Leichtathletik | Olympia Speerwurf-Olympiasieger Röhler spricht von Wettbewerbsverzerrung

Die Kritik an der Austragung der Olympischen Spiele in Tokio wächst wegen der weiterhin angespannten Corona-Lage. 100 Tage vor der geplanten Eröffnungsfeier sprachen wir darüber mit Thomas Röhler, dem Speerwurf-Olympiasieger von 2016 in Rio de Janeiro und Mitglied der IAAF-Athletenkommission.

"100 ist natürlich eine schöne Zahl. Es ist ein positives Vorzeichen für Sportler, wenn dieser Countdown läuft. Ich nehme diese Zahl als kleine Motivation, aber es gibt auf dem Weg zu den Olympischen Spielen noch sehr viel zu tun", erklärt Röhler.

"Es gibt Existenzängste"

Als Mitglied der Athletenkommission bekommt der Olympiasieger von 2016 in der schwierigen Pandemie-Situation auch Feedback von den Sportlern. "Wir tun als Athletenkommission alles, um möglichst viele Meinungen unter einen Hut zu bekommen und versuchen die Athleten mitzunehmen. Es gibt natürlich auch Existenzängste. Gerade bei Sportlern, die am Anfang oder am Ende ihrer Karriere stehen. Die haben es sehr schwer und stehen kurz davor, ihre sportliche Karriere aufgrund von finanziellen Nöten und mentalen Komplikationen an den Nagel hängen zu müssen."

Thomas Röhler
Thomas Röhler gewann 2016 Olympia-Gold Bildrechte: imago/Annegret Hilse

Erneute Verschiebung der Spiele?

Neueste Umfragen in Japan haben ergeben, dass 70 Prozent der Bevölkerung für eine Verschiebung oder gar eine Absage der Spiele plädieren. Diese Tendenz kann Röhler sehr gut nachvollziehen. "Wenn das eigene Volk Risiken sieht, ist es sehr schwer, sich als internationale Sportgemeinschaft einzuladen. Das ist als Sportler definitiv ein Punkt, der mir Bauchschmerzen bereitet. Wir wissen nicht, wie sich die dynamische Lage bis zu den Spielen entwickelt. Wir müssen als Sportler mit anpacken, um den Karren am Laufen zu halten. Doch wir wissen auch, dass die Spiele definitiv nicht das Fest werden, wie wir uns das alle wünschen."

Von Belek zurück nach Jena

Röhler selbst steckt bereits seit einem halben Jahr in der Vorbereitung. Im März gab es im türkischen Belek die ersten Trainingswürfe mit dem Speer. Doch wegen der akuten Corona-Situation wurden die Trainingslager in wärmeren Gefilden vom Verband untersagt, um das Risiko zu minimieren. Zwar ist der 29-Jährige darüber "nicht happy" – bleibt aber flexibel. "Ich hoffe auf schönes Wetter, dass wir in unserem Stützpunkt in Jena trainieren können, auch wenn es bei drei Grad Celsius aktuell sehr schwierig ist."

Druck vor Olympia? Röhler bleibt gelassen

Um sich dennoch gut vorzubereiten, wird das Training entsprechend angepasst. Dafür "werden weniger Speere und dafür mehr Bälle geworfen". Dabei hofft Röhler auf den Start der Wettbewerbe im Mai und Juni, wenn die deutschen Meisterschaften geplant sind. Durch seine Erfahrungen blickt Röhler jedoch entspannt in die Zukunft. "Ich gehe mit keinem Muss-Gefühl in die Saison hinein, denn ich bin bereits Olympiasieger. Davon zehre ich, dass ich daraus Gelassenheit schöpfen kann. Alles kann, nichts muss, gerade in diesen verrückten Zeiten. Mehr als gesund sein, gut trainieren und mich auf das Event freuen, kann ich aktuell nicht."

red

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