Kinder mit Halstüchern im Unterreicht
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Republik der Pioniere

Für Klassenbeste und eifrige Pioniere gab es in der DDR eine besondere Belohnung: einen Aufenthalt in der "Pionierrepublik Wilhelm Pieck" am Werbellinsee.

Kinder mit Halstüchern im Unterreicht
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Im Juli 1952 wurde in Altenhof bei Berlin eine eigene Republik für die Pioniere der DDR eröffnet. Und kein geringerer als Staatspräsident Wilhelm Pieck war zur Eröffnung angereist. "Ein schöner Tag führt uns heute hier in unserer herrlichen märkischen Heimat zusammen", sagte Pieck in seiner feierlichen Rede. "Der heiß ersehnte Tag ist endlich gekommen: Die Pionierrepublik ist eröffnet." Ein paar Jahre später wird sie seinen Namen verliehen bekommen: "Pionierrepublik Wilhelm Pieck".

"Artek" ist das Vorbild

Die Gestaltung und Ausrichtung der "Pionierrepublik" orientierte sich weitestgehend am "Allunions-Ferienlager Artek" auf der Krim. Selbstredend war alles eine Nummer kleiner gehalten als beim sowjetischen Original. Doch auch das etwa ein Quadratkilometer große Areal am Werbellinsee glich einer kleinen Stadt. Neben den Unterkünften für die Pioniere gab es eine "Polytechnische Schule", Sporthallen, Cafes, ein Kino, eine Theaterbühne, Verkaufseinrichtungen, eine Kinderkrippe und als Attraktion eine mongolische Jurte.

Bildergalerie Ferienlager in der DDR

Was gehört zu einem Ferienlager in der DDR? Klicken Sie sich hier durch Momentaufnahmen aus verschiedenen Orten.

Im Zentralen Pionierlager "Rudi Arndt" Oybin im Zittauer Gebirge verbrigen Jugendliche aus der UdSSR, der VR Polen und Bulgarien zusammen mit Teilnehmern aus der CSSR und der DDR frohe Ferientage, sie sitzen zusammen und singen zur Gitarre.
In einigen Ferien- und Pionierlagern fanden sogenannte "internationale Begegnungen" statt. Die Teilnehmer kamen dabei meist ausschließlich aus osteuropäischen Staaten. Die Kinder und Jugendlichen aus der UdSSR, der Volksrepublik Polen, aus Bulgarien, der DDR und der ČSSR hatten so die Möglichkeit, miteinander Zeit zu verbringen und Freundschaften zu schließen wie 1975 im Pionierlager "Rudi Arndt" im Zittauer Gebirge. Bildrechte: dpa
Im Zentralen Pionierlager "Rudi Arndt" Oybin im Zittauer Gebirge verbrigen Jugendliche aus der UdSSR, der VR Polen und Bulgarien zusammen mit Teilnehmern aus der CSSR und der DDR frohe Ferientage, sie sitzen zusammen und singen zur Gitarre.
In einigen Ferien- und Pionierlagern fanden sogenannte "internationale Begegnungen" statt. Die Teilnehmer kamen dabei meist ausschließlich aus osteuropäischen Staaten. Die Kinder und Jugendlichen aus der UdSSR, der Volksrepublik Polen, aus Bulgarien, der DDR und der ČSSR hatten so die Möglichkeit, miteinander Zeit zu verbringen und Freundschaften zu schließen wie 1975 im Pionierlager "Rudi Arndt" im Zittauer Gebirge. Bildrechte: dpa
Ferienlager DDR Privatbilder
Das obligartorische Neptunfest - gehörte zu jedem Ferienlager am Wasser dazu. Bildrechte: Silke Heinz
Mädchen und Jungen aus der DDR, der UdSSR, Polen, Ungarn und der CSSR erholen sich in den Sommerferien im Pionierlager in Seifhennersdorf.
Tischtennis spielen - die wichtigste Beschäftigung für Ferienlagerkinder - damals wie heute. Bildrechte: dpa
Ferienlager DDR Privatbilder
Ein typisches Zeltlager für Ferienkinder. Bildrechte: Silke Heinz
Ferienlager DDR Privatbilder
Die Betreuer waren meistens junge Studenten. Bildrechte: Silke Heinz
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Zum ersten Mal "Eis am Stiel"

