Olympia-Bilanz | SpiO-Talk IAT-Direktor Tippelt: "Wir liegen im Vergleich deutlich zurück"

"Team D" beendete die Olympischen Spiele in Tokio mit der schlechtesten Bilanz seit der Wiedervereinigung und den Spielen in Barcelona 1992 auf Rang neun im Medaillenspiegel. Am erfolgreichsten waren die Reiter (3 Goldmedaillen) und Kanuten (2) mit elf der insgesamt 37 Medaillen. Das Institut für Angewandte Trainingswissenschaft (IAT) forscht aktuell in 19 Sportarten der Sommerspiele. Über die Bilanz sprachen wir im SpiO-Talk mit dem IAT-Direktor Ulf Tippelt.

Tippelt selbst war bei den Spielen in Tokio vor Ort. Während er die Organisation der Spiele unter dem Einfluss der Corona-Pandemie lobte, fiel sein Fazit zur deutschen Medaillenausbeute eher ernüchternd aus.

"Das Ergebnis ist natürlich nicht zufriedenstellend. Wir liegen im Vergleich zu den Spielen der letzten Jahre deutlich zurück. Gegenüber Rio sind es 20 Prozent, gegenüber London sogar 25 Prozent." Die Zahlen geben aus seiner Sicht Anlass, Schlüsse zu ziehen, was mit Blick auf die kommenden Sommerspiele in Paris 2024 noch möglich sei. Und da gäbe es viel zu tun, wenn man im Konzert der großen Nationen im Vorderfeld mitspielen wolle.

SpiO Talk mit  Dr. Ulf Tippelt 32 min
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Deutschland eine Fußball-Nation

"Wenn man sich mit den führenden Nationen wie Australien, Großbritannien oder auch Japan und Italien, die in der Medaillenwertung vor uns lagen, vergleicht, da spielt der Sport mit Ausnahme des Fußballs in Deutschland eigentlich eine viel zu geringe Bedeutung. Somit ist das Ausgangsniveau, ohne schon über Talente und Leistungssport zu reden, schlechter als in vergleichbaren Nationen", erklärte Tippelt."

Austausch mit anderen Nationen

So gab es in Tokio zwar viele tolle Leistungen - aber auch viele Enttäuschungen, obwohl die Athleten und Athletinnen mit deutlich besseren Vorleistungen nach Tokio gefahren sind und diese dort nicht abrufen konnten. "Nach ersten Analysen, die bereits in Tokio stattfanden, wurden bereits einige Schlüsse gezogen und vor Ort die entsprechenden Mannschaftsleitungen informiert. Im Nachgang soll nun sportartspezifisch die Ergebnisse aufgearbeitet werden", sagte Tippelt. Bereits in Tokio habe man sich mit den Nationen wie Australien, Großbritannien oder Japan ausgetauscht, um von deren Erfahrungen zu lernen. Dabei müsse man nun schnell die entsprechenden Schlüsse ziehen, da in Paris bereits in drei Jahren die nächsten Olympischen Spiele stattfinden.

Konzentration an Stützpunkten wichtig

Viele internationale Stars in Tokio, die Medaillen abgräumt haben, trainieren in Teams und internationalen Gefügen. Dieser tägliche Leistungsvergleich sei absolut notwendig, um sich gegenseitig voranzubringen. "In Deutschland ist es so, dass wir in den Sportarten nicht so viele Topsportler haben. Somit kommt man an einer Konzentration von Stützpunkten nicht vorbei." Hierzulande bestehe jedoch "häufig noch die Tendenz, die ein Stück weit von der Vereinsstruktur herrührt, dass man an den Talenten möglichst lange oder bis zum endgültigen Erfolg festhalten will." Eine positive Ausnahme bildet die Magdeburger Schwimmgruppe von Bundestrainer Bernd Berkhahn, in der Florian Wellbrock und auch Sarah Köhler trainieren. Dabei glänzte der Bremer Wellbrock mit Gold im 10-km-Freiwasserschwimmen und Bronze über 1.500 Meter Freistil - Köhler holte ebenfalls Bronze über 1.500 Meter Freistil.

Sarah Köhler und Florian Wellbrock
Sarah Köhler und Florian Wellbrock Bildrechte: IMAGO / Christian Schroedter

Fazit im Herbst

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) will nun im Herbst eine Bundestrainerkonferenz einberufen, um ein Fazit zu ziehen. Danach werden von den Spitzenverbänden die sportartspezifischen Auswertungen durchgeführt, wo auch das IAT involviert ist. Im Anschluss wird es um die Jahresplanung für 2022 gehen, da bereits die ersten Vorqualifikationen für die Olympischen Spiele in Paris anstehen. "Insofern muss man genau schauen, zu welchem Zeitpunkt man welche Leistungen jetzt schon planen und entwickeln muss", so Tippelt weiter, der bis Paris keine großen personellen Veränderungen bei den Spitzenathleten- und Athletinnen erwartet. "Wir werden keine größere Breite an neuen Talenten oder Sportlern haben, die in Paris an den Start gehen. Wir werden im Wesentlichen wohl auf demselben Niveau aufsetzen."

red

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 10. August 2021 | 17:45 Uhr

1 Kommentar

sternburgopfer vor 17 Wochen

Also bitte, sooooooo überraschend kommt das Ergebnis ja auch nicht. Hat sich ja mindestens seit Sydney 2000 so angekündigt. Und auch seitdem wurde nicht wirklich aktiv dagegen gesteuert.