Selbstbestimmt - Die Reportage | 17.11.2019 Die Gehörlosen und die Wende

Wie haben gehörlose Menschen den Fall der Mauer erlebt? Welche neuen Herausforderungen gab es und was bedeutete der Wunsch nach mehr Freiheit ganz konkret? Die Schwestern Nelly und Peggy aus Sachsen sind selbst gehörlos. Sie machen sich auf Spurensuche. Die Reportage ist eine Ko-Produktion von BR und MDR und wird auch komplett in Gebärdensprache gesendet.

Nelly und Peggy an der Mauer
Die Schwestern Nelly und Peggy Bildrechte: MDR/BR

Nelly und Peggy sind Schwestern, nach der Wende in Zwickau geboren und aufgewachsen. Peggy hat gerade ihr Abitur in Essen gemacht, Nelly studiert Frühförderung in Köln. Beide lieben Sport und spielen für den GSV Zwickau - ein starkes Beach-Volleyball-Team, mit dem sie auch zu sportlichen Wettkämpfen durch halb Europa unterwegs sind. Sie sind gehörlos wie ihre Eltern und sprechen mit ihnen Gebärdensprache, ihre Muttersprache. Alles ganz selbstverständlich. Heute.

Ganz anders sind ihre Eltern aufgewachsen. Norman Steinbach war vor der Wende Leistungssportler und als solcher in der DDR einigermaßen privilegiert.

Mann und Frau
Pia und Norman Steinbach Bildrechte: MDR/BR

Auf meiner Arbeit erhielt ich Anerkennung für meine Leistungen im Spitzensport. Ich konnte während meiner Arbeitszeit Freistellungen beantragen – ich schätze mal, insgesamt war ich ca. sechs bis acht Wochen im Jahr im Trainingslager. Das wurde einfach durchgewunken. Es gab sogar Sonderurlaub dafür. Und das bei vollem Lohn!

Norman Steinbach

Eine eigene Sprache

Mutter Pia Steinbach war da schon weniger privilegiert, sie kommt aus einer religiösen Familie. Gebärdensprache? Fehlanzeige. Gehörlose sollten damals sprechen lernen. Auch im Westen war man kaum weiter. Erst mit dem Fall der Mauer begann man in Ost wie in West von einer eigenen Gebärdensprache zu sprechen.

Eine eigene Sprache? Das machte uns selbstbewusst und stolz. Unsere eigene Sprache! Klar, endlich können wir uns vom Oralismus befreien. Wir können endlich unsere eigene Sprache weiterentwickeln.

Pia Steinbach

Stichwort: Gebärdensprache

Als geistiger Vater der Gebärdensprache gilt der Theologe und Anwalt Abbé Charles Michel de L'Epée. Er gründete 1771 in Paris die erstre Schule für Gehörlose. Im Laufe der Zeit haben sich weltweit etwa 5.000 verschiedene Gebärdensprachen entwickelt. Hinzu kommen Dialekte - zum Beispiel auch Sächsisch. In Deutschland ist die Gebärdensprache erst seit 2002 formell anerkannt und hat damit gleichwertig neben der gesprochenen Sprache Verfassungsrang. In vielen Familien wachsen gehörlose Kinder heute "zweisprachig" auf. Eltern legen oft Wert darauf, dass ihre Kinder neben der Gebärdensprache auch das Sprechen bzw. Lippenlesen lernen. Der Erwerb der Gebärdensprache wird - anders als in den USA oder Skandinavien - in der Regel nicht gefördert, sondern ist Privatsache. Viele Kinder gehörloser Eltern lernen Gebärdensprache schneller als die gesprochene Sprache. Sie hat außerdem den Vorteil der Eindeutigkeit. Bei vielen Wörtern sind die Bewegungen des Mundes zu ähnlich, um sie durch Lippenlesen unterscheiden zu können - zum Beispiel bei "Mutter" und "Butter" oder "aus" und "Haus".

Pia hat lange Jahre als Schauwerbegestalterin gearbeitet, ihr Mann als Mechaniker in einer Motorenfabrik. Für die Eltern und ihre gehörlosen Freunde und Bekannten kam die Wende plötzlich. Für Gehörlose gab es damals nur wenige Informationsmöglichkeiten.

Nach der Wende hat Pia studiert, heute arbeitet sie als Dozentin für Gebärdensprache an der Hochschule Zwickau. Norman ist einer der wenigen, der seinen Job auch nach der Wende behalten konnte. Und Nelly und Peggy? Gehen selbstbewusst ihren eigenen Weg.

Zuletzt aktualisiert: 18. November 2019, 11:16 Uhr