Leichathletik Olympiasieger Waldemar Cierpinski: "Ich war der absolute Außenseiter"

1980 krönte sich Waldemar Cierpinski das zweite Mal zum Olympiasieger im Marathon. 40 Jahre später müssen die Spiele in Tokio aufgrund der Corona-Pandemie ausfallen. Im "SpiO"-Talk (30.04.2020) hat er mit uns auf die aktuelle Situation der Athleten geblickt und die damalige Zeit Revue passieren lassen.

Als Abebe Bikila 1960 bei den Olympischen Spielen in Rom über die Ziellinie lief, war für den damals 10-jährigen Cierpinski die Sache klar: "Da möchte ich auch hin". Im Gespräch mit MDR-Reporterin Eike Papsdorf-Friedrich erinnerte er sich genau: "Er (Bikila, Anm. d. Red.) gab mit den Anstoß. Das habe ich damals im Fernseher gesehen. In dem Moment war ich erstaunt, weil er barfuß auf dem Kopfsteinpflaster lief."

"Ich wollte mich einfach gegen die Besten beweisen"

Über sportliche Laienwettkämpfe, Hindernis- sowie 5.000- und 10.000m-Läufe verfestigte sich das Ziel des heutigen Hallensers immer mehr – auch wenn er zu Beginn "der absolute Außenseiter" in der damaligen DDR-Riege der Sportler war. Doch die harte Arbeit zahlte sich aus und so krönte sich Cierpinski 1976 in Montreal zum Marathon-Olympiasieger: "Es war kein einfacher Weg, diese erste Goldmedaille zu erreichen. Ich wollte mich einfach gegen die Besten der Welt beweisen".

Vier Jahre später wiederholte er sein Kunststück in Moskau. Damit gelang es ihm als einzigem Athleten neben seinem Idol Bikila zwei Olympische Goldmedaillen im Marathon zu gewinnen. 1984 hätte Cierpinski womöglich ein weiteres Edelmetall seiner Sammlung hinzufügen können. Doch der DDR-Olympiaboykott der Spiele in Los Angeles versperrte ihm, wie auch vielen anderen Athleten, den Weg.

Olympiasieger Waldemar Cierpinski (DDR, 1980) wird von Sportfotografen abgelichtet
Waldemar Cierpinski dreht nach seinem zweiten Marathon-Olympiasieg eine Ehrenrunde. (Archiv) Bildrechte: imago/Sven Simon

Olympiaverschiebung: "Das ist für einen Sportler etwas Grausames"

Auch in diesem Jahr sind zahlreiche Sportler von der coronabedingten Absage der Spiele in Tokio betroffen. Cierpinski kennt die Situation und fühlt mit ihnen: "Das ist für einen Sportler etwas ganz Grausames. Es ist nicht nur die Verschiebung, sondern auch die jahrelange Vorbereitung, die es für alle ganz schwer macht. Auch ich dachte mir damals: Vier Jahre umsonst trainiert. Denn das war kein 8-Stunden-Tag, sondern Training rund um die Uhr."

Dennoch kann Cierpinski, der nebenbei mit seinem Sohn ein Sportartikelgeschäft in Halle betreibt, der momentanen Situation auch etwas Positives abgewinnen: "Jede Medaille hat zwei Seiten. Die aktuelle Konstellation zeigt, wie viele Leute auf der Straße laufen und Fahrrad fahren."

Waldemar Cierpinski berichtet über seinen Zieleinlauf von 1976 bei seinem Empfang anlässlich des 40. Jahrestages seines Marathon-Olympiasieges 1976 in Halle.
Waldemar Cierpinski (2016) Bildrechte: imago/Eckehard Schulz

Fußball statt Laufschuhe

Und auch für ihn selbst hat sich in den letzten Wochen einiges geändert: "Ich beginne in der Krise wieder laufen zu lernen". Zuvor hingen die Laufschuhe nicht grundlos am Nagel: "Wenn man 250.000 Kilometer in seinem Leben gelaufen ist, wünscht man sich auch mal etwas anderes. So habe ich die Sportart gewechselt und zwei- bis dreimal in der Woche Fußball gespielt."

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jsc

Dieses Thema im Programm: MDR+ | "SpiO"-Talk | 30. April 2020 | 09:30 Uhr

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