Sportpolitik | Anti-Doping Frank Ullrich lässt Amt im NADA-Aufsichtsrat ruhen

Der frühere Weltklasse-Biathlet und heutige SPD-Bundestagsabgeordnete Frank Ullrich lässt sein Amt als NADA-Aufsichtsrat ruhen. Ihm wird Doping zu DDR-Zeiten vorgeworfen. Der 64-Jährige bestreitet ausdrücklich, wissentlich gedopt zu haben.

Frank Ullrich (SPD), Mitglied des Bundestags
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Nach Vorwürfen im Zusammenhang mit Doping in der DDR lässt der Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses und Biathlon-Olympiasieger, Frank Ullrich, seine Funktion im Aufsichtsrat der Nationalen Anti-Doping-Agentur (NADA) ruhen. Er wolle die Kritik, die er für unzutreffend halte, für sich "abwägen und in dieser Zeit das Amt bei der NADA ruhen lassen", erklärte der SPD-Politiker am Mittwoch (6. April) der Deutschen Presse-Agentur. Die Vorwürfe sollten "weder dem Amt schaden, noch das Vertrauen von Doping-Opfern beschädigen".

 Ullrich: "Selbst wissentlich keine Berührung mit Dopingmitteln gehabt"

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hatte zuvor aus Unterlagen der DDR-Staatssicherheit zitiert, in denen der einstige Verbandsarzt des Deutschen Skiläufer-Verbandes der DDR (DSLV), Hans-Joachim Kämpfe, im März vermerkt haben soll, dass Ullrich in der Vorbereitung auf die Olympischen Winterspiele in Sarajewo 1984 mit dem Testosteron-Präparat Oral-Turinabol gedopt werden sollte. Ullrich sei dort in einer Liste zusammen mit 20 anderen Athleten aufgeführt.

Der SPD-Bundestagsabgeordnete bekräftigte am Mittwoch (6. April), dass er weder als aktiver Sportler noch als Trainer "selbst wissentlich keine Berührung mit Dopingmitteln" gehabt habe. "Und doch war ich Teil eines sportlichen Systems, das für uns Sportler mitunter schwer zu durchschauen war. Die Stasi-Akte des Verbandsarztes, der für mich verantwortlich war, zeigt dies", räumte Ullrich ein. "Ich kann mir meinen Namen darin nicht erklären. Zumal ich im dort angegebenen Zeitraum kein aktiver Sportler mehr war." Zugleich sei aber klar, dass dies Fragen aufwerfe, "die mit meinem Amt bei der Nationalen Anti-Doping-Agentur nur schwer zu vereinbaren sind".

Gespräch mit SED-Opferbeauftragten angekündigt

Ullrich nahm das Angebot der SED-Opferbeauftragten des Deutschen Bundestags, Evelyn Zupke, an, mit ihr ins Gespräch zu kommen. "Ich werde mit ihr gemeinsam auch den Austausch mit Doping-Betroffenen suchen. Das ist letztlich eine Chance, gemeinsam mehr Licht in das DDR-Sportsystem zu bringen und in die Rolle, die wir darin gespielt haben. Die Gespräche werden auch helfen zu eruieren, wo wir Doping-Opfer besser unterstützen können", sagte er.

Ullrich ist seit Mitte Dezember Vorsitzender des Sportausschusses im Bundestag, dem aufgrund der Statuten automatisch ein Platz im NADA-Aufsichtsrat zusteht. CDU und CSU hatten bereits Anfang der Woche einen Antrag auf Abberufung des SPD-Politikers vorgelegt. "Wer im Aufsichtsrat einer Organisation sitzt, deren Hauptzweck der Kampf gegen Doping ist, muss über jeden Zweifel erhaben sein, was die eigene Vergangenheit im Zusammenhang mit Doping betrifft. Dies ist bei Frank Ullrich nicht der Fall", heißt es darin. Zuvor hatte auch Birgit Neumann-Becker, Sachsen-Anhalts Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Ullrichs NADA-Berufung scharf kritisiert.

DSV-Kommission entlastete Ullrich 2009

Eine Kommission des Deutschen Skiverbands war 2009 zu dem Schluss gekommen, dass Ullrich in DDR-Zeiten "weder die Einnahme von Dopingmitteln angewiesen noch selbst welche an Athleten verabreicht und auch nicht die Einnahme überwacht beziehungsweise kontrolliert" habe. Der DSV sah deshalb auch keinen Anlass für arbeits- oder dienstrechtliche Schritte sowie sportpolitische Konsequenzen gegen den damaligen Biathlon-Bundestrainer.

Vor über 15 Jahren – im Dezember 2006 – hatte Ullrich in einem Interview mit dem "Hamburger Abendeblatt" auf die Frage geantwortet, ob er ausschließe, dass es zu seiner Zeit in der Doping gegeben habe: "Wenn, dann wurde es zentral gesteuert, ohne dass der Sportler etwas wußte. Wir konnten ja nicht mal eben in die Apotheke gehen. Wenn ein Trunk angerührt wurde und es hieß, das seien Mineralien, habe ich es geglaubt. Und ich glaube es noch heute."

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dpa/red

Vorschaubild Birgit Neumann-Becker 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Dieses Thema im Programm: Sport im MDR AKTUELL Nachrichtenradio | 04. April 2022 | 17:40 Uhr

19 Kommentare

Breakpoint vor 18 Wochen

@hansfriederleistner --- Betreffs Frank Ullrich geht es hier speziell um die Frage, ob er 1984 wissentlich mit Dehydrochlormethyltestosteron ("Oral-Turinabol") gedopt war. --- Ihre Enkeltochter war viel später aktiv. Auch im deutschen Teams der Rhythmischen Sportgymnastik bei Olympia 2012 in London. Leider erreichten die Mädchen in der Qualifikation nur Platz 10 und kamen nicht ins Finale. Dort haben die Russinnen klar gewonnen. Vielleicht waren die besser "vorbereitet"? 😎

hansfriederleistner vor 18 Wochen

Das Doping ist von Land zu Land sehr unterschiedlich behandelt. Da wird gelogen und betrogen. Wenn man dann aber die deutsche Gründlichkeit betrachtet, dürften heute nur noch Zauberer oder Illusionisten dopen.
Meine Enkeltochter war ab 2010 in Schmieden im Internat der Rhytmischen Sportgymnastik. Die wurden laufend kontrolliert. Selbst wenn sie am Wochenende nach Hause fuhren, mußten sie einen Plan, wo sie erreichbar sind, abliefern. Da war Doping unmöglich.
Den gedopten Sportlern möchte ich nur in wenigen ergeizigen Fällen Betrug am Wettkampfgegner unterstellen.Die meisten waren auch Opfer und bezahlten zum Teil mit ihrer Gesundheit.

Breakpoint vor 18 Wochen

@Professor Hans --- " ... wir als Abgeordnete Anfang der 90ziger ..." --- Einfach mal nachgeschaut: In der vorbildlichen Chronik des Thüringer Landtages zur Legislaturperiode 1990 bis 1994 gibt es unter den Abgeordneten keinen "Professor". Und auch keinen "Hans", weder als Vor- noch als Nachname. 😎