Selbstbestimmt - Die Reportage | In der Mediathek ansehen Die Gehörlosen und die Wende: Eine Familiengeschichte aus Sachsen

Wie haben gehörlose Menschen den Fall der Mauer erlebt? Welche neuen Herausforderungen gab es und was bedeutete der Wunsch nach mehr Freiheit ganz konkret? Die Schwestern Nelly und Peggy aus Sachsen sind selbst gehörlos. Sie machen sich auf Spurensuche. Die Reportage ist eine Ko-Produktion von BR und MDR und wird auch komplett in Gebärdensprache gesendet.

Nelly und Peggy - Protagonistinen in: "Die Gehörlosen und die Wende"
Nelly und Peggy Steinbach gehen auf Spurensuche. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nelly und Peggy sind Schwestern, nach der Wende in Zwickau geboren und aufgewachsen. Peggy hat gerade ihr Abitur in Essen gemacht, Nelly studiert Frühförderung in Köln.

Nelly und Peggy an der Mauer
Die Schwestern Nelly und Peggy Bildrechte: MDR/BR

Beide lieben Sport und spielen für den GSV Zwickau - ein starkes Beach-Volleyball-Team, mit dem sie auch zu sportlichen Wettkämpfen durch halb Europa unterwegs sind. Sie sind gehörlos wie ihre Eltern und sprechen mit ihnen Gebärdensprache, ihre Muttersprache. Alles ganz selbstverständlich. Heute.

Ganz anders sind ihre Eltern aufgewachsen. Norman Steinbach war vor der Wende Leistungssportler und als solcher in der DDR einigermaßen privilegiert.

Auf meiner Arbeit erhielt ich Anerkennung für meine Leistungen im Spitzensport. Ich konnte während meiner Arbeitszeit Freistellungen beantragen – ich schätze mal, insgesamt war ich ca. sechs bis acht Wochen im Jahr im Trainingslager. Das wurde einfach durchgewunken. Es gab sogar Sonderurlaub dafür. Und das bei vollem Lohn!

Norman Steinbach

Eine eigene Sprache

Mann und Frau
Pia und Norman Steinbach Bildrechte: MDR/BR

Mutter Pia Steinbach war da schon weniger privilegiert, sie kommt aus einer religiösen Familie. Gebärdensprache? Fehlanzeige. Gehörlose sollten damals sprechen lernen. Auch im Westen war man kaum weiter. Erst mit dem Fall der Mauer begann man in Ost wie in West von einer eigenen Gebärdensprache zu reden.

Eine eigene Sprache? Das machte uns selbstbewusst und stolz. Unsere eigene Sprache! Klar, endlich können wir uns vom Oralismus befreien. Wir können endlich unsere eigene Sprache weiterentwickeln.

Pia Steinbach
Zwei gehörlose Frauen sitzen an einem Stück der „Mauer“ auf einer Wiese und unterhalten sich in Gebärdensprache 29 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Selbstbestimmt So 27.09.2020 08:00Uhr 28:36 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zwei gehörlose Frauen sitzen an einem Stück der „Mauer“ auf einer Wiese und unterhalten sich in Gebärdensprache 29 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Selbstbestimmt So 27.09.2020 08:00Uhr 28:36 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Stichwort: Gebärdensprache

Als geistiger Vater der Gebärdensprache gilt der Theologe und Anwalt Abbé Charles Michel de L'Epée. Er gründete 1771 in Paris die erstre Schule für Gehörlose. Im Laufe der Zeit haben sich weltweit etwa 5.000 verschiedene Gebärdensprachen entwickelt. Hinzu kommen Dialekte - zum Beispiel auch Sächsisch. In Deutschland ist die Gebärdensprache erst seit 2002 formell anerkannt und hat damit gleichwertig neben der gesprochenen Sprache Verfassungsrang. In vielen Familien wachsen gehörlose Kinder heute "zweisprachig" auf. Eltern legen oft Wert darauf, dass ihre Kinder neben der Gebärdensprache auch das Sprechen bzw. Lippenlesen lernen. Der Erwerb der Gebärdensprache wird - anders als in den USA oder Skandinavien - in der Regel nicht gefördert, sondern ist Privatsache. Viele Kinder gehörloser Eltern lernen Gebärdensprache schneller als die gesprochene Sprache. Sie hat außerdem den Vorteil der Eindeutigkeit. Bei vielen Wörtern sind die Bewegungen des Mundes zu ähnlich, um sie durch Lippenlesen unterscheiden zu können - zum Beispiel bei "Mutter" und "Butter" oder "aus" und "Haus".

