Biathlon | Weltcup Erik Lesser: Ein politischer Biathlet tritt ab

Zwölf Jahre mischte Erik Lesser im Biathlon-Zirkus mit. Am Wochenende stehen seine letzten Rennen beim Weltcup in Oslo an. Der Thüringer hinterlässt eine Lücke im deutschen Team - nicht nur auf sportlicher Ebene.

Ein letztes Mal durch die Loipe pflügen, ein letztes Mal die 50 Meter entfernten schwarzen Scheiben anvisieren, ein letztes Mal ausgepumpt über die Ziellinie fahren: Nach zwölf Weltcup-Jahren, zwei WM-Titeln, drei Olympischen Medaillen und sechs Weltcup-Siegen wird Erik Lesser am Wochenende seine Biathlon-Karriere beenden.

Bereits Anfang März hatte der Thüringer verkündet, nach dieser Saison die Skier und das Gewehr in die Ecke zu stellen. Nach Jahren der Schinderei und Reiserei im Biathlon-Zirkus will der Familienvater neue Prioritäten setzen, mehr Zeit mit der Familie verbringen und langfristig eine Karriere als Trainer einschlagen. Die Motivation, sich jedes Mal aufs Neue zu Höchstleistungen anzutreiben, sei immer "spärlicher" geworden, räumte der 33-Jährige ein. Beim Weltcup-Finale in Oslo will sich der charismatische und stets selbstkritische Athlet nun mit einem letzten Erfolgserlebnis verabschieden.

"Kein Halligalli" zum Abschied

Biathlon: Erik Lesser
Pünktlich zum Abschluss seiner Karriere findet Erik Lesser zurück zu alter Stärke. Bildrechte: imago images/Sven Simon

"Faxen", so Lesser vorab, werde es keine geben. "Mein letztes Rennen soll kein Halligalli, Spiel-, Spaß- und Spannungswettkampf werden - ich will nochmal für eine gute Platzierung in der Massenstartwertung kämpfen." Dass die Formkurve nach den für Lesser so enttäuschenden Olympischen Winterspielen in Peking pünktlich zum Saisonabschluss wieder nach oben zeigt, unterstreicht seine Ambitionen. Bei den vergangenen beiden Weltcups fand er wieder zu alter Stärke, fuhr im Verfolger von Kontiolahti auf den zweiten Platz und zeigte beim Sprint und Massenstart in Otepää mit den Plätzen sieben und fünf, dass er noch längst nicht zum alten Eisen gehört.

Eine letzte Top-Platzierung in Oslo?

"Ich versuche bei meinem letzten Weltcup-Wochenende so cool wie möglich zu bleiben. Die Strecken und der Schießstand lagen mir in der Vergangenheit manchmal - manchmal aber auch nicht. Daher habe ich schon Respekt vor den Wettkämpfen", sagte Lesser vor dem von Freitag bis Sonntag am Holmenkollen stattfindenden Weltcup nahe der norwegischen Hauptstadt.

Besonderes Augenmerk liegt auf dem eröffnenden Sprintrennen am Freitag. Eine gute Platzierung dort und die Chancen auf ein Top-Platzierung im anschließenden Verfolger steigen. "Alles steht und fällt" mit diesem Ergebnis, betonte Lesser, der im Verfolgungs-Weltcup derzeit auf Rang vier steht und "diese Platzierung gerne bestätigen würde."

Ein Mann der klaren Worte

Doch auch ohne eine erneute Gala-Vorstellung in Oslo wird Lesser dem Biathlon-Zirkus fehlen. Neben seinen sportlichen Erfolgen, insbesondere den WM-Titeln 2015 in der Verfolgung und mit der Staffel sowie doppeltem Olympia-Silber 2014 in Sotschi, tat sich der Athlet vom SV Eintracht Frankenhain stets mit klaren Worten und Taten zu politischen und gesellschaftlichen Themen hervor.

