30 Jahre Selbstbestimmt Tan Caglar: "Es müsste noch mehr von uns geben“

Vielseitigkeit ist seine Stärke: Tan Caglar ist Basketballspieler, Model, Autor und Stand-up-Comedian. Mit seinem Rollstuhl erobert er die Kleinkunst-Bühnen. Ab August 2021 übernimmt er außerdem die Rolle des Chirurgen Dr. Ilay Demir in der Sachsenklinik der ARD-Serie "In aller Freundschaft". Zum Selbstbestimmt-Jubiläum ist er bei Moderator Martin Fromme zu Gast und steht ihm Rede und Antwort.

Tan Caglar bei MDR Selbstbestimmt
Tan Caglar Bildrechte: MDR

Martin Fromme: 2017 hast du angefangen Stand-up-Comedy zu machen. Ich mach das ja auch schon lange und mein Werbespruch war eigentlich die ganze Zeit, Deutschlands einziger, professioneller, körperbehinderter Komiker zu sein. Das geht jetzt nicht mehr. Wie fühlt man sich an deiner Stelle, wenn man einem Menschen mit Behinderung den Arbeitsplatz streitig macht?

Tan Caglar: Ich hab erstmal geguckt, wie du das machst. Und dann hab ich mir gedacht, eigentlich ist das ganz cool. Ich hab tatsächlich gedacht, dass ich einer der wenigen, oder vielleicht sogar der einzige bin, und dann habe ich mich damit mehr beschäftigt, und dich gesehen und dachte, ja, der macht das schon ziemlich gut. Vielleicht fang ich am anderen Ende des Körpers an, weil der ist ja so oben und ich bin ja unten, was jetzt nicht das Niveau angehen soll.

Tan Caglar bei MDR Selbstbestimmt
Tan Caglar im Gespräch mit Martin Fromme Bildrechte: MDR

Und das fand ich dann cool. Ich hab mir gedacht, dass muss doch irgendwie weitergehen. Das muss auch so bleiben. Ich finde, das ist ja auch ermutigend, das wirst du wahrscheinlich auch oft hören. Und mich wundert es auch, dass es nicht schon mehr von uns gibt. Es müsste noch mehr von uns geben.

M F: Und wir beide, wir drehen ja das Bild von Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft, indem wir einfach auf der Bühne sind.

T C: Wir machen Sachen aus einem gewissen Antrieb heraus, aus einer Leidenschaft, da wir wissen, wir können damit etwas hinterlassen, das ist wichtig. Und wie schön ist es, wenn man später mal in seinem Schaukelstuhl sitzt, ich mit Rädern dran, und sagt: Hey, guck mal.

M F: Würdest du dich denn als Aktivist bezeichnen?

T C: Nein, gar nicht. Das ist auch witzig, dass man automatisch die Inklusion auf die Fahnen geschrieben bekommen hat. Ich sag immer - so unromantisch das auch klingt - ich mach das Ganze hier, erstens weil es mir Spaß macht, zweitens, weil ich unterhalten möchte. Und natürlich ist das ein toller Nebeneffekt, das freut mich riesig. Aber wenn wir das jetzt nur deswegen machen würden, dann wäre es schon wieder nicht inklusiv, weil dann wäre es von außen heran getragen. Und das möchte ich ja gar nicht.

M F: Du bist auch Model. Wie wichtig ist gutes Aussehen, besonders für uns, für Menschen mit Behinderung. Hilft das?

Tan Caglar bei MDR Selbstbestimmt
Tan Caglar bei einer Modenschau Bildrechte: MDR

T C: Man hat mir ganz am Anfang gesagt, in der Comedy ist es eigentlich besser, wenn du total Kacke aussiehst. Ja, weil du dann immer den Tiefstatus spielen kannst, also immer das Opfer. Völliger Unsinn. Bei uns ist es sowieso egal, wie wir aussehen, wir sind trotzdem behindert.

Deswegen spielt das überhaupt gar keine Rolle. Ich glaube, das ist völlig egal, wie du aussiehst. Letztendlich ist es wichtig, was du machst und was du sagst. Du kannst mit dem, was du sagst und ausstrahlst auch gut aussehen. Tust du ja auch. Obwohl du auch ein gutaussehender Mann bist.

M F: Ja Tan, mit Bühnenauftritten ist es ja im Moment Essig. Du hast aktuell eine Rolle bekommen, in der Serie "In aller Freundschaft“.

T C: Ja, ich durfte da jetzt die Rolle des Dr. Ilay Demir ergattern, sozusagen der erste wirklich im Rollstuhl sitzende Arzt. Deswegen ist das jetzt eine schöne Sache. Schade, dass es erst jetzt passiert, aber immerhin, jetzt haben wir es geschafft.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt - Das Magazin | 11. April 2021 | 08:00 Uhr