Pia hat lange Jahre als Schauwerbegestalterin gearbeitet, ihr Mann als Mechaniker in einer Motorenfabrik. Für die Eltern und ihre gehörlosen Freunde und Bekannten kam die Wende plötzlich. Für Gehörlose gab es damals nur wenige Informationsmöglichkeiten.

Nach der Wende hat Pia studiert, heute arbeitet sie als Dozentin für Gebärdensprache an der Hochschule Zwickau. Norman ist einer der wenigen, der seinen Job auch nach der Wende behalten konnte. Und Nelly und Peggy? Gehen selbstbewusst ihren eigenen Weg.

Pia Steinbachs erinnert sich an eine besondere Anekdote zum Thema Gebärdensprache (DGS) aus der Wendezeit

"Ach! – ja, das hatte ich fast vergessen. Also bewusst von DGS hat damals niemand gesprochen. Wir haben damals alle 'geplaudert' – Gebärden war Plaudern!

Ich war damals auf der Samuel-Heinicke-Schule, die gerade ihr 200-jähriges Jubiläum beging. Ich muss da etwa in der 7. Klasse gewesen sein und wir sollten uns Programmpunkte für das Jubiläum ausdenken: Theater und diverse Auftritte wurden geplant. Auch 'Sehen statt Hören' vom Bayerischen Rundfunk wollte dabei sein und filmen.

Deshalb wurde vorher fleißig geprobt und man suchte nach etwas 'Besonderem', das man den Besuchern dann zeigen könnte. Sie entschieden sich, ein Bild, das ich gemalt hatte, zu zeigen und weil das Fernsehen kam, sollte ich auch etwas zu dem Bild sagen. Ich studierte alse eine Rede ein – in Lautsprache! Übte tagelang zu sprechen und verbog mich innerlich dafür. Der Termin kam immer näher – und ich hatte das Bild im Kopf, dass im Westen das mit der Gebärdensprache schon längst geklärt ist, dass es selbstverständlich ist DGS zu benutzen. Dann kam das Fernsehteam mit ihren Kameras. Ich hatte mich entschieden, den Anweisungen der Lehrer zu widersprechen und nicht zu sprechen sondern zu gebärden. Das tat ich auch – vor laufender Kamera. Anschließend kamen aufgeregte Lehrer auf mich zu: Warum hast du denn geplaudert und nicht gesprochen? Das hättest du nicht tun sollen!

Ich sagte: 'Die Sprachform ist doch egal, ich muss so kommunizieren, wie ich mich am besten ausdrücken kann – durch Gebärdensprache!'

So, jetzt kommt das Spannende: am nächsten Wochenende als Sehen statt Hören dann gesendet wurde, saß ich vor dem Fernseher. Wir konnten es damals empfangen... Aber mein Gesicht war gar nicht zu sehen! Es wurde nur das Bild gezeigt.

Ich habe das erstmal nicht verstanden, erst später, nach dem Mauerfall, habe ich verstanden, dass im Westen die Entwicklung ähnlich wie bei uns verlaufen ist und keiner dem anderen voraus war. Bei uns wurde einfach nicht bewusst von DGS gesprochen sondern vom Plaudern. Alle passten sich den Forderungen der hör- und sprachgerichteten Erziehung an und versuchten zu sprechen. Erst später, Ende der 1990er-Jahre, wurde uns das bewusst. Vorher war da nichts."

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