SonntagsFragen an Gojko Mitić "Unsere Indianer sprechen einwandfreies Deutsch"

Was Pierre Brice im Westen war, das verkörperte Goiko Mitić im Osten. Langes schwarzes Haar, dunkle Augen, immer auf der Seite der Guten: Der "Chefindianer" der DEFA hatte viele Fans, für Jennifer Sonntag war er einer der Helden ihrer Kindheit.

Sonntagsfragen an Gojko Mitic 16 min
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Selbstbestimmt So 02.09.2018 08:00Uhr 16:12 min

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Als Gojko Mitić mit 20 Jahren sein heimatliches Dorf in Richtung Belgrad verließ, wollte er Sportlehrer werden. Als Komparsen für internationale Filmproduktionen gesucht wurden, schlug seine große Stunde. Es dauerte nicht lange und der attraktive, durchtrainierte junge Mann war im Geschäft.

Zunächst stand er als Stuntman und Double vor der Kamera, spielte in westdeutschen Karl-May-Filmen, mimte 1964 in "Unter Geiern" - an der Seite von Pierre Brice alias Winnetou - den Schoschonen-Häuptling Wokadeh. So fiel er der DEFA ins Auge, die Anfang der 1960er-Jahre begann, Indianerfilme im damaligen Jugoslawien zu drehen. Mit Häuptling Tokei-itoh übernahm er in "Die Söhne der Großen Bärin" seine erste Hauptrolle und wurde zum Star.

Vom Sportstudenten zum DEFA-Chefindianer

Sein Blick ließ einem das Blut gefrieren. Die Haltung und Rechtschaffenheit, die Mitić in seinen Rollen als Häuptling verkörperte, wurde vom begeisterten Publikum gern auf die Person selbst übertragen: Er wurde weit über die DDR hinaus zur Kultfigur, die man allerdings synchronisierte, verrät Mitić im Gespräch mit Jennifer Sonntag. Auf seinen Einwand, ein Akzent passe doch zur Rolle, entgegnete damals ein Produktionsleiter:

Unsere Indianer sprechen einwandfreies Deutsch.

Gojko Mitić über seine Rolle als synchronisierter Indianer
Sonntagsfragen an Gojko Mitic
Treff mit dem Helden ihrer Kindheit Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mitićs Versuche, dem Image als "Chefindianer der DEFA" zu entkommen, sind nie ganz geglückt. Selbst nach der Wende blieb er in seiner Rolle als "tapfere Rothaut" gefangen. So stand er von 1992 bis 2006 als Winnetou in Bad Segeberg auf der Bühne. Nun galt er als "Pierre Brice des Ostens". Angeblich. Häufiger passiert es wohl, dass ihn die Leute selbst noch heute auf seine DEFA-Auftritte als Häuptling ansprechen. Nicht nur hierzulande, sondern kürzlich sogar bei einem Dreh in Moskau, erzählt der 78-Jährige.

Das ist wichtig, dass man im Leben strebt nach etwas.

Gojko Mitić über seine Maximen

"Warum solltest du nicht reiten können?"

Tokei-ihto (Gojko Mitic) ist nach der Ermordung seines Vaters der neue Häuptling der Bärenbande.
Tokei-ihto (Gojko Mitic) ist nach der Ermordung seines Vaters der neue Häuptling der Bärenbande. Bildrechte: MDR/Progress/Waltraut Pathenheime

Er sei ein Vorbild gewesen, wegen seiner Rollen und bewundert wegen seiner Stunts, die er bekanntlich immer selber ausführte, aber auch wegen seiner Selbstdisziplin, immer Sport zu treiben, gesund zu leben, Alkohol zu meiden, so sieht es Mitić. Am morgendlichen Schwimmen halte er bis heute bei jedem Wetter fest, erzählt er im Gespräch mit Jennifer Sonntag, auch wenn immer mal Leute am Rand stünden und sich über den "ollen Gojko" zitternd wunderten. Lange Haare würden beim Schwimmen natürlich stören. Er färbe sie silbern, gesteht er und trage sie immer sportlich kurz. Nach seinem Lebensmotto befragt, sagt er: "Den inneren Schweinehund bekämpfen" - und Barrieren überwinden. Warum solltest du nicht reiten können, fragt er die blinde Moderatorin, als das Gespräch in den "SonntagsFragen" auf Teilhabe kommt. Er findet, es käme auf einen Versuch an: "Wenn Du jemanden hast, der dich führt, ist alles perfekt. Vielleicht können wir das machen. Was hältst du davon?"

"Wenn Tecumseh gewonnen hätte ..."

Sonntagsfragen an Gojko Mitic
Jennifer Sonntag lauscht dem weisen Häuptling Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Seine Rollen als Indianer hat Mitić nicht nur sportlich, sondern ernst genommen. Im Gespräch mit Jennifer Sonntag betont er, dass er keine Fantasie-Figuren spielte, sondern historisch verbürgte Charaktere und Geschichten den DEFA-Filmen zugrunde lagen. So wie die von Tecumseh, der ein bekannte politischer und militärischer Führer vom Stamm der Shawnee gewesen sei: "Das war ein Häuptling, der alle Indianerstämme vereinigen und einen indianischen Staat gründen wollte. Wer weiß, wenn es ihm gelungen wäre, hätten wir vielleicht heute keinen Trump", sagt Mitić lächelnd.

"Und er sagte: 'Du bist ein Wolf'"

Das Unrecht, das den Indianern in ihrer Geschichte widerfahren sei, auch daran - so Mitić - erinnerten die Filme, in denen er spielte. Inzwischen hatte er Gelegenheit zu persönlichen Begegnungen. Seitdem weiß er auch, was sein Ebenbild in der Tierwelt ist:

'Was ist dein Ebenbild in der Tierwelt', fragte der Schamane. Ich sagte zu ihm: 'Ich habe keinen, ich habe Indianer nur gespielt.' Und da sagte er zu mir: 'Jetzt kriegst du deinen Namen. Denk an ein Tier. Ich machte die Augen zu und sah einen Wolf. Und er sagte: 'Du bist ein Wolf', lächelte und ging weiter.

Den indianischen Blick auf die Welt, den Menschen als Teil der Natur zu verstehen, und Tiere als Brüder und Schwestern, fände er ganz heilsam heutzutage.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | selbstbestimmt! - Das Magazin | 02. September 2018 | 08:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Oktober 2018, 12:28 Uhr