selbstbestimmt! - Die Reportage | 13.01.2019 | Jetzt in der Mediathek Neuer Rhythmus für das Leben -Tanzen als Therapie

Tanz ist Leben und Teilhabe. Mittlerweile setzt sich die Erkenntnis durch, dass Tanzen sogar heilsam ist. Wie drei Frauen darin ihren Kraftquell und zu einer neuen Haltung fanden, zeigt die Reportage von Herbert Hackl.

Tanzen befreit und macht glücklich - das wissen viele. Auch Menschen mit Behinderung oder Schwerkranken kann die Bewegung zur Musik helfen, ihr Leben wieder als freud- und sinnvoll zu erfahren. Denn: Tanz ist Leben.

Sema Schäffer tanzt seit 40 Jahren im "Rolli"

Neuer Rhythmus für das Leben - Tanzen als Therapie
Sema Schäffer holte Titel beim Roll-Stuhltanzen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sema Schäffer erkrankte im Alter von drei Jahren an Kinderlähmung, erst mit zehn bekam sie einen Rollstuhl, noch Jahrzehnte später erinnert sie sich an das Freiheitsgefühl, sich plötzlich auch außerhalb der Wohnung bewegen zu können. Dann entdeckte sie, dass sie im Rollstuhl tanzen kann. Sportpädagogen der Technischen Universität München entwickelten das Rollstuhltanzen Ende der 1970er-Jahre, vornan stand der Inklusionsgedanke. Standards wie Walzer, Foxtrott oder Samba wurden den Möglichkeiten von Menschen, die im Rollstuhl sitzen, angepasst.

Nach wenigen Jahren gab es bereits nationale und internationale Meisterschaften. Sema Schäffer gewann mehrere Deutsche Titel und zwei Mal auch bei der EM.
Obwohl sie sagt, sie sei ein sehr schüchterner Mensch und nicht gern im Vordergrund, absolvierte sie inzwischen hunderte Showauftritte vor großem Publikum.

Das Tanzen hat mein Selbstwertgefühl sehr gesteigert. Mir ist klar geworden, dass ich gar nicht so eingeschränkt bin, wie ich immer gedacht hab'.

Sema Schäffer übers Rollstuhl-Tanzen

Ingrid Hauff findet nach einer Parkinson-Diagnose ihren Takt

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Einmal die Woche trifft sich Ingrid Hauff zum Tanzen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Inzwischen hat sich gezeigt, dass das Tanzen nicht "nur" der Inklusion dienlich sein kann, sondern als eigene Therapieform bedeutsam ist. Ingrid Hauff lernte sie in einer psychosomatischen Klinik kennen, nachdem sie vor zehn Jahren an Parkinson erkrankte und ihr Leben völlig aus dem Takt geraten war. Bis heute trifft sich die Hamburgerin einmal die Woche zum Tanzen. Sie meint, dass die Bewegung zur Musik ihr helfe, Balance und Beweglichkeit zu trainieren. So müsse sie auch weniger Medikamente nehmen.

Wenn ich tanze, dann ist das manchmal so, als wär' ich gar nicht krank.

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Die Diagnose vor zehn Jahren war ein Schock, in einer psychosomatischen Klinik entdeckte sie das Tanzen als Therapie. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Gefühl täuscht die 54-Jährige nicht. Hauffs behandelnder Arzt Dirk Becker sieht in der positiven Emotion und im Moment der Entspannung, die das Tanzen bringt, die Gründe für diesen Effekt, den "eine geleitete Physiotherapie" so nicht unbedingt habe. Sein Kollege Ingmar Wellach bestätigt ebenfalls, dass bestimmte Formen der Tanztherapie Patienten helfen können, ihr Gleichgewicht besser zu halten. Das sei zentral, weil bei vielen Parkinson-Patienten der Gang immer unsicherer, die Schritte immer kleiner und langsamer würden.

