Stichwort: Hörprothesen "Es gibt einen großen Bedarf"

Wir leben in einem Universum von Geräuschen, Klängen und Tönen. Hören bedeutet Teilhabe. Schwerhörigkeit schließt aus. Angesichts der demografischen Entwicklung boomt der Markt für Hörgeräte und Hörprothesen. Um die Standards in der Versorgung wird noch gerungen.

Auf dem Kongress der Hals-Nasen-Ohren-Ärzte im Mai 2017 in Erfurt war die Medizin-Industrie omnipräsent. Der Markt nicht nur für Hörgeräte, auch für Cochlea-Implantate boomt:

Szene aus: selbstbestimmt! - Die Reportage: Ersatzteil im Kopf
Thomas Topp auf dem Kongress Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In Deutschland werden ca. 5.000 Patienten pro Jahr neu versorgt. Es gibt einen großen Bedarf, denn eine Zahl die immer wieder im Raum steht, besagt, dass es 700.000 bis eine Million Menschen in Deutschland gibt, die hier und jetzt von dieser Therapie profitieren könnten, wenn sie denn frühzeitig diagnostiziert und dann den entsprechenden Kliniken zugeführt werden.

Thomas Topp, Regionaldirektor Firma Cochlear Deutschland

Patientenvertreter fordern mehr Aufklärung und Empathie

Die Versorgung dieser Schwerhörigen - es sind vor allem Senioren - würde - nur bezogen auf die CI-Versorgung - einen Umsatz von 20 Milliarden Euro bedeuten. Angesichts der demografischen Entwicklung ein Massenmarkt, der sich lohnt.

Ein Drittel der Implantierten aber sind gehörlos geborene Kinder - eins von 1.000 kommt mit einem schweren Hörschaden auf die Welt. Sie treffen die Entscheidung für oder gegen ein Implantat noch nicht selbst.

Szene aus: selbstbestimmt! - Die Reportage: Ersatzteil im Kopf
Barbara Gängler setzt sich für Patientenrechte von Gehörlosen ein und engagiert sich in der Interessenvertretung hörgeschädigter Kinder e.V. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Also gerade bei einer CI-Versorgung geht es ja im Grunde um eine lebenslange Entscheidung. Eltern müssen das für ihr Kind, für das Leben entscheiden. Da hängt ganz viel mit dran. Also gerade bei Kindern hängt die Sprachentwicklung mit dran. Das ist eine Entscheidung, die man nicht so nebenbei trifft. Uns ist es wichtig, dass diese Entscheidung informiert und mündig getroffen wird. Und das ist nicht unbedingt gegeben.

Barbara Gängler, Deutsche Cochlea Implantat Gesellschaft e.V.

Auf dem Kongress der Hals-Nasen-Ohren-Ärzte traf sich die Patientenvertretung der CI-Träger mit Medizinern und Therapeuten. Der Verein mahnte bessere Aufklärung und Kommunikation der Ärzte mit ihren Patienten an. Im Rahmen der Tagung präsentierten der Cochlear Implant Verband Mitteldeutschland und die CI-Zentren aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen eine von ihnen gemeinsam erarbeitete Selbstverpflichtung zum Umgang von Patienten und Professionellen auf Augenhöhe. Mehr Empathie der Ärzte wird angemahnt und zum Beispiel auch das Einholen einer Zweitmeinung angeregt.

CI-Register zur Qualitätsssicherung steht aus

Wichtig wäre auch ein Register mit einer Statistik über den Erfolg der Operationen und darüber, zu wie vielen so genannten Explantationen es zum Beispiel aufgrund von Materialfehlern kommt. Auch darüber wurde in Erfurt diskutiert. Denn bisher gibt es keine Dokumentation. "Ein heißes Thema", merkt Gängler an.

Stichwort: Hörgeräte In Deutschland besitzen etwa 2,5 Millionen Personen ein Hörgerät. Von den etwa sechs bis sieben Millionen mittel- bis hochgradig schwerhörigen Menschen sind damit weniger als 50 Prozent mit Hörgeräten versorgt.

Es gibt verschiedene Arten von Hörgeräten, man unterscheidet in erster Linie zwischen Hinter-dem Ohr-Geräten und Im-Ohr-Modellen. Die meisten Menschen tragen ein Hinter-dem-Ohr-Modell. Es eignet sich für Menschen mit zunehmender Hörminderung und zunehmenden Verstärkungsbedarf.

Bei geringer Schwerhörigkeit reicht bei vielen Patienten auch ein Im-Ohr-Gerät. Es lässt sich unauffällig im Ohr tragen. Allerdings kann der geringe Abstand zwischen Mikro und Lautsprecher eher für Störgeräusche sorgen als ein Hinter-dem-Ohr-Modell. Außerdem muss ein Patient bei der Im-Ohr-Variante deutlich mehr zum Krankenkassen-Teil dazu zahlen.

Bei leicht oder mittelgradig ausgeprägter Schwerhörigkeit besteht eine gute Chance, mithilfe eines Hörgeräts wieder besser zu verstehen. Manche Menschen sind aber so stark schwerhörig oder gar taub, da hilft ein solches System nicht. Ihnen kann aber ein sogenanntes Cochlea-Implantat helfen. Es ist eine Prothese, die teilweise im Schädel verborgen liegt. Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Implantation ist immer ein gesunder Hörnerv. Ob der Hörnerv intakt ist, kann nur in einer HNO-Klinik festgestellt werden

Stichwort: Schwerhörigkeit im Alter In Deutschland leben laut Gehörlosen-Bund e.V. ca. 80.000 Gehörlose. Nach Angaben des Deutschen Schwerhörigenbundes gibt es ca. 16 Millionen Schwerhörige. Ca. 140.000 davon haben einen Grad der Behinderung von mehr als 70 Prozent und sind auf Gebärdensprach-Dolmetscher angewiesen. Im Schnitt dauert es sieben Jahre vom beginnenden Hörverlust bis zum ersten Hörgerät. Dabei hat eine unbehandelte Schwerhörigkeit gravierende Folgen, darunter soziale Isolation und geistiger Abbau bis hin zur Demenz. Bei starker Schwerhörigkeit kann sogar das Hirnvolumen abnehmen. 


Mögliche Auslöser für Hörstörungen

Genetische Veranlagung
Ernährung
Diabetes mellitus
Durchblutungsstörungen
Ototoxische Medikamente
Arterielle Hypertonie
Lärm


Typische Reaktionen von Schwerhörigen

Vermeidung sozial orientierter Verhaltensweisen
Unsicherheit und Unbehagen in Gruppensituationen
Vermehrt misstrauische und von aggressiver Selbstbehauptung geprägte Reaktionen
Vortäuschung eines nicht vorhandenen Sprachverständnis, das Fehlreaktionen und konflikthafte Auseinandersetzungen zur Folge haben kann
Mit zunehmender Dauer der Hörbelastung defensives, passives und kontaktarmes Verhalten

Zuletzt aktualisiert: 26. September 2019, 15:32 Uhr