Etwa 1.000 Schüler hielten sich damals gleichzeitig in der "Pionierrepublik" auf. Ausgewählt wurden sie vom "Freundschaftsrat" ihrer jeweiligen Schulen. Wichtigste Voraussetzung: ausgezeichnete schulische Leistungen. Der Aufenthalt währte sechs Wochen und galt als ehrenvolle Auszeichnung. Die Kosten für An- und Abreise, für Unterbringung und Verpflegung übernahm komplett der Staat – etwa 40 Mark pro Tag und Schüler waren es 1988. Und die Versorgung war erstklassig – es gab Bananen und Apfelsinen und viele Kinder aßen hier Anfang der 80er Jahre zum ersten Mal in ihrem Leben Eis am Stiel.

Pioniernachmittage und "Aktuelle Kamera"

Der Tagesablauf in der "Pionierrepublik" war streng reglementiert: morgens Schulunterricht auf hohem Niveau, abgehalten von den besten Fachlehrern der Republik. Nach dem Mittagessen mussten Hausaufgaben erledigt werden, später fanden Pioniernachmittage statt: Internationale Arbeiter- und Freiheitslieder wurden einstudiert und die aktuell-politische Weltlage besprochen. Die Pioniere waren ferner angehalten, täglich aufmerksam die "Aktuelle Kamera" zu verfolgen und deren Inhalt am nächsten Tag beim Appell wiederzugeben. Auch das Führen eines Tagebuchs gehörte zum Tagesablauf in der Pionierrepublik.

Gäste aus aller Welt in der "Pionierrepublik"

Alljährlicher Höhepunkt im Leben der "Pionierrepublik" waren die achtwöchigen "Sommerlager" im Juli und August. Kinder aus aller Welt kamen bei der Gelegenheit am Werbellinsee zusammen. Sie kamen aus Westeuropa, aus Afrika, aus den USA oder Japan. "Die Gäste aus den USA, die waren gefragt worden: Wer will Urlaub hinterm Eisernen Vorhang machen? Die kamen aus purer Neugier", erinnert sich der Pionierleiter Volkmar Ritter. "Wir hatten sogar japanische Industriellenkinder hier, die alles aus eigner Tasche bezahlt haben und relativ verständnislos wieder abgefahren sind."

Die Kinder aus dem Westen sollten staunen über das schöne Leben in dem kleinen Land hinter der Grenze - darum ging es den Verantwortlichen. Und sie sollten die Kunde vom frohen Pionierleben im Sozialismus in ihren jeweiligen Heimatländern verbreiten.

"Abschied für immer"

Im alltäglichen Zusammensein der Kinder spielte die Ideologie allerdings keine große Rolle. "Kinder sind nun einmal nicht politisch", sagt Doreen Irohalen, die mehrmals an den "Sommerlagern" in der "Pionierrepublik" teilnahm. "Man spielt zusammen, und wenn man dann schon ein bisschen älter war, dann hat man sich auch schon mal in den netten jungen Mann aus Spanien verliebt." Einen Wermutstropfen aber gab es stets am Ende der Ferien: "Es war immer klar: Nach zwei Monaten werden die wegfahren und du kannst die nie besuchen und die kommen wahrscheinlich nie wieder hierher. Das war immer ein Abschied für immer."

Das Ende der DDR war auch das Ende der Pionierrepublik

Mit dem Ende der DDR war auch die Zeit für die "Pionierrepublik Wilhelm Pieck" abgelaufen. Die "Republik" wurde privatisiert und bekam einen neuen Namen verpasst: "Europäische Jugenderholungs- und Begegnungsstätte Werbellinsee GmbH". Seither verbringen hier Familien ihren Urlaub, es werden Trainingscamps veranstaltet und - nach wie vor - auch Ferienlager.

Zuletzt aktualisiert: 11. September 2009, 11:54 Uhr