Interview Leben mit Behinderung vor 30 Jahren und heute: Was hat sich verändert?

Seit 1990 setzt sich die Interessenvertretung "Selbstbestimmt Leben in Deutschland" für die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderung ein. Ottmar Miles-Paul, Projektkoordinator, und Barbara Vieweg, Sprecherin für Arbeit und Bildung, im Gespräch mit Selbstbestimmt-Moderator Martin Fromme.

Schulanfänger mit Schultüten bei der Einschulungsfeier in der Aula der Grundschule Bennigsen in Springe bei Hannover
Inzwischen können Kinder mit und ohne Behinderung die gleiche Schule besuchen. Bildrechte: imago/epd

Die Interessenvertretung "Selbstbestimmt Leben in Deutschland" wurde vor 31 Jahren gegründet. Wie sah das Leben für Menschen mit Behinderung damals aus?

drei Personen schauen in die Kamera
Martin Fromme im Gespräch mit Barbara Vieweg und Ottmar Miles-Paul. Bildrechte: Selbstbestimmt/JonasJuckeland

Ottmar Miles-Paul: Von Inklusion hat man damals noch gar nicht gesprochen. Bei mir haben sich damals zwei Welten aufgetan. Ich war gerade zurück aus den USA, wo ich anderthalb Jahre die amerikanische Behindertenbewegung kennenlernen durfte. Als ich zurück nach Deutschland kam, stellte ich fest, dass die Busse nicht barrierefrei waren, die meisten Züge waren nicht barrierefrei, viele Gebäude auch nicht. Behinderte Menschen hatten kaum etwas zu sagen, die Verbände waren oft vertreten durch nichtbehinderten Geschäftsführer. In den USA hatte ich aber gesehen, wie es anders laufen kann. So ist die Idee eines selbstbestimmten Lebens gewachsen. Von den Ideen, die ich damals hatte, zehre ich heute noch.

Barbara Vieweg, gab es für Sie auch so einen persönlichen Moment, der Ihr Engagement als junger Mensch auslöste?

Barbara Vieweg: Ich selber habe in Jena Philosophie studiert. Wegen einer angeborenen Gehbehinderung war ich in einer Gruppe von Studierenden, in denen einige mit körperlichen Einschränkungen lebten. In diesem Kreis ist die Idee entstanden, sich als behinderter Mensch zu definieren. Das war damals sehr ungewöhnlich. Vorher hatte man immer gedacht, sich quasi stromlinienförmig anpassen zu müssen. Zum Beispiel stand ich im Zug eher drei Stunden am Stück, bevor ich mich traute, meinen Schwerbehindertenausweis zu zücken und um einen Platz zu bitten. Damals in der Gruppe hat sich ein Prozess des Selbstbewusstseins abgespielt. Das ist die Keimzelle, aus dem viele Verbände, wie auch unserer, entstanden sind.

Wie haben Sie Mitstreiterinnen und Mitstreiter für Ihre Interessenvertretung gefunden?

ein Mann
Ottmar Miles-Paul im Gespräch mit Martin Fromme. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ottmar Miles-Paul: Im Zuge der Bewusstseinsveränderung, die Barbara Vieweg angesprochen hat, haben sich an verschiedenen Orten Initiativen für selbstbestimmtes Leben gegründet, die Leute behinderungsübergreifend zusammengebracht haben. Der Schlüssel war, sich immer wieder zu treffen mit der gemeinsamen Philosophie eines selbstbestimmten Lebens. Das war das Bindeglied zwischen verschiedenen Akteuren.

Sie haben sich beide ihr ganzes Leben lang für Inklusion eingesetzt. Auf welche Errungenschaft sind Sie besonders stolz?

Barbara Vieweg: Früher gab es hitzige Diskussionen, wenn es darum ging, dass zum Beispiel Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam unterrichtet werden sollen. Inzwischen erleben wir eine neue Elterngeneration, die sagt, ich möchte für mein Kind oder meinen Angehörigen eine Alternative zur Sonderschule, ich möchte eine Alternative zur Werkstatt. Das erlebe ich als eine sehr große Bestätigung unserer Arbeit.

eine Frau
Barbara Vieweg im Gespräch mit Martin Fromme. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ottmar Miles-Paul: Ich freue mich besonders, wenn ich Menschen sehe, die etwas geschafft haben, wovon man früher sagte, es gehe nicht. Die also zum Beispiel aus einer Einrichtung ausgezogen sind, um mit Assistenz in einer eigenen Wohnung zu leben. Oder die statt eines Werkstattplatzes einen Arbeitsplatz mit Budget für Unterstützung bekommen haben. Das erwärmt mein Herz, weil bei den Menschen etwas direkt ankommt. Strukturell bin ich stolz, dass wir eine Grundgesetzergänzung bewirkt haben. Das ist der Satz: "Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden."

Was hat das mit Ihnen persönlich gemacht?

Barbara Vieweg: Es ist ein großes Glück, dass ich mein ganzes Berufsleben für eine Organisation arbeiten durfte, mit der ich mich voll identifizieren kann und in der ich selber gewachsen bin.

Ottmar Miles-Paul: Als kleiner sehbehinderter Bub aus dem Dorf hatte ich die Optionen der Korbflechterei, Metall- oder Hauswirtschaft. Das hat mich unheimlich klein gemacht. Es ist ein Glück im Leben, dass ich das Selbstbewusstsein gewinnen konnte, Veranstaltungen zu moderieren, Projekte zu planen, hin und wieder etwas in der Politik zu verändern. Es zeigt, dass in Menschen mehr steckt, als man auf den ersten Blick denkt, wenn man ihnen entsprechende Chancen gibt.

Die Fragen stellte Martin Fromme.

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Frances Herrmann mit ihrem Sohn 30 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Frances Herrmann mit ihrem Sohn 30 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt | 14. November 2021 | 08:00 Uhr