Jubiläum Thonkunst - Inklusive Chorarbeit auf höchstem Niveau

Neun Leute als Chor auf der Bühne, davon fünf Sänger mit Behinderung, zwei von ihnen sitzen im Rollstuhl. Dann fangen sie an zu singen, eine Bachkantate in mehrstimmigem Satzgesang, ein Gänsehautmoment - und alle staunen. Seit zehn Jahren gibt es den inklusiven Chor, der als Projekt in einer Leipziger Werkstatt der Diakonie entstand und inzwischen Auftritte in ganz Deutschland absolviert.

Das Ensemble Thonkunst 8 min
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Selbstbestimmt So 04.11.2018 08:00Uhr 08:11 min

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Mit einem großen Jubiläumskonzert in der reformierten Kirche in Leipzig feierte das Ensemble "Thonkunst" gerade zehnjähriges Bestehen. Neun Sänger mit und ohne Behinderung gehören zu dem A-Capella-Chor, dessen Repertoire von barocken Chorälen bis zu modernen Popsongs reicht. Auf zwei CDs kann man "Thonkunst" hören - oder eben live erleben:

Frau
Jana Hellem, künstlerische Leiterin Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zahlreiche Konzertreisen führten die Sängerinnen und Sänger inzwischen quer durch Deutschland und sogar bis nach Wien. Doch noch immer ist jeder Auftritt aufregend. Das geht schon bei der Frage los, wie man überhaupt an den Ort des Geschehens gelangt, meint die künstlerische Leiterin Jana Hellem: "Uns sind Rampen unter den Rollstühlen weggebrochen." Kollege Sebastian Korth nimmt es mit Humor: "Wir kennen dadurch viele Schleichwege. Wenn man sich überlegt, in welche Gebäude wir schon alles reinmussten, Wirtschaftseingänge mussten dan freigemacht werden, Hintertüren, Lastenaufzüge."

Inklusive Chorarbeit auf höchstem Niveau

Mann, Metallschienen, Frau
Schon die Anreise kann aufregend sein Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Thonkunst" steht heute für inklusive Chorarbeit auf höchstem Niveau. Entstanden ist das Ensemble als Projekt in der Diakonie am Thonberg in Leipzig - einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Als arbeitsbegleitende Maßnahme gründeten sich dort im Jahr 2000 die "Singing Rollis". Jeder konnte mitmachen. Gesungen wurde einstimmig. Das hatte irgendwann seine Grenzen erreicht. Für mehrstimmigen Gesang braucht es Talent und Musikalität. Die Betreuer entschlossen sich, Interessierte zum Vorsingen einzuladen und geeignete Sänger auszuwählen, wie Jana Hellem erklärt: "Uns fiel die Entscheidung schwer, wir wussten nicht, wie sie aufgenommen wird. Aber wir haben uns gesagt: Inklusion heißt ja auch: Nah an der Realität. Und jeder gute Chor hört sich die Leute an und sagt: 'Du bist geeignet oder nicht.'"

Drei Männer, Notenständer, Musikinstrument
Probe mit Sebastian Korth Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Anspruch an Qualität war von Anfang an da, der Erfolg ließ nicht auf sich warten. Bald wurde nicht nur 2-, sondern 4- und 5-stimmig gesungen. Jana Hellem meint, die Grundarbeit unterscheide sich wenig von den klassischen Chören. Aber es gebe ein paar Eigenheiten, die man beachten müsse, Probleme mit der Rhythmik beispielsweise, die mit körperlichen Beeinträchtigungen zusammenhingen. Sebastian Korth bemerkt hingegen, wie schnell die Sängerinnen und Sänger ihre Texte und Melodien auswendig könnten: "Da häng' ich manchmal noch an meinem Notenblatt dran, obwohl ich ja das Stück vermittele. Das ist so unsere Behinderung, sage ich immer, dass wir die Texte einfach nicht so schnell können."

Leben in der Musik

Sebastian Fischer ist von Anfang an dabei. Der 29jährige gilt als besonderes musikalisches Talent. Er liebt das mehrstimmige Singen.

Ich finde, es gehört auch mit zum Leben. So ganz ohne Musik wäre es langweilig.

Sebastian Fischer, Sänger bei "Thonkunst"
Mann
Sebastian Fischer liebt das mehrstimmige Singen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sebastian arbeitet tagsüber im Bürobereich der Werkstatt. Durch eine angeborene Deformierung der Schläfenlappen hat er epileptische Anfälle, kann sich Dinge schlecht merken und die Orientierung fällt ihm schwer. Dennoch lebt er in einer eigenen Wohnung. Er komme recht gut im Alltag klar, sagt er. Hilfe bräuchte er, wenn er Wege zu erledigen habe, die er nur selten gehe.

In der Musik ist das ganz anders. Seit er denken kann, begeistert sich Sebastian dafür. Schon in der Grundschule hatte er eine eigene Band, sang in diversen Chören, lernte Keybord spielen. Mit seiner Musikalität beeindruckt er heute seine Chorkollegen immer wieder aufs Neue, auch wenn er in der Aufregung mal die Auftrittsschuhe vergisst.

In der Musik merkt er sich alles. Das ist das total Faszinierende dran. Man müßte ihm alles vorsingen, vielleicht würde er sich dann alles merken.

Jana Hellem, künstlerische Leiterin "Thonkunst"

"Nach draußen gehen und zeigen, wofür wir arbeiten"

Eine musikalische Reise durch zehn Jahre "Thonkunst" sollte das Jubiläumskonzert werden. Maria Koschewski erklärt, was die Auftritte mit dem Chor ihr bedeuten:

Man will das Publikum begeistern und ist selber glücklich, wenn man etwas vom Publikum zurückbekommt. Das tut mir auch selber gut. Bei manchen Stücken bin ich regelrecht gerührt, dass manchmal die Tränen fließen.

Maria Koschewski, Sängerin "Thonkunst"
Gebäude
Die Diakonie in Leipzig Thonberg Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Chor hat inzwischen schon zwei CDs produziert. Doch auf der Bühne zu stehen, das sei eben nochmal etwas ganz anderes, sagt Jana Hellem: "Immer nur im Kämmerlein alleine proben, das macht keinen Spaß. So ein Auftritt bringt noch mal einen Push mit für die Leute:

Nach draußen zu gehen und zu zeigen, wofür wir eigentlich arbeiten - das ist sehr bedeutsam."

"Thonkunst" - das ist eine Erfolgsgeschichte - und ob da jemand auf der Bühne steht oder im Rolli sitzt spielt keine Rolle. Denn am Ende ist es die Musik, die beeindruckt.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | selbstbestimmt! - Das Magazin | 04. November 2018 | 08:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. November 2018, 15:46 Uhr

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