Vorwürfe am Bundesstützpunkt Turnen in Chemnitz Fall Frehse: Der DTB attackiert den OSP scharf

DTB-Vorwurf: OSP-Gutachten soll Ergebnis des Untersuchungsberichts diskreditieren

Der Konflikt um die Turntrainerin Gabriele Frehse spitzt sich zu. Der OSP-Sachsen hat bei einem Chemnitzer Psychologie-Professor ein Gutachten zur DTB-Untersuchung in Auftrag gegeben, dessen Resultat den Verband offensichtlich massiv verärgert. Das Gutachten zeige, so der DTB, dass der "Olympiastützpunkt seine Bemühungen offenbar auf den Versuch konzentriert, die Ergebnisse der unabhängigen Untersuchung zu diskreditieren, statt aus diesen Ergebnissen die gebotenen Konsequenzen zu ziehen." Dem MDR liegt die ausführliche Stellungnahme des DTB vor.

Turnen Symbolbild
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Der Chemnitzer Psychologie-Professors Udo Rudolph schreibt in seinem Gutachten von einer "Vielzahl von Indikatoren, die für deutliche Mängel in der Durchführung der Untersuchung sprechen." Rudolph kritisiert bei der Interviewführung Voreingenommenheit, Parteilichkeit und suggestive Prozesse. Außerdem bemängelte er, dass kein Experte in Rechts- und Aussagenpsychologie das Verfahren begleitet hätte.

DTB kritisiert Gutachten scharf

Der DTB wehrt sich vehement gegen dieses Gutachten. Es sei "auf gänzlich unvollständiger Tatsachengrundlage erstellt" und "nicht im Ansatz geeignet, die Ergebnisse der unabhängigen Untersuchung in Frage zu stellen. Erst recht ist die "Expertise" [Anführungszeichen im Original, d. Red.] nicht dazu geeignet, die Schilderungen der betroffenen Athletinnen in Zweifel zu ziehen."

Über die betroffenen Athletinnen, also diejenigen, die von psychischer Gewalt im Training von Gabriele Frehse berichten, spricht der Chemnitzer Psychologieprofessor auch nicht mit einem Wort. Nirgendwo steht, dass die Schilderungen des psychischen Missbrauchs unglaubwürdig sein. Man kann davon ausgehen, dass Rudolph von diesen Turnerinnen keine Protokolle vorliegen hatte, sondern nur von den Personen, die keinerlei Missbrauch wahrgenommen haben. Aber im Raum bleibt das Urteil von deutlichen Mängeln in der Untersuchung.

Unterschiedliche Rechtsauffassungen beim DTB und OSP

Der DTB entgegnet in seiner Stellungnahme: "Die unabhängige Untersuchung [des DTB, d. Red.] wurde entsprechend den für interne Untersuchungen geltenden und allgemein anerkannten Standards durchgeführt. Das Ergebnis dieser Untersuchung ist ein die tatsächlichen Vorgänge betreffender Untersuchungsbericht, nicht etwa ein psychologisches Gutachten zu einzelnen Personen oder Strukturen."

Also kein Gutachten, dass durch ein Gegengutachten entkräftet werden könne. Grundlegend verärgert es den DTB offensichtlich, "dass der Olympiastützpunkt seine Bemühungen offenbar auf den Versuch konzentriert, die Ergebnisse der unabhängigen Untersuchung zu diskreditieren, statt aus diesen Ergebnissen die gebotenen Konsequenzen zu ziehen." Damit gemeint ist die Entlassung von Gabriele Frehse. Die Trainerin ist nach wie vor aber nur suspendiert, denn DTB und OSP haben unterschiedliche Rechtsauffassungen: Der Deutsche Turnerbund sieht genug Beweise für eine Entlassung.

Die Fronten verhärten sich

Der Olympiastützpunkt, als Frehses Arbeitgeber, zaudert und verweist immer wieder darauf, dass der Untersuchungsbericht nicht vorläge und man deshalb nicht rechtssicher agieren könne. In der Stellungnahme des DTB wird deutlich, wie verhärtet hier die Fronten sind. Es läge "nach wie vor in der eigenen Verantwortung des Olympiastützpunktes, den auch öffentlich bekannten Vorwürfen nachzugehen und diese in eigener Verantwortung aufzuklären. Dies gilt erst recht, wenn von Seiten des OSP Sachsen – wenngleich unberechtigte – Zweifel an den Ergebnissen der unabhängigen Untersuchung bestehen sollten." Dass diese Zweifel am OSP und beim TUS Chemnitz-Altendorf bestehen, ist offenkundig.

