Sportpolitik "Schlag ins Gesicht": Kritik an Berufung von Frank Ullrich in die Nationale Anti-Doping Agentur

Mit Empörung hat Birgit Neumann-Becker, die Beauftragte des Landes Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, die Berufung des Ex-DDR-Biathlon-Trainers Frank Ullrich in die Nationale Anti-Doping Agentur aufgenommen. Sie kritisiert unter anderem das lange Schweigen des SPD-Politikers. Die Personalie sei für Doping-Opfer ein "Schlag ins Gesicht" und ein "verheerendes Signal".

Frank Ullrich (SPD), Mitglied des Bundestags
Frank Ullrich Bildrechte: IMAGO / photothek

Die Entsendung des langjährigen Wintersport-Bundestrainers und neuen Vorsitzenden des Bundestags-Sportausschusses, Frank Ullrich (Suhl/SPD), in den Aufsichtsrat der Nationalen Anti-Doping Agentur (NADA) hat für scharfe Kritik aus Sachsen-Anhalt gesorgt: "Das ist angesichts seiner eigenen unklaren Doping-Vergangenheit ein verheerendes Signal und ein Schlag ins Gesicht der Opfer des DDR-Dopingsystems, die noch heute an den gesundheitlichen Folgen leiden", sagt Birgit Neumann-Becker, die Beauftragte des Landes Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Das ist angesichts seiner eigenen unklaren Doping-Vergangenheit ein verheerendes Signal und ein Schlag ins Gesicht der Opfer des DDR-Dopingsystems, die noch heute an den gesundheitlichen Folgen leiden.

Birgit Neumann-Becker, Beauftragte des Landes Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur Pressemitteilung

Die Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen in Sachsen-Anhalt, Birgit Neumann-Becker
Bildrechte: MDR/Florian Leue

In einer Pressemitteilung am Dienstag (29.02.22) beklagt sie vor allem das weitgehende Schweigen des 64-Jährigen, der 1980 in Lake Placid Biathlon-Olympiasieger geworden war und zwischen 1986 und 2015 insgesamt 27 Jahre lang als National- und Bundestrainer im Biathlon und Langlauf fungierte, zum Thema Doping: "Der Vorsitzende des Sportausschusses sollte seine Vergangenheit transparent machen."


Schweigen zeige Ullrichs "schwieriges Verhältnis zur Presse"

Als Vorsitzende des Sportausschusses sitzt er auch im Aufsichtsrat der Nationalen Anti-Dopingagentur NADA. Auf Anfragen zu seiner Vergangenheit, die er bereits zur Wahl zum Chef des Sportausschusses bekam, hat er nicht reagiert. Birgit Neumann-Becker sagt: "Es zeigt ein schwieriges Verhältnis zur Presse an, wenn ein Mitglied des Bundestages sich nicht zur medialen Berichterstattung verhält und nicht für Klarheit und Transparenz sorgt. Die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf, dass Frank Ullrich die gegen ihn erhobenen schwerwiegenden Doping-Vorwürfe aufklärt und seine Verstrickung in die SED-Diktatur aufarbeitet."

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DSV-Kommission 2009: Keine Konsequenzen

2009 hatte eine Kommission, die allerdings entgegen der Empfehlung des Deutschen Olympischen Sportbunds nicht unabhängig war, sondern vom Deutschen Ski-Verband selbst unter dem heutigen Präsidenten Franz Steinle gebildet worden war, festgestellt, dass bei Ullrich weder "arbeits- noch dienstrechtliche Schritte" nötig gewesen seien. Sie bescheinigte ihm einen "unbewusst gesteuerten Verdrängungsmechanismus". So habe er wissen können, dass die "blauen Pillen", die berühmt-berüchtigten Oral-Turinabol-Pillen, "verboten" gewesen sind. Ullrich sprach 2009 davon, dass er unter den "unterstützenden Mitteln" im DDR-Leistungssport Vitamine, Mineralsalze und physiotherapeutische Maßnahmen verstanden habe.

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Vier ehemalige Biathleten belasteten Ullrich

Biathlon-Olympiasieger 1992 Deutsche Männer Staffel mit Mark Kirchner, Ricco Gross, Fritz Fischer und Jens Steinigen
Jens Steinigen (re.) gehörte 1992 zur deutschen Staffel, die Olympia-Gold gewann. Mit dabei auch (v.li.): Mark Kirchner, Ricco Groß und Fritz Fischer. Bildrechte: IMAGO / Laci Perenyi

Wie aus Stasi-Unterlagen und Doping-Prozessen hervorgeht, handelt es sich dabei aber überwiegend um Anabolika, also Dopingmittel. Schon 1991 hatte der frühere DDR-Biathlet Jens Steinigen, der heute als Rechtsanwalt arbeitet, Ullrich belastet. Im März 2009 warf auch der ehemalige Staffel-Weltmeister Jürgen Wirth vor, Ullrich habe die Einnahme von "Oral-Turinabol" angeordnet und überwacht. Ullrichs einstige Mannschaftskameraden und anerkannte Doping-Opfer, Andreas Heß und Jürgen Grundler, hatten gegenüber der ARD Ullrich der Lüge bezichtigt. Dessen Behauptung "Tabletten, blau, gelb oder rosafarbene habe ich nicht auf den Trainingslagern bekommen", empfanden beide als "Lüge und pure Verhöhung" (sportschau.de).

