Sportpolitik | Dopingaffäre LSB-Chef Hügel: "Es ist die volle Katastrophe!"

Das mutmaßliche Dopinglabor in Erfurt ist für den Landessportbund Thüringen ein Schlag ins Kontor. Über die Praxis des Dr. Schmidt, Maßnahmen und umstrittene Funktionäre sprachen wir mit dem neuen LSB-Chef Stefan Hügel.

Prof. Dr. Stefan Hügel (Präsident Landessportbund Thüringen)
Seit Mitte November 2018 ist der Notar Prof. Dr. Stefan Hügel im Amt. Bildrechte: imago/foto2press

Was bedeutet dieser Dopingskandal für den Landessportbund Thüringen?

Prof. Dr. Stefan Hügel (Präsident des Landessportbundes Thüringen): "Es ist die volle Katastrophe, weil natürlich sofort Thüringen und der deutsche Sport eine Rolle spielen. Erfurt liegt in Thüringen, und Thüringen liegt in Deutschland. Da wird dann ein Haftungsverband hergestellt: Der Sport in Thüringen ist unsauber."

Sind auch deutsche Sportler betroffen? Was sind da Ihre Erkenntnisse?

"Wir haben keine Hinweise auf deutsche Sportler. Aber es wäre blauäugig und kann auch niemand mit Sicherheit sagen, dass da keine deutschen Sportler involviert wären. Das unsportliche Verhalten macht nicht vor Landesgrenzen halt."

Sie haben nun Eltern und Kinder eingeladen, die in der Praxis des mutmaßlichen Doping-Arztes Mark Schmidt untersucht worden waren. Wie weit ist man da?

"Am Mittwochabend beginnen die Gespräche. Es ist nicht ganz so einfach, wie man es sich vielleicht vorstellt. Es gibt ja ein ärztliches Geheimnis. Wir bekommen nicht einfach die Karteikarten mit den Sportlern. Wir haben die Verbände angeschrieben und haben ein Gespräch für die angeboten, die Beratungsbedarf haben."

Was hat Dr. Mark Schmidt bei diesen Kindern untersucht?

"Nach unserem Kenntnisstand hat dieser Arzt die Kinder nicht als leistungsbegleitender Sportarzt untersucht. Sondern er hat eine so genannte Grunduntersuchung für die Aufnahme auf das Sportgymnasium vorgenommen. Ein solcher Check ist in Thüringen vor der Aufnahme auf ein Sportgymnasium Pflicht."

Praxis Dr. Mark Schmidt in Erfurt
Die Praxis von Dr. Mark Schmidt in Erfurt. Bildrechte: imago images/Karina Hessland

Was verspricht man sich von solchen Gesprächen?

"Wir sehen es als Sorgfaltsmaßnahme. Gleichzeitig wollen wir damit unserer Verantwortung jungen Sportlern und deren Eltern gegenüber gerecht werden und uns deren Fragen stellen. Falls etwas schief gelaufen sein könnte … mehr ist es nicht, aber es ist absolut notwendig. Derzeit haben wir keine Erkenntnisse, dass jemand betroffen ist, aber vielleicht gibt es Betroffene."

Natürlich hat das aus heutiger Sicht einen sehr schalen Beigeschmack

Prof. Dr. Stefan Hügel (Präsident des LSB Thüringen) über die Wahl von Heinz-Jochen Spilker zum LSB-Vize. MDR.DE

15 Jahre lang, bis 2012, war Heinz-Jochen Spilker, ein wegen Dopings verurteilter ehemaliger Leichtathletik-Trainer aus Hamm/Westfalen, Vizepräsident im LSB.  Heute ist er Ehrenmitglied im LSB. Wie beurteilen Sie die Wahl von Spilker? Hat das im Zuge der heutigen Doping-Affäre nicht einen sehr, sehr schalen Beigeschmack?

"Bei einem bestimmten Vorleben, heute dann etwas zu unterstellen – das finde ich schwierig. Aber natürlich hat das aus heutiger Sicht einen sehr schalen Beigeschmack. Wer ihn damals auf diesen Posten gehievt hat – da fragen Sie mich zu viel."

Heinz-Jochen Spilker
Heinz-Jochen Spilker: Früher Vize des LSB Thüringen, heute unter anderem Vorstandsvorsitzender des Vereins City-Management Erfurt. An der Ruhruniversität Bochum war er einst Assistent am Lehrstuhl von Kurt Biedenkopf (Ex-Ministerpräsident von Sachsen). Bildrechte: imago/Steve Bauerschmidt

Der Vater von Mark Schmidt, Ansgard Schmidt, war offenbar ein Bindeglied beim Dopinggeschäft. Der Pensionär wurde in Seefeld festgenommen. Er arbeitete im Hauptberuf lange in der Erfurter Anwaltskanzlei "Spilker & Collegen". Halten Sie es für angemessen, dass Herr Spilker Ehrenmitglied bleibt?

