Einschüchterung, mentale Schikane, Training unter Schmerzen Spitzenturnerinnen erheben schwere Vorwürfe gegen Gabriele Frehse – Chemnitzer Olympiastützpunkttrainerin dementiert

Ein halbes Dutzend Kunstturnerinnen hat am Freitag im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" massive Vorwürfe gegen ihre ehemalige Trainerin Gabriele Frehse am Olympiastützpunkt Chemnitz erhoben. Die Athletinnen berichten unter anderem von mentaler Demütigung, Einschüchterung, Training unter Schmerzen sowie der Einnahme von verschreibungspflichtigen Opioiden. Frehse selbst zeigte sich von den Anschuldigungen überrascht und kündigte rechtliche Schritte an.

Gabi Frehse
Die Olympiastützpunkttrainerin Gabriele Frehse sieht sich mit heftigen Anschuldigungen konfrontiert. Bildrechte: dpa
eine Trainerin während des Trainings 3 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sport im Osten Sa 28.11.2020 16:30Uhr 03:09 min

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Es ging mir zwischenzeitlich so schlecht, dass ich manchmal gedacht habe, es wäre einfacher, wenn ich nicht weiterleben würde.

Lisa Hill | Kunstturnerin ("Der Spiegel")

Die Worte stammen von Lisa Hill. Die 28-Jährige Kunstturnerin ist eine von mehreren Spitzenathletinnen, die in einem Artikel des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" vom Freitag (27. November) schwere Vorwürfe gegen Gabriele Frehse erhebt. Frehse ist Trainerin am Olympiastützpunkt (OSP) in Chemnitz. Dort arbeitete sie in den letzten Jahrzehnten überaus erfolgreich mit Spitzenturnerinnen zusammen und führte sie in die Weltspitze.

Weltmeisterin Pauline Schäfer: Mentale Schikane unter Frehse

Pauline Schäfer
Nach Pauline Schäfer wurde der "Schäfersalto", ein Element auf dem Schwebebalken benannt. (Archiv) Bildrechte: imago/Sven Simon

Unter ihnen ist auch Pauline Schäfer, die mit sieben deutschen Meistertitel sowie einer Bronze- und einer Goldmedaille bei den Weltmeisterschaften 2015 und 2017 zu den erfolgreichsten deutschen Kunstturnerinnen der vergangenen 30 Jahre zählt. Nun hat sich die 23-Jährige, wie auch ein halbes Dutzend anderer Frauen, entschlossen, öffentlich zu machen, was ihr unter Frehse am Bundesstützpunkt in Chemnitz widerfahren ist.

Unter anderem prangert Schäfer die mentale Schikane unter Frehse an. "Täglich erniedrigt zu werden – das hinterlässt irgendwann Spuren", meint Schäfer und spielte damit unter anderem auf eine Szene an, die sie bereits mit 17 Jahre unter Frehse erlebt hat. "Wenn ich dich sehe, könnte ich nur noch heulen", gibt Schäfer den Wortlaut ihrer damaligen Trainerin wieder. Dies sei "eine von vielen" Anspielungen auf ihr Gewicht gewesen. "Solche Bemerkungen sind ihr nicht rausgerutscht, damit wollte sie mich bewusst kleinhalten", meinte Schäfer im Gespräch mit dem "Spiegel".

Deutscher Turnsport erstmals massiv im Fokus

Wie stark der Druck auf junge Kunstturnerinnen ist, wurde bereits vor vier Jahren anhand des Missbrauchsskandals in den USA deutlich. Auch Athletinnen aus England, den Niederlanden und der Schweiz schilderten Erlebnisse, die von jahrelanger physischer und psychischer Qual zeugten. In Deutschland schienen solche Probleme lange Zeit nicht zu existieren. Die Aussagen der ehemaligen Schützlinge von Frehse werfen nun einen Schatten auf die Elitenförderung im Turnsport. So ist nicht nur von mentaler Demütigung die Rede, sondern auch von Einschüchterung, Training unter Schmerzen, Diätzwängen und der Empfehlung zur Einnahme von verschreibungspflichtigen Medikamenten.