Monika Pötter-Nerger vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf schätzt ein, dass die Tanztherapie sogar Patienten im fortgeschrittenen Stadium helfe, bei denen die klassischen Medikamente gegen Gang- und Bewegungsstörungen, die sich durch Bewegungsarmut noch verstärken, nicht mehr wirkten. Solche Patienten fühlten sich manchmal wie am Boden festgeklebt, beschreibt sie das sogenannte Freezing-Symptom. Die Musik könne solche Blockaden lösen. Inzwischen zeigten diverse Studien, dass das Tanzen der Koordination dienlich sei und auch die für Parkinson typische Apathie und Depression oft gänzlich verschwinden könne. Dass Stimmung und Motivation maßgeblich sind für den Erfolg einer Therapie gilt heute als unbestritten, so zieht der psychologische Ansatz der Tanztherapie auch immer mehr in Kliniken ein.

"Wenn jemand im Rollstuhl sitzt und sagt: 'Ich kann nicht mehr tanzen.' Da sage ich: 'Das wollen wir doch mal sehen.'

Susanne Bender, Tanztherapeutin

Stichwort: Systemische Tanztherapie Susanne Bender gründete 1986 das Europäische Zentrum für Tanztherapie in München, EZETTHERA, heute arbeitet sie auch in Kliniken, u.a. mit Schlaganfall-Patienten.

Dass Tanzen die Psyche ins Gleichgewicht bringt, lernte Susanne Bender in den USA. Sie studierte dort Tanztherapie und holte die Methode nach Deutschland. Vorher hatte sie als Sonderpädagogin mit beziehungsschwierigen Kindern gearbeitet und war an ihre Grenzen gestoßen. Im Tanz entdeckte sie neue Möglichkeiten der Kommunikation.

Bender erklärt die Methode dahinter so: Alle Erlebnisse, jede Prägung durch Umwelt und Familie, jedes Trauma sei im Körper gespeichert wie ein Code. Tanztherapeuten könnten ihn lesen und emotionale Muster erkennen, um sie ggf. zu ändern. So nehme der Tanz Einfluss auf den Körper, die Haltung, was sich wiederum auf das eigene Fühlen und Denken, auf die Selbst- aber auch die Fremdwahrnehmung auswirke.

"Sich wieder spüren" - Undine Uhlig Körper kommt nach einem Burnout zum Tanz

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Undine Uhlig hat das "graue Tuch", das über ihr lag, weggetanzt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Undine Uhlig, die nach einem Burnout das therapeutische Tanzen für sich entdeckte, meint, es habe ihr geholfen, sich vom "grauen Tuch" der Depression zu befreien. Sie habe gelernt, sich wieder zu spüren und ihre Gefühle auszudrücken, statt nur zu funktionieren wie all die Jahre zuvor, in denen sie immer "die Liebe" und perfekt sein wollte. In ihren alten Job wird sie nicht zurückkehren, die Stelle wurde gestrichen. Sie fängt noch einmal neu an - und macht inzwischen eine Ausbildung zur Tanztherapeutin.

Bei einer Depression sind die Gefühle wie mit einem grauen Tuch zugedeckt. Ich spüre nichts mehr … keine Angst, keine Freude, keine Trauer, keine Wut. Und durch die Bewegung wird dieses Tuch weggezogen.

Auch nach 40 Jahren Rollstuhltanzen hat Sema Schäffer ihre Freude daran nicht verloren, obwohl das Training gerade vor den Auftritten hart ist, vier Stunden die Körperspannung halten, zusammen mit dem Partner, der Partnerin agieren, den Rollstuhl in Bewegung halten - das ist schon Sport.

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Sema Schäffer beim Tanzen in einem Club Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Körperlich fit zu bleiben ist das eine, zu zeigen, dass man auch mit seiner Behinderung Teil haben möchte am Leben, ist das andere. So geht sie zum Tanzen auch in Clubs, um zu zeigen, dass auch Menschen wie sie zur Gemeinschaft gehören. Lakonisch meint sie dazu, man müsse sich auch immer selber integrieren: "Also, ich bin da immer in der Offensive."

Zuletzt aktualisiert: 14. Januar 2019, 09:50 Uhr