmen aller Bundesministerien umfassen. Dazu gehören beschäftigungspolitische Maßnahmen, ein Kennzeichnungssystem für barrierefreien Tourismus oder die Förderung des Behindertensports.

Das Statistische Bundesamt verzeichnet nach eigenen Angaben "eine hohe Inanspruchnahme von Teilhabeleistungen". Im Jahr 2017 hätten und 666.000 Menschen in Deutschland entsprechende Unterstützung erhalten. Dazu zählten heilpädagogische Leistungen für Vorschulkinder, Hilfen zum Erwerb praktischer Kenntnisse und Fähigkeiten für behinderte Menschen, zur Verständigung mit der Umwelt, zum selbstbestimmten Leben in betreuten Wohnmöglichkeiten oder der eigenen Wohnung und zur Teilhabe am gemeinschaftlichen sowie kulturellen Leben.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt | 08. Dezember 2019 | 08:00 Uhr