Opioid Tildin und "Ibuprofen-Kur"

So berichtet Helene Schäfer, die ihrer älteren Schwester 2013 nach Chemnitz gefolgt war, von Schmerzen in der Hüfte, die sie im Alter von 15 Jahren am Turnen hinderten. Eine Untersuchung habe keinen eindeutigen Befund erbracht. Frehse habe ihr daraufhin gesagt, dass sie sich nicht genug anstrengen würde und ihr vorgeschlagen, das Präparat Tildin comp 50mg/4 zu nehmen. Helene Schäfer folgte der Anweisung, ohne zu wissen, dass es sich bei Tildin um ein verschreibungspflichtiges Opioid handelt, welches überwiegend eingesetzt wird, wenn Kinder operiert werden. Auch Pauline Schäfer berichtet von einer "Ibuprofen-Kur" auf Anraten Frehses über einen Zeitraum von mehreren Wochen. Von den Medikamenten erzählen die Schäfer-Schwestern ihren Eltern nichts, aus Angst, den Traum vom Leistungssport begraben zu müssen.   

Helene Schäfer
Auch Pauline Schäfers jüngere Schwester Helene erhebt schwere Vorwürfe gegen Gabriele Frehse. Bildrechte: imago images / Camera 4

Ich sollte ihr zum Beispiel berichten, was ein anderes Mädchen essen würde und ob da auch Schokolade bei sei

Isabelle Marquard | Kunstturnerin ("Der Spiegel")

Bulimie, Spitzel und Selbstverletzungen

Im Vordergrund stand offenbar vielmehr der verzweifelte Wunsch, es der Trainerin recht zu machen. Im Zuge dessen beschreibt Pauline Schäfer, eine Woche lang nur Wasser mit Zitronensaft getrunken zu haben, um ihrer vermeintlichen Gewichtsprobleme Herr zu werden. Lisa Hill, von der das einleitende Zitat stammt, berichtet in diesem Kontext von einer Bulimie, die sie in den schlimmsten Zeiten dazu zwang, sich zweimal täglich zu erbrechen. Darüber hinaus berichten die Turnerinnen, dass sie von Frehse als Spitzel eingesetzt wurden. "Ich sollte ihr zum Beispiel berichten, was ein anderes Mädchen essen würde und ob da auch Schokolade bei sei", erzählt Isabelle Marquard, die viele Jahre am OSP in Chemnitz trainierte. Der psychische Druck sei zudem teilweise so hoch gewesen, dass sich einzelne Mädchen Selbstverletzungen zufügten.

Co-Trainerinnen bestätigen Vorwürfe

Offenbar wurde die Methoden am OSP jahrelang stillschweigend hingenommen. Auch ehemalige Co-Trainerinnen von Frehse berichteten in dem "Spiegel"-Artikel von den psychisch grenzwertigen Methoden und Manipulationen, derer die Athletinnen ausgesetzt waren. "Die Verantwortlichen sind ihrer Verantwortung nicht nachgekommen", betont beispielsweise eine ehemalige Assistentin Frehses, deren Name im Zuge der Berichterstattung geändert wurde. Vielmehr stehe das Prinzip "Zucht und Ordnung" im Vordergrund, um die Turnerinnen zu Höchstleistungen anzutreiben.

Frehse: Die Anschuldigungen sind "haltlos"

Frehse selbst zeigte sich von den Vorwürfen komplett überrascht. Sie sei in erster Linie "sehr traurig darüber" und müsse die Worte Schritt für Schritt "durcharbeiten", sagte die 60-Jährige in einem Telefonat mit dem MDR am Freitag. Die Vorwürfe beschrieb sie als "haltlos", zudem steckten "viele Verleumdungen" in den Anschuldigungen. Die Trainerin ist seit über 40 Jahren im Dienst und hätte nicht mit derartig massiven Unterstellungen gerechnet. Mit den Athletinnen stehe sie nicht mehr in Kontakt. Gegen die Vorwürfe will sie über ihren Anwalt zeitnah vorgehen.