"Es geht ja im konkreten Fall um Herrn Schmidt. Ob Ansgard Schmidt mit Herrn Spilker unter einer Decke steckt – ein schwieriges Thema. Ich kann es nicht einschätzen. Wenn im Ergebnis eine Verbindung zu den aktuellen Dopingverwicklungen hergestellt wird, dann wird man sich natürlich auch mit dem Thema der Aberkennung der Ehrenmitgliedschaft beschäftigen."

Auch wenn er am 1. September 2019 von Thomas Zirkel abgelöst wird. Stehen Sie weiter hinter ihrem Geschäftsführer Rolf Beilschmidt, der ebenfalls eine Dopingvergangenheit hat?

"Hinter Herrn Beilschmidt stehe ich nach wie vor. Rolf Beilschmidt ist nach meiner Überzeugung komplett gegen Doping. Er hat als einer der wenigen Sportler zugegeben, gedopt zu haben. Und weil er da Rückgrat hatte, wird er immer noch mit Doping in Verbindung gebracht. Ich finde es respektabel, dass er es zugegeben hat und seinen Fehler eingestanden hat. Besser als zu schweigen. Und trotzdem wird er ans Kreuz genagelt."

Rolf Beilschmidt, Hauptgeschäftsführer Landessportbund Thüringen.
Rolf Beilschmidt Bildrechte: imago/foto2press

Am 1. Mai soll Zirkel mit Beilschmidt zusammen den Übergang gestalten. Könnte sich daran etwas ändern?

"Nach aktuellem Stand nein. Wir haben nicht die geringsten Hinweise, dass Herr Beilschmidt etwas mit der aktuellen Doping-Affäre und Mark Schmidt zu tun hat."

Wie finden Sie das neue Anti-Doping-Gesetz, das ja Ende 2015 gegen den Widerstand des organisierten Sports zustande kam?

"Auch als LSB-Präsident finde ich das gut. Wir dürfen uns nicht der Illusion hingeben, dass es einen dopingfreien Sport gibt. Aber wir müssen alles unternehmen, möglichst viele Dopingfälle aufzudecken. In diesem Zusammenhang bewährt sich das neue Gesetz."

Skiläufer im Pulk. 5 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die ARD-Doping-Redaktion beleuchtet das Thüringer Umfeld des im Zuge der Doping-Razzia verhafteten Erfurter Arztes Mark Schmidt.

Mo 04.03.2019 10:24Uhr 05:07 min

https://www.mdr.de/sport/sport-im-osten/video-279730.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Mit Stefan Hügel sprach Christian Kerber

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR aktuell | 05. März 2019 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. März 2019, 15:29 Uhr

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4 Kommentare

06.03.2019 23:51 part 4

War dann die Patienten- Vergrämung durch die Gesamt- Praxis, nachzulesen in unzähligen Bewertungs-Portalen zu Ärzten und selbst erlebt, Teil einer Strategie oder hatte es mit dem Fall weniger zu tun oder lag es es an den Unzulänglichkeiten der real existierenden Gesundheitspolitik?

06.03.2019 20:19 Thorwald 3

Die Einschätzung von Dr. Hügel zu dem Herrn Beilschmidt finde ich sehr milde. Immerhin hat Herr Beilschmidt nicht nur gedopt , sondern auch Sportkameradinnen bei der Stasi denunziert. Dies hat er bis zur Vorlage von Beweisen stets bestritten. Das dieser Mensch Vorbild für jugendliche Sportlrer sein soll ist schlimm. Weiterhin ist ungeheuerlich das die Thüringer Steuerzahler die üppige Pension für diesen Herrn bezahlen müssen.

06.03.2019 15:41 martin 2

@1 ostbürger: Vielleicht weil die Kanzlei "Spilker & Co" (wenn ich mich zutreffend erinnere: mal wieder) die Beschuldigten in Sachen Doping vertreten wird?

06.03.2019 02:14 OstBürger 1

Geht jetzt die Hetzjagd auf Beilschmidt wieder los? Der Mann war mit seinem früheren Dopinggeständnis wenigstens ehrlich und hat das als LSB-Geschäftsführer auch immer vorgelebt, dass er entschieden gegen Doping ist. Mir erscheinen andere Fragen im aktuellen Fall wichtiger: Was wusste die Landesärztekammer über die Praktiken des Mark Schmidt und ist der Spilker, dessen West-Vergangenheit ja nach der Wende bekannt wurde, in diesen Fall irgendwie involviert. Wieso äußert der sich denn aktuell zu dem Dopingfall nicht???