Neumann-Becker: "Schicksale oft erschütternd"

Neumann-Becker berichtet, dass sie seit den Dopingopfer-Hilfegesetzen von 2002 und 2016 viele Dopingopfer beraten hätte. Diese Gesetze sollten diejenigen unterstützen, die als Kinder und Jugendliche von skrupellosen Trainern die verbotenen Substanzen auch unter Anwendung von Druck verabreicht bekommen hatten. Gerade auf Körper in der Wachstumsphase wirkten diese Mittel verheerend. "Die Schicksale der Dopingopfer, die ratsuchend zu uns kommen, sind oft erschütternd", erklärt Neumann-Becker. Doping habe aber nicht nur körperliche, sondern auch schwere psychische Folgen für viele Betroffene. Der Weg bis zur Anerkennung der Doping-Folgeschäden über Gutachten ist für die Opfer langwierig, beschwerlich und belastend. Für die Opfer sei "deshalb unerträglich, wenn ein Mitglied des DDR-Nationaltrainerstabes die gegen ihn erhobenen schwerwiegenden Vorwürfe nicht ausräumt und er nun die nationalen Anti-Doping-Wächter der NADA beaufsichtigen soll".

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Nur eine Enthaltung - NADA sieht keinen Konflikt

Ullrich war einstimmig bei nur einer Enthaltung gewählt worden. Die NADA sieht offenbar kein Problem: "Der Aufsichtsrat der NADA übt eine überwachende Funktion aus. Das operative Geschäft, inklusive aller strategischen Entscheidungen, wird vom Vorstand der NADA verantwortet. Diese klare Trennung von operativem Geschäft und Aufsichtsfunktion ist einer der wesentlichen Kernpunkte der Strukturreform der NADA im Jahr 2011 gewesen. Hierdurch ist es dem Stiftungsvorstand möglich, die Compliance-Anforderungen der WADA nach operativer Unabhängigkeit zu erfüllen."

"Würde man den Sport ernst nehmen ..."

Ein SPD-Abgeordneter gibt zu: "Würde man Sport bei uns wirklich ernst nehmen und hätte man vorher mal genauer bei der Wahl der Person hingeschaut, dann hätte man sich diese Diskussion, die zu erwarten war, sparen können."

cke

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 29. März 2022 | 14:40 Uhr

31 Kommentare

kleinerfrontkaempfer vor 25 Wochen

Neben der hier durch den MDR verkündeten offiziellen Meinung und Interpretation existiert seit einigen Jahre eine fachlich fundierte Arbeit "Blackbox Dopingopferhilfe" (im Internet verfügbar). Die Autoren Prof. Franke, Prof. Treutlein, Frau Lepping und Henner Misersky aus Ilmenau haben die Verfahrensweise des DOH (Dop.opfer Hilfeverein) und verschieden Personalien kritisch hinterfrag und objektiv bewertet.
Herr Misersky hat inzwischen seine Arbeiten auf den Focus der Dopingvergangenheit in der alten BDR gelegt. Hier darf man auf seine Erkenntnisse gespannt sein, sollten sie denn mal publik werden. In einem Interview mit dem "Freien Wort"/Südthüringen am 24.04.2021 hat er objektiv geäußert:" Zwangsdoping gab es weder sozialistisch noch kapitalistisch". Damit dürfte er, wie schon geschrieben, mit der offiziellen Darstellung kollidieren.
Interessant ist auch eine Studie von Prof.Thieme /Uni Koblenz zur angeblich verkürzten Lebenserwartung von DDR-Sportler gegenüber westdeutschen Sportlern

kmr vor 25 Wochen

Der Unterschied bestand darin, dass u.a.Kinder zu Verschwiegenheit verpflichtet wurden. Eltern kein Mitspracherecht und wenn nachgefragt wurde, durfte der Zögling gehen. Auch wurde auf der KJS darauf geachtet, dass man,Achtung!, Systemtreu war. Westverwandschaft durfte es nicht geben oder hat sich öffentlich distanziert. Und der Unterschied Bestand im flächendeckenden und systemischen Doping (KJS) - worauf noch viele (Sie auch?) Stolz sind. Im weiteren habe ich nicht über sein Doping gesprochen, sondern auch über die Zeit auch als Trainer. Und Abschließend, wenn jemand sich um eine exponierte Stellung bemüht, ist es durchaus legitim, seine exponierte Stellung in der DDR zu hinterfragen. Leider scheint dies Herrn Ullrich zulässig. Dann sollte er nur Privatperson bleiben.

Jedimeister Joda vor 25 Wochen

Ich halte es mit dem größten Zimmermann aller Zeiten. Nebenbei hat er gepredigt. Wunder hat er auch getan. Wer frei von Schuld ist, werfe den ersten Stein. Der Rest ist gut bekannt. Gut Nacht