Soljanka & Subbotnik

Was uns die Sowjetunion hinterlassen hat

Vor 25 Jahren im Dezember löste sich die Sowjetunion auf. Der "Große Bruder" der kleinen DDR verschwand. Doch was ist geblieben von 40 Jahren kultureller, wirtschaftlicher, militärischer Abhängigkeit, (aufgezwungener) Freundschaft und Verehrung?

Osteuropa

Bemalte Wand in einer verlassenen Kaserne. Die Farbe blättert ab. 1 min
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Fr 18.11.2016 12:51Uhr 01:09 min

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Wisente statt Waffen

Ein ehemaliger Truppenübungsplatz der Sowjetarmee nahe Berlin ist von der Natur zurück erobert worden. Wo früher Panzer rollten, leben heute wild und frei Wisente und Przewalski-Pferde. Die Flächen sind jedoch noch längst nicht von aller Munition und militärischer Altlast befreit. Die Kampfmittelbeseitigung liegt in der Verantwortung der Besitzer und ist teuer. Eine komplette Räumung ist finanziell nicht zu stemmen und würde außerdem Jahrzehnte dauern.

Panzerfahren als Event

Auf einem anderen ehemaligen Truppenübungsplatz in Thüringen dagegen rollen noch immer die Panzer. Heute allerdings zum Vergnügen und - so absurd es auch klingen mag - für den Naturschutz. Die von den alten Militärfahrzeugen aufgewühlte Erde bildet ein einzigartiges Biotop für Flora und Fauna. So fahren erlebnishungrige Touristen mit einem T-55 oder T-72 martialisch durch riesige Pfützen, aber streng nach Vorschrift der Naturschutzbehörde.

Vom Militärstützpunkt zur Foto-Location

Die bis zu 400.000 in der DDR stationierten sowjetischen Soldaten wohnten in Kasernen, die eine Welt für sich waren, kleinen Städten gleich und in direkter Nachbarschaft zu ostdeutschen Gemeinden. Die Löwen-Adler-Kaserne in Elstal bei Berlin ist heute ein verlassener Ort, die Gebäude sind zerfallen und leer. Als Motiv für Fotografen aber ist sie sehr reizvoll. Ein russischer und ein deutscher Fotograf teilen die Faszination für die Hinterlassenschaften der Sowjets.

Subbotnik 2.0

Schneller entsorgt als die Munition auf den Truppenübungsplätzen waren die Denkmäler. Viele rote Sterne, Lenins und Panzer auf Sockeln wurden entweder verkauft, geklaut, zerstört oder dem Zerfall überlassen. In der kleinen Gemeinde Beilrode nahe Torgau rostete ein alter T-34 vor sich hin. Er sollte an die Befreiung vom Faschismus erinnern. Bis ihn der Bürgermeister nicht mehr so sehen wollte und sein Dorf zu einem Subbotnik aufrief.

Die Trassniks

Druschba heißt Freundschaft. Dieses Wort erinnert nicht nur an die erzwungene Deutsch-Sowjetische Freundschaft, sondern auch an den Erdgastrassenbau. Mehr als 10.000 junge DDR Bürger waren daran beteiligt und verbrachten oft mehrere Jahre in der Sowjetunion. Die Trasse gibt es noch, die meisten ehemaligen Arbeiter auch. Ihre Erinnerung an die Zeit an der Trasse ist beinahe heilig, ihre Bindung zur Sowjetunion, heute zu Russland, immer noch fest. Ein kleiner Verein in Regis-Breitingen steht genau dafür ein. Jährlich organisiert er ein Treffen mit hunderten von ehemaligen Trassen-Kumpels. Darunter auch Paare, deutsch-deutsche oder deutsch-russische, die sich an der Trasse kennen und lieben gelernt haben. In einem kleinen Museum sammelt der Verein alles, was in irgendeiner Weise mit dem Bau der Erdgastrasse zu tun hat. Er hilft den Ehemaligen, wenn es um ihre Rente geht und sucht nach alten Freunden oder Lieben, die verschollen scheinen.

Huldigung für Karl-Marx-Stadt

Umgekehrt finden sich Spuren der DDR auch im heutigen Russland. Veteranen, die als Soldaten hier stationiert waren, haben diese Zeit nicht vergessen. Oft kehren sie sogar wehmütig an ihre alten Dienstorte zurück, zeigen ihren Kindern und Enkeln, wo sie für ein paar Jahre lebten, erinnern sich an die wenigen deutschen Worte, die sie gelernt hatten und an die Menschen, denen sie hier begegnet sind. Auch jüngere Leute haben noch Beziehung zur DDR. Eine Moskauer Band zum Beispiel, deren Sänger als Austauschpionier einige Wochen in Sachsen verbracht hat. Er besingt huldigend Karl-Marx-Stadt. Der Song ist hierzulande unbekannt, eroberte in Russland aber die Charts. Im heutigen Chemnitz gibt es eine junge deutsch-russische Band, deren Leibgericht ganz offensichtlich die Soljanka ist. So heißt es jedenfalls im Refrain einer ihrer Lieder, das sie teils auf Deutsch und teils auf Russisch singen.

Menja sawut …

Russisch war in der DDR Pflichtfach. Heute lernen die Schüler lieber Englisch, Französisch oder Spanisch. In den neuen Bundesländern wählen allerdings deutlich mehr Schüler Russisch als zweite Fremdsprache als in den alten. Damit das so bleibt oder besser, damit die russische Sprache wieder mehr angenommen wird, tourt das "RussoMobil" durch die vereinte Bundesrepublik. Junge russische Muttersprachler stellen sich, ihr Land und ihre Sprache an den verschiedensten Schulen vor. Sie versuchen die Herzen der Schüler zu erobern - mit Plüschtieren, Trickfilmen und ersten Schreib- und Sprechübungen.

Seid bereit

Früher waren die meisten Schüler Pioniere. In Deutschland gibt es die nicht mehr – in Russland dagegen noch immer. Und die Pionierlager? Eines der Bedeutendsten war die Pionierrepublik "Wilhelm Pieck" am Werbellinsee. Erbaut wurden die Pionierlager nach dem sowjetischen Vorbild "Artek" auf der Krim. Nur die besten, fleißigsten und ideologisch gefestigtsten Schüler kamen dort hin. Wo damals die Erziehung zum sozialistischen Menschen im Vordergrund stand, wird heute Wert auf echte Erholung und Freizeit gelegt. Die Pionierrepublik gibt es noch. Sie ist weitestgehend saniert und steht heute als EJB (Europäische Jugendaustausch- und Erholungsstätte) jedem offen. Schulklassen, Sportgruppen, Familien, Geschäftsreisende dort Urlaub machen. In Russland dagegen lebt die Pionier-Bewegung gerade wieder auf.

Über dieses Thema berichtete der MDR im TV: 08.06.2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Juni 2019, 11:24 Uhr