Weitere Eskalation vorprogrammiert

Einblick in das Gutachten von Prof. Rudolph wurde dem MDR auf Nachfrage verweigert. Christian Dahms, der Vorstandschef des OSP teilte mit: "Die Expertise ist ein internes Arbeitspapier für uns. Zum aktuellen Zeitpunkt möchten wir dies auch so behandeln und es nicht heraus geben." Frank Munzer, der Präsident des TUS Chemnitz-Altendorf sah sich daran offensichtlich nicht gebunden. Obwohl das Gutachten gerade auf dem Weg zum DTB war, hat er die Schlussfolgerungen des Gutachtens dem Turnportal "Gymmedia" zur Verfügung gestellt. Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit oder gar eine einvernehmliche Lösung zwischen Bundesstützpunkt/OSP und dem DTB scheint derzeit kaum mehr vorstellbar. Bleibt die bange Frage: Wie sieht die nächste Eskalationsstufe aus?

DTB Statement vom 18.03.2021

Der DTB hat die offenbar im Auftrag des Leiters des Olympiastützpunktes Sachsen erstellte "Expertise" zur Stellungnahme des DTB-Präsidiums vom 21.01.2021 zur Kenntnis genommen.

Diese "Expertise" wurde in Unkenntnis des Untersuchungsberichts der vom DTB beauftragten Rechtsanwaltskanzlei und auch darüber hinaus auf gänzlich unvollständiger Tatsachengrundlage erstellt. Sie ist nicht im Ansatz geeignet, die Ergebnisse der unabhängigen Untersuchung in Frage zu stellen. Erst recht ist die "Expertise" nicht dazu geeignet, die Schilderungen der betroffenen Athletinnen in Zweifel zu ziehen.

Die unabhängige Untersuchung wurde entsprechend den für interne Untersuchungen geltenden und allgemein anerkannten Standards durchgeführt. Das Ergebnis dieser Untersuchung ist ein die tatsächlichen Vorgänge betreffender Untersuchungsbericht, nicht etwa ein psychologisches Gutachten zu einzelnen Personen oder Strukturen.

Der DTB hat auch zur Kenntnis genommen, dass der Olympiastützpunkt seine Bemühungen offenbar auf den Versuch konzentriert, die Ergebnisse der unabhängigen Untersuchung zu diskreditieren, statt aus diesen Ergebnissen die gebotenen Konsequenzen zu ziehen. Den Verantwortlichen des Olympiastützpunktes sind die Ergebnisse der unabhängigen Untersuchung bekannt. Soweit datenschutzrechtlich zulässig, wird ihnen auch der Untersuchungsbericht zur Verfügung gestellt werden. Unabhängig davon liegt es nach wie vor in der eigenen Verantwortung des Olympiastützpunktes, den auch öffentlich bekannten Vorwürfen nachzugehen und diese in eigener Verantwortung aufzuklären. Dies gilt erst recht, wenn von Seiten des OSP Sachsen – wenngleich unberechtigte – Zweifel an den Ergebnissen der unabhängigen Untersuchung bestehen sollten.

Der DTB wird die Vorgehensweise der Verantwortlichen des Olympiastützpunkts auch in den Gremien des Stützpunkts erörtern.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR aktuell | 19. März 2021 | 17:45 Uhr

8 Kommentare

Sharis vor 37 Wochen

Ich kann den Herrn Munzer nicht verstehen.
Es mag ja sein, dass sich Frau Frehses Verhalten im Umgang mit den Sportlerinnen in den letzten Jahren gebessert hat, aber deswegen kann man doch nicht einfach vergangene Pflichtverletzungen ignorieren!
Frau Frehses Entschuldigung im MDR-Interview war ja auch eher lapidar nach dem Motto: "Tut mir leid, wenn ich falsch verstanden wurde".
Als echte Aufarbeitung kann ich das von Herrn Munzer & Frau Frehse Gesagte nicht bezeichnen - da muss mehr kommen.
Ist aber nicht gewünscht, denn "the Show must go on" bzw. hat Priorität beim OSP.

Alf09 vor 37 Wochen

Hat der MDR eigentlich keinen anderen Sportjournalist als Hr. Vorderwülbecke? Seinen Beiträgen entnimmt man immer eine starke Nähe zum DTB bzw. zu den Schäfer-Schwestern – die Interessen aller anderen aktiven Sportlerinnen und Mitarbeiter des OSP sind diesen „Journalisten“ doch völlig egal.

Jahrgang 1956 vor 37 Wochen

Was müssen wir uns hier im Osten noch alles gefallen lassen. Was hier Frau Frehse angelastet wird, kann nur eine Denunziation sein. Ich wundere mich, wieso einige Sportler/innen? grade jetzt solche schweren Vorwürfe erheben? Es gibt ja auch dankbare Sportler/innen, die die Vorwürfe gegen Frau Frehse nicht mittragen, aber sie sind wahrscheinlich grade uninteressant. Wir haben früher zu DDR Zeiten Probleme wie Erwachsene geklärt und alle konnten sich wieder in die Augen sehen und jetzt werden Anwälte bemüht und Schlammschlachten ausgetragen. Einfach nur noch peinlich. Ich wünsche den Chemnitzern viel Glück.