Ob "Ich finde die AfD völlig daneben" oder "Das IOC reitet weiter einer Lüge hinterher": Lesser nahm kein Blatt vor den Mund und tut seine Meinung offen kund. Das wurde in den letzten Wochen und Monaten einmal mehr deutlich. Das Internationale Olympische Komitee und dessen Präsident Thomas Bach wurde für seine Haltung vor und während der Olympischen Spielen in Peking vom gebürtigen Suhler harsch kritisiert. Auch zum umstrittenen Austragungsort der Spiele in China fand er deutliche Worte.

Instagram-Account für mehr Aufklärung im Ukraine-Krieg

Erik Lesser
Sprachrohr Lesser: Der gebürtige Suhler scheute sich nicht, unangenehme Themen anzusprechen. Bildrechte: imago images/Eibner Europa

Seinem russischen Mitstreiter im Weltcup, Eduard Latipow, stellte Lesser während des Heim-Weltcups in Oberhof sportliches Equipment zur Seite, als dieser zwei Wochen in Quarantäne verbringen musste. Seine dadurch vor allem in Russland gewonnene Popularität auf Instagram nutzte er wenig später vor dem Hintergrund des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine, als er zunächst der ukrainischen Biathletin Anastasiya Merkushyna und wenig später dem ukrainischen Tennisspieler Sergej Stachowski seinen Account zur Verfügung stellte, um für mehr Aufklärung zu sorgen. "Sicherlich nur ein heißer Tropfen auf einem sehr heißen Stein", erklärte Lesser. Aber eben auch ein wichtiges Zeichen in schweren Zeiten, wenn der Sport in den Hintergrund rückt.

Ein kritischer Geist tritt ab

Sein Rücktritt reißt nach dem Karriere-Ende von Arnd Peiffer im vergangenen Jahr die nächste Lücke im deutschen Team. Auf Lesser war Verlass, ob als Konstante in der Staffel oder abseits von Loipe und Schießstand als sportlicher Antreiber und kritischer Geist. Nicht umsonst fungierte Lesser lange Zeit als Athletensprecher.

Einen Rücktritt vom Rücktritt schloss er aus. Vielmehr wolle er sich an seinem langjährigen Kollegen und Kumpel Peiffer orientieren, der als Experte für die "Sportschau" dem Biathlon erhalten geblieben ist. Doch ob vor dem Mikrofon oder als Trainer - markige Worte werden von Lesser auch in Zukunft zu hören sein.

Erik Lesser 32 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Sportblock | 18. März 2022 | 17:40 Uhr

16 Kommentare

DER Beobachter vor 14 Wochen

Mir drängt sich der Eindruck auf, dass es "den Kritikern" weder um die Persomn an sich noch um Biathlon an sich noch um das Oberhofer Trainingszentrum an sich geht, sondern um Diskreditierung eines nicht erst wegen des russischen Angriffskrieges engagierten Menschen. Wäre der Mann pro Russland und pro AgD, würde er von den Kommentatoren unten hofiert wie sonstwas...

DER Beobachter vor 14 Wochen

Man muss ja kein Biathlon-Fan sein, aber es ist der skandinavischen Tradition in jedweder Hinsicht Freier und ihre Freiheit verteidigen Wollender entsprungen. Habe am Holmenkollen das Sommertraining der norwegischen Jugend beobachten dürfen...

sportspecker vor 14 Wochen

„Der politische Biathlet“. Vielleicht hätte er mal einfach mehr trainiert. Bei den Steuergeldern, welche alleine in Oberhof investiert werden, ist die Ausbeute als recht mager noch umschmeichelt.
Hoffentlich geht der Junge und in Zukunft nicht mehr neben der Strecke auf den Sack. Das Schießen hat mir schon gereicht, im übrigen ist das ein sinnloser Sport.( es sei denn man ist an kriegerischen Auseinandersetzungen interessiert)!
Und die Besserwissis hier, ich scheiß auf euch!