Selbstbestimmt | MDR FERNSEHEN | 18.07.2021 | 08:00 Uhr Aus der Werkstatt an die Uni

Die Idee klingt ungewöhnlich und ist doch bestechend einfach: Menschen mit geistiger Beeinträchtigung oder Lernschwierigkeiten unterrichten selbst, zum Beispiel in sozialen Studiengängen, Medizin oder auch Design und Architektur. Denn sie wissen am besten über das Leben mit Behinderung Bescheid. An der TH Köln können sie sich zu sogenannten Bildungsfachrkäften ausbilden lassen. Tabea Hosche hat sieben von ihnen begleitet.

Drei Männer und zwei Frauen stehen in einer Reihe, sie lachen und gestikulieren.
In der Ausbildung geht es auch darum, Berührungsängste abzubauen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Jenny arbeitete bis vor zwei Jahren in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Dann hat sie sich beim Institut für für Inklusive Bildung Nordrhein-Westfalen beworben. Als eine von sieben erfolgreichen Bewerberinnen und Bewerbern hat sie einen Platz ergattert, um sich zur Bildungsfachkraft zu qualifizieren. "Die Chance, auf den freien Arbeitsmarkt zu kommen und Leuten beizubringen, wie Menschen mit Behinderung leben, finde ich sehr spannend", sagt Jenny.

Studierende für Inklusion sensibilisieren

Die Ausbildung dauert drei Jahre. Ziel ist, dass die Absolventen ab 2022 als Hochschullehrkräfte in sozialen Berufen, Medizin oder Design unterrichten und so ihre eigene Lebensrealität in die Lehre mit einbringen. So sollen sie Studierenden auf Augenhöhe für das Thema Inklusion sensibilisieren und die Bedürfnisse und Sichtweisen von Menschen mit Behinderung vermitteln. Die Vollzeit-Ausbildung ist in dieser Form europaweit einmalig.

Auf dem "ersten Arbeitsmarkt" ankommen

Denn nach der Abschlussprüfung sollen den Auszubildenden Arbeitsplätze auf dem sogenannten ersten Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Das heißt, sie bekommen sozialversicherungspflichtige Arbeitsverträge und werden bezahlt wie reguläre Arbeitskräfte. Das ist nicht selbstverständlich. Die meisten Menschen mit Behinderung arbeiten in Werkstätten zu geringen Löhnen und haben Förderschulen besucht.

So geht es auch den sieben Auszubildenden an der TH Köln. Doch die Ausbildung bietet nicht nur die Chance auf einen besseren Job. Er verändert auch das Selbstwertgefühl. Nach dem ersten Jahr fasst Jennys Kollege Florian zusammen: "Die Studierenden wollen etwas verstehen. Und genau das können wir ihnen vermitteln. Es ist toll zu spüren, etwas bewirken zu können."

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt | 18. Juli 2021 | 08:00 Uhr