Gabi Frehse
Gabriele Frehse weist jegliche Vorwürfe von sich. Bildrechte: imago images / Schreyer

Die Sachverhalte werden sehr ernst genommen. Wir werden diesen nachgehen und dann über mögliche Konsequenzen entscheiden.

Deutscher Turner-Bund

DTB kündigt unverzügliche Aufklärung an

Auch der Deutsche Turner-Bund (DTB) wurde von der Härte der Anschuldigungen überrascht. Pressesprecher Torsten Hartmann sagte dem MDR: "Die Sachverhalte werden sehr ernst genommen. Wir werden diesen nachgehen und dann über mögliche Konsequenzen entscheiden." Von den beschriebenen Trainingsmethoden distanziere sich der DTB vollumfänglich, mit den jeweiligen Athletinnen stehe man diesbezüglich im Kontakt. In einem Pressestatement vom Freitag betonte der Verband zudem, dass "die in Rede stehenden Sachverhalte" unverzüglich und unabhängig aufgeklärt werden sollen. "Der DTB lehnt jede Form physischer und psychischer Gewalt entschieden und ausnahmslos ab", heißt es weiter. Darüber hinaus begrüßt es der Verband "ausdrücklich, dass sich auch über Deutschland hinaus ehemalige und aktive Athletinnen und Athleten zu Wort melden und über ihre Erfahrungen berichten."

jsc

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR aktuell | 27. November 2020 | 17:45 Uhr

18 Kommentare

Erik vor 33 Wochen

Es gibt wohl kaum einen Leistungssport, bei dem nicht über körperliche und mentale Grenzen gegangen wir - bis zur dauerhaften Schädigung der Gesundheit. Früher gab es ja schon Skandale wegen magersüchtigen Jockeys und Skispringer. Ich glaube, es war Fabian Hambüchen, der meinte, daß Turner erst nach ein paar Bänderrissen die richtige Beweglichkeit haben. Die kaputten Gelenke der Fußballer und das verbreitete Doping im Radsport sind auch seit Jahrzehnten bekannt. Ich selbst bin ambitionierter Freizeitläufer - man glaubt kaum, wie verbreitet Asthma unter Läufern ist, zumindest der Anzahl der Teilnehmer nach, die vor dem Rennen erst einmal einen Hub nehmen. Und daß die Begleiter bei Marathons jedem Läufer "seine Flasche" reichen, hat auch nicht etwa hygienische Gründe. Viele haben ihre (legale) Lieblingsmischung wie Maltodextrin 6 und ein paar Aspirin. Unter Mittelstrecklern wird nach dem Training gern kolportiert, daß man sich am Ende übergeben mußte. usw. etc. ad nauseam...

Bikelike vor 33 Wochen

Nicht das man das falsch versteht, ich kenne Frau Frehse nicht, kann nicht beurteilen, wie sie und Ihr Team die Schützlinge betreuen.
Ich denke nur, das diese Sportart nur dann in den Focus rückt, wenn die Medaillen geliefert werden, dann strahlt die Politik im Vordergrund, die Sponsoren sind spendabel.
Der Druck auf die Trainer ist enorm und als Schuldige müssen dann schnell die Sportler herhalten.
Talent kann auch mit Spaß gefördert werden und am besten kommt man gemeinsam weiter.
Das fehlt wohl noch in Chemnitz.

kasa vor 33 Wochen

Beim Profi-sport heiligt der Zweck immer schon alle Mittel - ich würde nicht sagen „immer mehr“, im Gegenteil, es werden ja immer mehr Sachverhalte aufgedeckt die früher als normal galten :)