Stichwort Laut- vs. Gebärdensprache?

Mit dem Behindertengleichstellungsgesetz wurden in Deutschland die Grundlagen zur Anerkennung der Gebärdensprache geschaffen. Doch im Alltag haben die Eltern gehörloser Kinder immer noch oft zu kämpfen. Worum geht es?

Die Bildkombo zeigt die Hände von Gebärdendolmetscherin Kathrin-Maren Enders, die am 25.01.2017 in Frankfurt am Main (Hessen) ihre Finger sprechen lässt.
Gebärdendolmetscherin Kathrin-Maren Enders lässt ihre Fimger sprechen. Bildrechte: dpa

Die Haltung vieler Mediziner, Pädagogen und Kostenträger zur Gebärdensprache erinnert an die Diskriminierung, die mit dem Mailänder Kongress 1880 festgeschrieben schien: Damals einigten sich Taubstummenlehrer aus der ganzen Welt, Gehörlosen ausschließlich das Sprechen und Lippenlesen beizubringen und ihnen die "Affensprache" mit den Händen abzugewöhnen. In Deutschland wurden mit dem Behindertengleichstellungsgesetz die Grundlagen zur Anerkennung der Gebärdensprache geschaffen. Seitdem haben Gehörlose Anspruch auf Dolmetscher bei Behörden, vor Gericht, am Arbeitsplatz.

Doch im Alltag kämpfen v.a. die Eltern gehörloser Kinder immer noch darum, dass sie gefördert werden, wenn es darum geht, die Gebärdensprache zu erlernen. Nämlich zum Beispiel dann, wenn die Hörprothese nicht ausreichend weiterhilft: Eine Studie von Prof. Gisela Szagun sagt, dass die Hälfte der Kinder auch mit Cochlea-Implantaten nicht ausreichend hört, um Sprache befriedigend zu lernen. Ähnlich schätzt Astrid Braun vom Cochlear-Implant-Rehabilitationszentrum Halberstadt:

Wenn wir bei den Eltern nachfragen, was sie sich von der CI-Versorgung ihrer Kinder erhoffen, hört man oft: einen regulären Lebensweg, eine reguläre Schulbildung, ein selbständiges Leben. Da müssen wir sagen: Ein Großteil, ungefähr 50 Prozent der Kinder, schafft das tatsächlich.

Astrid Braun, Cochlear-Implant-Rehabilitationszentrum Halberstadt

Doch was ist mit den anderen 50 Prozent? Für sie kann das Erlernen der Gebärdensprache eine Brücke sein, denn sie befördert die geistige Entwicklung ebenso wie die Lautsprache. Hierzulande aber hat das Gebärden keine Lobby. Anders als in den USA oder Skandinavien, wo man die Gebärdensprache an den Schulen wie eine Fremdsprache erlernen kann. Stattdessen argumentieren viele Mediziner und Ämter: Das Gebärden könnte den Spracherwerb der Kinder behindern oder dazu führen, dass sie sich nur noch aufs Gebärden verlassen, mit anderen Worten faul werden, weil die Lautsprache zu lernen anstrengender sei. So können die Eltern nicht selbst entscheiden, mit welcher Sprache ihr Kind besser durch die Welt kommt. Sie müssen die Förderung vor Gericht erstreiten. Doch sollte es am Anfang nicht erstmal darum gehen, dass ein Kind die Welt überhaupt versteht?

In der Welt der Gehörlosen

Eine junge Frau und ein Mann sitzen auf einem grünen Sofa
Heidrun Barth, Gehörlose und Schauspielerin Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nicht jeder kann oder will mit dem Ersatzteil versorgt werden. Dann ist die Gebärdensprache nicht nur Krücke, sondern vollwertige Sprache, findet Heidrun Barth. Sie selbst ist in einer gehörlosen Familie aufgewachsen: "Anfangs wusste ich gar nicht, dass es eine andere Welt gibt, als die der Gehörlosen", sagt die Pirnaerin. Sie fühlt sich fest verwurzelt in der Gehörlosengemeinschaft und die hat für sie neben der eigenen Sprache auch eine eigenständige Kultur. In dem Kinofilm "Stille Angst" spielte Heidrun Barth die weibliche Hauptrolle. Ein Krimi, der von einer Gehörlosen-Crew und mit gehörlosen Darstellern gedreht wurde. Die Kinosäle Deutschlands waren bei jeder Aufführung ausverkauft:

Im Fernsehen gibt es nur Filme von Hörenden. Da müssen wir uns anstrengen, beim Untertitel-Lesen nicht die Handlung zu verpassen. Es ist schön, wenn man in seiner Muttersprache alle Nuancen mitbekommt und entspannt zusehen kann.

Heidrun Barth, Schauspielerin und Gehörlose

Die meisten Eltern und viele ertaubte Erwachsene entscheiden sich heute für ein Cochlea-Implantat. Für sie kann die Hörprothese ein Gewinn sein. Aber die Erfolge dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Technik kein Allheilmittel ist.

Stichwort: Gebärdensprache Als geistiger Vater der Gebärdensprache gilt der Theologe und Anwalt Abbé Charles Michel de L'Epée. Er gründete 1771 in Paris die erstre Schule für Gehörlose.

Im Laufe der Zeit haben sich weltweit etwa 5.000 verschiedene Gebärdensprachen entwickelt. Hinzu kommen Dialekte - zum Beispiel auch Sächsisch.

In Deutschland ist die Gebärdensprache erst seit 2002 formell anerkannt und hat damit gleichwertig neben der gesprochenen Sprache Verfassungsrang.

In vielen Familien wachsen gehörlose Kinder heute "zweisprachig" auf. Eltern legen oft Wert darauf, dass ihre Kinder neben der Gebärdensprache auch das Sprechen bzw. Lippenlesen lernen. Der Erwerb der Gebärdensprache wird - anders als in den USA oder Skandinavien - in der Regel nicht gefördert, sondern ist Privatsache.

Viele Kinder gehörloser Eltern lernen Gebärdensprache schneller als die gesprochene Sprache. Sie hat außerdem den Vorteil der Eindeutigkeit. Bei vielen Wörtern sind die Bewegungen des Mundes zu ähnlich, um sie durch Lippenlesen unterscheiden zu können - zum Beispiel bei "Mutter" und "Butter" oder "aus" und "Haus".

Stichwort: Tag der Gehörlosen In Deutschland leben laut Gehörlosen-Bund e.V. ca. 83.000 Gehörlose. Nach Angaben des Deutschen Schwerhörigenbundes gibt es ca. 16 Millionen Schwerhörige. Ca. 140.000 davon haben einen Grad der Behinderung von mehr als 70 Prozent und sind auf Gebärdensprach-Dolmetscher angewiesen.

Den Tag der Gehörlosen nehmen Gehörlosen-Verbände weltweit zum Anlass, um auf die Situation der Betroffenen aufmerksam und für das Erlernen der Gebärdensprache zu werben. Der Tag wird hier seit Mitte der 1970er-Jahre begangen. Er wurde 1951 vom Weltverband der Gehörlosen ins Leben gerufen. Er wird jeweils am letzten Sonntag im September begangen und beendet die Weltwoche der Gehörlosen.

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