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Olympische WinterspieleMuss die Politik die Sportler schützen?

von Peer Vorderwülbecke

Stand: 28. Januar 2022, 07:48 Uhr

Die Olympischen Spiele stehen vor der Tür und immer noch gibt es viele Bedenken – bei Politikern genauso wie bei Sportlern. Zum einen natürlich wegen der rigiden Corona-Maßnahmen in Peking, aber auch wegen der politischen Rahmenbedingungen. Wie sollen sich die Sportlerinnen und Sportler verhalten? Was dürfen sie sagen in einem Land, das viele als Diktatur bezeichnen, in dem die Menschenrechte missachtet und die Bevölkerung systematisch überwacht wird? Was müssen Politik und Sportverbände tun?

Die Bundesregierung tut erst mal überhaupt nichts. Ob Ministerinnen oder Minister zu den Olympischen Spielen fliegen, wird als Privatsache deklariert. Die USA, Kanada oder Großbritannien haben sich längst für einen politischen Boykott entschieden. Die deutsche Regierung laviert, wahrscheinlich wird sie gar keine klare Entscheidung formulieren.

Das ärgert Jens Lehmann. Der ehemalige Bahnrad-Olympiasieger sitzt mittlerweile für die CDU im Sportausschuss des deutschen Bundestages und fordert eine Entscheidung: "Man muss klar sagen: Wir haben ein Problem mit Menschenrechten oder mit anderen Dingen in China. Deshalb setzen wir politisch ein Zeichen. Oder auch nicht."

Gegensätzliche Meinungen im Bundestag

Beides wäre für Lehmann in Ordnung, persönlich würde er einen politischen Boykott unterstützen. Anders sieht das der zweite Olympiasieger im Sportausschuss, der ehemalige Biathlet Frank Ullrich: "Politische Boykotte machen nur Gräben auf."

Er würde die Probleme lieber lösungsorientiert angehen – vor Ort. Prinzipiell wäre Ullrich als Vorsitzender des Sportausschusses auch gerne nach Peking gefahren. Rein organisatorisch ist das aber für ihn nicht machbar.

Bestrafungen bei Äußerungen gegen den "olympischen Geist"

Die ganze politische Diskussion gehe am Ende zu Lasten der Athleten, beschwerte sich Biathlet Erik Lesser erst kürzlich. "Wir stehen jetzt da und müssen uns rechtfertigen für Olympische Spiele in einem Land, in dem Menschenrechte verletzt werden. Wir müssen also auch kritischere Töne von uns geben – was Thomas Bach als IOC-Präsident nicht schafft", sagte Lesser dem Münchner Merkur.

Ob die Athleten tatsächlich kritische Töne von sich geben müssen, ob sie es sollen oder überhaupt dürfen, darüber wird immer noch vehement diskutiert. Angefacht wurde die Diskussion durch eine Aussage von Yang Shu, einem Mitglied des chinesischen Organisationskomitees. "Jede Äußerung, die mit dem olympischen Geist zu vereinbaren ist, ist geschützt, da bin ich sicher. Jedes Verhalten, jede Rede, die gegen den olympischen Geist, besonders gegen chinesische Gesetze und Regularien ist, unterliegt genauso gewissen Bestrafungen."

Aktive wissen nicht, was sie sagen dürfen

Das haben viele Athleten als unverhohlene Drohung verstanden. Zumal den wenigsten Athleten klar sein dürfte, wie genau chinesische Gesetze und Regularien in Bezug auf die freie Meinungsäußerung aussehen. Johannes Herber, Geschäftsführer der Sportler-Interessensvertretung "Athleten Deutschland", hat direkten Kontakt zu vielen Olympiafahrern.

"Für die Athletinnen und Athleten ist es im Moment völlig unklar, was sie sagen dürfen und wo sie es sagen", so Herber. Vermutlich würden sich deshalb die meisten gar nicht zu politischen Themen äußern. "Wir raten den Athletinnen und Athleten auch nicht dazu, denn wir trauen China alles zu", sagt Herber vielsagend.

Die Politik hat die Brisanz der Situation durchaus im Blick. "Die Politik muss dafür sorgen, dass die Sportler das sagen können, was sie sagen wollen", fordert Jens Lehmann. "Ohne Repressionen."

Demonstration von in München lebenden Exil-Uiguren Anfang Januar auf dem Marienplatz mit dem Aufruf, die Olympischen Spiele in Peking zu boykottieren. Bildrechte: imago images/Wolfgang Maria Weber

Sportlerinnen und Sportler sollen sich auf Leistungen konzentrieren können

"Wir müssen hier als Politiker Flagge zeigen", sagt auch Frank Ullrich, "wir möchten unsere Athleten unterstützen, damit sie sich nicht in dieses Minenfeld begeben müssen." Ihm sei es wichtig, dass die Athleten sich auf sich konzentrieren könnten, um "ihre sportliche Leistung abzurufen."

Und genau darum geht es ja auch eigentlich bei Olympischen Spielen. Fast drei Viertel der Athleten nehmen nur einmal an Olympischen Spielen teil. Es handelt sich in Peking also für viele um den Höhepunkt in ihrer Sportkarriere. "Athletinnen und Athleten sind Experten, wenn es darum geht, äußere Einflüsse auszublenden", sagt Johannes Herber. Aber seine Nachricht ist nicht positiv: "Aber was danach passiert, wenn die Anspannung abfällt, das wird, glaube ich, viel mehr und viel tiefer einschlagen, als alle anderen Spiele zuvor."

Ulrich: "Finger in die Wunde legen"

Frank Ullrich, der immerhin bei elf Olympischen Spielen dabei war, freut sich dennoch auf Peking: "Ich bin trotzdem überzeugt, das werden gute Olympische Spiele. Mit vielen Facetten, wo China sich einerseits darstellen wird, aber wir auch andererseits mal den Finger in die Wunde legen können."

Vielleicht ist das eher die Aufgabe der Politiker, und nicht der Sportler. Die wollen sich auf die Wettkämpfe konzentrieren. Und im besten Fall sportliche Erfolge feiern.

Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | Sport im Osten | 29. Januar 2022 | 14:00 Uhr

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